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Künstler, Väter, Verliebte

In dieser Woche ist der Tisch reichlich gedeckt. Neue Dokumentarfilme gibt’s im Kino und auch im Fernsehen. Dort finden sich diese Woche auf einige interessante Wiederholungen. Gute Zeiten für Festplattenrekorder – schon mal speichern für die mageren Wochen.

Der 500. Todestag von Hieronymus Bosch ist natürlich ein Merkdatum auch für Filmemacher und Senderprogrammierer. Ins Kino kommt „Hieronymus Bosch – Schöpfer der Teufel“ des niederländischen Autors Pieter van Huystee. Der Film befasst sich mit den Bildern des Malers indirekt, seine Perspektive ist die der Restauratoren, die anhand der Werkgeschichten Bilder neu bewerten, zuordnen und entdecken können. Heike Heinrich hat den Film schon gesehen. Noch aus der Vorwoche steht Heike Heinrichs Text über „Dügün – Hochzeit auf Türkisch“ hier zum Nachlesen.

Ins Kino kommen in dieser Woche jeweils am 15.09. weitere Künstlerfilme. Da wäre “The Beatles „Eight Days a Week – The Touring Years“ von Ron Howard. Angekündigt wird, dass mit Hilfe der digitalen Technik alte Super-8-Filme auf heutigen Sehstandard gebracht werden und, wie sollte es anders sein, natürlich auch ein ganz neues virtuelles Konzerterlebnis. Mal sehen.

Der weltberühmte Cellist Yo-Yo Ma mit den Musikern des „Silk Road Ensemble“ mit Musikern aus aller Welt,  auf Tournee, gedreht von Morgan Neville in „The Music of Strangers“. Der Kritiker der New York Times hätte in der einen oder anderen Szene gerne mehr über die Musiker erfahren, hat aber dann beim Hören der Musik alle Einwände wieder vergessen.

In „Rudolph Thome – Überall Blumen“ hat die Filmemacherin Serpil Turhan den heute schon wieder weitgehend vergessenen Filmregisseur bei seiner letzten Filmarbeit begleitet, ein Film, der nie fertig wurde. Epd-Film nennt den Film „ein liebevolles und ungewöhnliches Porträt“ eines Eigensinnigen.

Menschen, die mit multipler Sklerose leben müssen, sind die Protagonisten des Films „Multiple Schicksale“ des Schweizer Regisseurs Jann Kessler. Er verarbeitet darin auch die Krankheitsgeschichte seiner Mutter. Der Film ist in der Schweiz schon erfolgreich gelaufen.

Nun zum Fernsehen.

Nach der Kinoauswertung zum ersten Mal im Fernsehen zu sehen: „I Want to See the Manager“ von Hannes Lang. Ein Filmessay, der auf sieben Orten auf dem Globus spielt und einen verrückten Weltzustand und die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen erzählen möchte (Arte, Di 13.09.2016, 23.25).

Auch schon eine Kino-Auswertung hinter sich und nunmehr TV-Erstaufführung hat „Verliebt, verlobt, verloren“ von Sund-Hyung Cho. Die Autorin erzählt eine Geschichte, von der die meisten noch nie gehört haben dürften. Noch während des Koreakriegs Anfang der fünfziger Jahre schickte das Land Studenten in die DDR, sie studierten in Leipzig, jena, Rostock. Wie das Leben so spielt, studierten die jungen Nordkoreaner nicht nur, sondern verliebten sich auch, gingen Beziehungen ein. Bis der Staat einen ganz schnellen und harten Schlussstrich zog. Der RBB zeigt den schönen Film auch am Dienstag, den 13.9.2016 um 23.30.

Einen mit gleich vier interessanten Filmen bestückten Abend über Väter hat ZDF-Kultur am Mittwoch, den 14.09.2016 programmiert.

Er beginnt mit dem herausragenden Film „Aus dem Abseits“ von Simon Brückner über seinen Vater Peter Brückner, einem der in der 68er-Bewegung wichtigen öffentlichen Intellektuellen – ein Muss für alle, die sich für Zeitgeschichte interessieren.

Danach folgt „Portrait of a Lone Farmer“ von Jide Tom Akinleminu: ein junger Filmemacher auf der Suche nach seinem Vater, der allein in Nigeria lebt. Ein Film über das Leben in mehreren Kulturen, der 2014 den 3-Sat-Dokumentarfilmpreis auf der Duisburger Filmwoche bekam.

