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„The Yesmen – Jetzt wird’s persönlich“. Von Mike Bonanno, Andy Bichelbaum und Laura Nix

Zwei Filme über ihre Aktionen haben die Yesmen bisher gedreht, „Die Yesmen“ und „Die Yesmen regeln die Welt“. Jetzt kommt ihr dritter Film. In ihm werden die Kunstaktivisten persönlich, ohne dabei auf ihre anarchistischen Aktionen zu verzichten. (Arte, Di 11.10.2016, 23.05-00.35).

Andy Bichelbaum und Mike Bonanno sind die beiden bekannten Köpfe der Yesmen, die es immer wieder geschafft hatten, durch surreale Aktionen Institutionen, Organisationen und Mächtige bis zur Lächerlichkeit vorzuführen und damit essentielle Probleme von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Thema machten. Über gefälschte Websites haben sie es immer wieder geschafft, bei wichtigen Veranstaltungen als glaubwürdige Interessenvertreter eingeladen zu werden. Ihre bekannteste Aktion: 2004 verkündete ein gewisser Jude Finisterra, es war Mike Bonanno, der Chemiekonzern Dow Chemical stehe zu seiner Verantwortung für die Katastrophe von Bophal und wolle 16 Milliarden Dollar an die Geschädigten auszahlen. Darauf verlor das Unternehmen an der Börse binnen kürzester Zeit zwei Milliarden; die Aktionäre befürchteten, das Geld ginge tatsächlich nach Indien statt in ihre Rendite.

Jetzt also Persönliches. Andy Bichelbaum und Mike Bonanno sind auch Pseudonyme. In Wirklichkeit heißt Andy Igor Vamos und hat ungarische Wurzeln, Mike heißt eigentlich Jacques Servin und hat belgische Wurzeln. Beide sind Professoren an US-Universitäten und beide sind Kinder von Holocaust-Überlebenden. Auch war bei beiden die Lust am Erfinden von Identitäten schon früh ausgeprägt. Sie sind in diesem Film auch nicht immer nur lustig, sondern nachdenklich, stellen sich Fragen, zweifeln. Was haben die Aktionen wirklich verändert? Welchen Sinn macht diese Art von Aktivismus? Sie sind älter geworden, wohl auch etwas müde. Jacques hat inzwischen drei Kinder und war zwischendurch nach Schottland gezogen und hatte sich rausgehalten.

Am Ende freilich vertieft der Film das Thema nicht, leider, es siegt der Optimismus und die Verbindung zu einer größeren Bewegung: „Wir wollten diesmal auch wirklich demonstrieren, dass wir Teil dieser Occupy-Bewegung sind“, sagten sie in einem Interview. Im Film sieht man sie dann in einer ziemlich komischen Szene, wie sie bei einer Occupy-Demonstration in der Wallstreet Banker spielen, die selbst gegen die Bankenmacht demonstrieren und Polizisten verunsichern, weil sie sie zum Mitmachen auffordern.

Der Film enthält nun auch eine Aktion, die ganz schief geht. Es geht um Shell, die in der Arktis nach Öl bohren wollte und, weil sie die Erlaubnis nicht gleich bekam, mit Gazprom kooperierte. Dieses Bündnis der Industrie gegen die Arktis wollten die Aktivisten zur Kenntlichkeit karikieren, indem sie sich als Vertreter von Gazprom ausgaben, die Shell einen Eisbären schenken wollten, mitten in Amsterdam, vor dem Shell-Gebäude. Die Aktion war zu kompliziert gedacht, niemand fiel drauf rein (und der Eisbär war natürlich auch nicht echt).

Großartig dagegen funktionierte eine Veranstaltung, in der sie sich als Vertreter des US-Energieministeriums und der Abteilung für Indianerangelegenheiten ausgaben. Sie verkündeten dort eine radikale Klimawende hin zur Windenenergie und zugleich die Nachricht, diese Energieindustrie solle in den Indianerreservaten aufgebaut werden und in den Händen der Ureinwohner bleiben. Und das auf einer Veranstaltung der berüchtigten Homeland-Security, auf der lauter Waffenlobbyisten herumliefen. Auch die zeigten sich begeistert und tanzten, mit Stirnband und allem sonstigen Hokuspokus, einen indianischen Rundtanz mit. Schon sehr komisch.

Das freilich ist zugleich auch das Deprimierende an diesen anarchistischen Aktionen: sie beglaubigen Einsteins berühmten Satz, wonach zwei Dinge unendlich seien, das Universum und die menschliche Dummheit, beim Universum sei er sich aber nicht ganz sicher. Die Aktionen der Yesmen haben immer wieder gezeigt: ein professioneller Auftritt, eine angemaßte Autorität, eine politische Meinung kann gar nicht blöd und abstrus genug sein, dass sich nicht Gläubige fänden. Deshalb ist es ein besonderer Akzent, dass die beiden Aktivisten sich am Ende den Optimismus doch nicht nehmen lassen wollen.

Festhalten muss man auch, dass die Dokumentarfilme über die Yesmen eigentlich Dokumentarfilm der Yesmen sind. Sie sind selbst die Regisseure ihrer eigenen Aktionen, sie sind ja auch begnadete Selbstdarsteller, Gefundenes und Erfundenes gehen ein unauflösliches Gemisch ein. Die Filme sind Eigen-PR, sie sind essentieller Teil der Kunstaktionen, die ohne die filmische Präsentation und ihre mediale Verarbeitung gar nicht existieren könnten.

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