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„Ein Hells Angel. Unter Brüdern“. Von Marcel Wehn

Auch der Stern-Reporter Kuno Kruse interessiert sich für die Rockergruppe Hells Angels und recherchiert. Einmal wirkt er wie der Medienberater des Stuttgarter Charter- Chefs. Dann wieder gesteht er vor der Kamera, da sei immer die Unsicherheit, ob das auch stimme, was die Rocker ihm erzählten. Eine widersprüchliche Haltung, widersprüchlich wie der Film „Ein Hells Angel. Unter Brüdern“ von Marcel Wehn insgesamt. (SWR, Mi 14.09.2016, 23.30-01.00)

Lutz Schelhorn ist der Chef des Stuttgarter Hells Angels Charters, einem der ältesten in Deutschland und einem der kleineren. Er lässt über sich einen Dokumentarfilm zu, weil er offensichtlich kein Rocker wie aus dem Klischeebuch ist. Er war Zweiradmechaniker, entdeckte dann den Fotografen in sich und hat mehrere Fotobücher veröffentlicht. Eins über Obdachlose, ein Projekt über die Judentransporte in der Nazizeit vom Bahnhof Stuttgart-Nord, eins über den Bahnhof. Und eines über Rocker unter dem Titel „Die letzten Krieger“, mit dem er ein anderes Bild der Hells Angels etablieren will.

Das will auch Marcel Wehn mit seinem Film. Über einen längeren Zeitraum drehte er mit seinem Protagonisten und seinen Freunden. Lutz Schelhorn erklärt die Philosophie des Clubs, ein paar der Männer werden kurz vorgestellt. Es geht ihnen um Ehre und Männerfreundschaft, ums Motorradfahren und Zusammenhalt. Der Club als eine große Familie, als deren Chef Lutz Schelhorn unangefochten ist. Nichts von dem, was die Öffentlichkeit sonst von Rockergruppen wahrnimmt: Gewalt, Drogen, Prostitution. Gegen dieses Bild will auch der Film angehen.

Man möchte es auch gern glauben. Wer hat schon gern Vorurteile? Und warum sollte es nicht auch bei den Rockern solche und solche geben? Tatsächlich agieren die einzelnen Charter ziemlich autonom und unterscheiden sich stark voneinander – das mindestens ist eine Erkenntnis. Der Polizeihauptkommissar Willi Pietsch bestätigt auch, dass der Stuttgarter Charter verglichen mit anderen im kriminellen Sinn kaum auffällig ist. Er hat freilich auch einen Schrank vorzuweisen, in dem ein ganzes Waffenarsenal aufbewahrt ist. Und schließlich gibt es auch neben den Vorurteilen auch eine Menge unbestreitbarer Fakten über das kriminelle Potential von Rockergruppen.

Das Problem des Films ist das Problem vieler Dokumentaristen. Wer einen Menschen porträtieren will, muss ihm entgegenkommen, muss ihn mögen, muss sein Vertrauen erwerben, muss ihm auf Augenhöhe begegnen. Lutz Schelhorn begegnet dem Filmemacher offenbar geradeaus und will einen guten Eindruck machen. Er erklärt Jugendlichen die Judentransporte aus Stuttgart. In Berlin besucht er mit einen Freunden die Stasi-Zentrale und fläz sich gleich gemütlich in der Zelle hin. Und als die Rocker auf dem Berliner Kurfürstendamm von der Polizei angehalten und nach Waffen durchsucht werden, findet die Polizei nichts und die Rolle der Unschuldsengel ist perfekt.

Nun könnte man auch sagen: Da die Gruppe weiß, dass sie in bester Absicht gefilmt wird, wäre sie schön blöd, sich mit Waffen erwischen zu lassen. Ein richtiger Beweis ist die Szene also nicht. Etwas von der Skepsis des Stern-Reporters hätte auch dem Regisseur gut getan. Man kann das, wie gesagt, gern und gutwillig glauben. Für wirkliche Glaubwürdigkeit aber wäre erzählerische Transparenz in den Bildern und zwischen den Bildern wichtig. Und etwas mehr Distanz. Wie waren insgesamt die Drehbedingungen? Was war nicht zu zeigen? Gab es Situationen, wo das Gespräch verweigert wurde? Tabuthemen? Dass man davon nichts spürt und der Autor seinem Protagonisten alles abnimmt, macht skeptisch.

Manchmal scheint die Widersprüchlichkeit durch. Wenn Lutz Schelhorn erst abstreitet, dass es Gewalt gibt und gleich danach argumentiert, Schlägereien „hundert gegen hundert“ hätte es immer schon gegeben. Oder wenn man sieht, wie er nicht sehr gesprächig reagiert auf den Fall „Kalli“. Da hatte ein Hells Angel, der in der Nähe von Bonn wohnt, einfach durch die Tür geschossen, weil er sich von einem anderen Charter bedroht fühlte; es war aber die Polizei und ein Polizist wurde tödlich getroffen. „Kalli“ wurde übrigens in zweiter Instanz wegen Notwehr freigesprochen. Vom Autor gefragt, wie Lutz Schelhorn es mit einem Mitglied hielte, der einfach durch die Tür schieße, braucht dieser doch spürbar etwas Zeit, sich davon zu distanzieren. Und als die Rede auf Hells Angels Mitglieder aus einem anderen Chapter vor Gericht stehen, einer wegen schwerer Vergewaltigung, ein anderer wegen Totschlags, distanziert er sich zwar von diesen Taten, qualifiziert sie aber auch gleichzeitig als Einzelfälle.

In diesem Sinn hinterlässt der Film von Marcel Wehn mehr Fragen als Antworten und man wird das unangenehme Gefühl nicht los, dass die Geschichte nicht auserzählt ist. Zumal der Film auch noch mit einigen Sequenzen den Mythos der rauen Unangepassten bedient, die langen Fahrten auf ihren Harleys im Wind bei Country-Music. Das sieht dann leider doch sehr danach aus, als sollten wir denken: die bösen Jungs wollen doch nur spielen.

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