Dann kommt „Forgetting Dad – Vater ohne Vergangenheit“ der amerikanischen Autoren Rick Minnich und Matt Sweetwood. Ein Vater, der bei einem Autounfall sein Gedächtnis verliert. Rekonstruktion eines Lebens aus Erzählungen und Dokumenten anderer.

Und schließlich eine der Ausgrabungen, die man auf ZDF-Kultur gelegentlich finden kann: einen Film von Hans-Dieter Grabe von 1986: „Abdullah Yakopglu: Warum habe ich meine Tochter getötet?“ Über einen Mann, der nach türkisch-islamischen Moralvorstellungen lebt und nicht damit fertig wird, dass seine Töchter sich anders entscheiden. (00.40-01.30)

Und noch eine Ausgrabung des zweiten großen Alten des deutschen Dokumentarfilms, Klaus Wildenhahn. Zwei miteinander zusammenhängende Filme 1973 unter dem Obertitel „Die Liebe zum Land“ entstandene Filme zeigt der NDR. „Familienbetrieb mit 64 Stück Milchvieh“ erzählt vom verzweifelten Versuch von Bauer Petersen, mit seinem Betrieb konkurrenzfähig zu bleiben (NDR, Di 19.09.2016, 00.00-01.15). „Drei Treckerfahrer, ein Melker und ihre Frauen“ schildert die Lebensumstände einer Gruppe von Landarbeitern im Kreis Herzogtum Lauenburg. (NDR, Di 19.09.2016, 01.15-02.30). Es wird hoch interessant sein, die Filme aus der Entfernung von 40 Jahren noch einmal zu sehen, ihres Themas ebenso wie der Machart wegen. Und sie dann schon mal vorauseilend vergleichen mit „Sauacker“ im SWR, der die Entwicklung auf einem schwäbischen Bauernhof schildert (SWR, Mi 28.09.2016, 00.25-01.50)

Was ZDF-Kultur angeht, sind diese Hinweise auch ein Abgesang: Schauen Sie hinein, solange es den Sender noch gibt. Ende September wird ZDF Kultur eingestellt und das Fernsehen hat eine Abspielstätte für Dokumentarfilme weniger. Ob die dokumentarische Aufrüstung von ZDF-Info da etwas ausgleichen kann, wird sich erst noch zeigen müssen.

Nach den Ausgrabungen die Wiederholungen, in dieser Woche sind einige schöne Funde dabei. Eins Festival, sonst nicht grade berühmt für seine dokumentarische Neugier, beglückt uns in dieser Woche mit „Song of the forest“ von Michael Olbert über einen cultural clash, wie man ihn sich heftiger kaum vorstellen kann (14.09.2016, 14.00). In „Noise and Resistance“ gehen Araiza Andrade und Julia Ostertag auf einen Europa-Trip der etwas anderen Art, nämlich dorthin, wo Menschen gegen die Zustände aufbegehren (Di 14.09.2016, 21.45). Mit „Biete.Suche“ von Romy Steyer legt ZDF-Kultur einen Film über Online-Dating und Liebessuche von Singles ins Programm (So 18.09.2016, 20.15). Arte hat den Grimmepreis-gekürten „Vaterlandsverräter“ von Annekatrin Hendel noch einmal aufgetischt (12.09.2016, 01.00, also für Nachteulen). Auf SWR kann man Marcel Hehns etwas arg unkritisches Porträt eines „Hells Angel“ noch einmal besichtigen (14.09.2016, 23.30). Im HR hat „Der grüne Prinz“ zu einer akzeptablen Sendezeit ins Programm gefunden (15.09.2016, 22.45). Dafür platziert der HR zu nachtschlafener Stunde am Sonntag, den 18.9.2016 erst auf dem absurden Dokumentarfilmsendeplatz um 01.30 „Geschlossene Gesellschaft“, den wahrscheinlich klügsten Film zu den Missbrauchsskandalen an der Odenwaldschule.

Noch in den Mediatheken finden sich „Ritterblut„, „Mein Weg nach Olympia„, „Leben am Limit“ und „Göttliche Lage

Und was hier nicht weiter verarbeitet werden konnte, findet sich, wie immer ohne jede Wertung, in der Rubrik „Was sonst noch läuft“.

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