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Geschichte erzählen, Kunst erzählen, Alltag erzählen

Kaum zu glauben, zwischen Fußball, Fußball und Fußball gibt es sogar noch den einen oder anderen sehenswerten Dokumentarfilm im Programm, manchmal zu absurd später Stunde, aber dann doch ein Fundstück wie Hans-Dieter Grabes Film „Gebrochene Glut“. Und im Kino sind auch noch vor der Sommerpause einige Filme gestartet. Seit die Neuauflage des Kalten Krieges auf der Tagesordnung steht, ist es schon beinahe ungewöhnlich, Filme im Fernsehprogramm zu sehen, die nicht automatisch ins Putin-Bashing verfallen. Artem Demenok und Andreas Christoph Schmidt sind zwei Autoren, die seit langem den klassischen Geschichts-Dokumentarfilm pflegen. Jetzt erinnern sie mit zwei Filmen an seltener erinnerte Aspekte der Weltkriegsgeschichte. „Im Schatten des Krieges“ heißt der Zweiteiler. Im ersten Film geht es um die Mythen des „Großen Vaterländischen Krieges“, im zweiten um die Ermordung von drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener durch die deutsche Wehrmacht. Die beiden Filme liefen schon zu später Stunde in der ARD, jetzt auf einem günstigeren Sendeplatz im RBB. Der Sender hat noch einen etwas früheren Film der beiden Autoren dazu gepackt, Die Partisanen“, in dem sie sich mit der Geschichte und den Mythen des Partisanenkriegs in der überfallenen Sowjetunion befassen. Alle drei Filme unbedingt sehenswert, das beste, was es derzeit an Geschichts-TV gibt (RBB, Di 28.060.2016, ab 22.45)

Hier gleich noch der Hinweis auf die schmissigere Art, Geschichte zu erzählen: Phoenix strahlt zwei Folgen des Mehrteilers zum ersten Weltkrieg aus „14 Tagebücher des Ersten Weltkriegs“, ein groß inszenierter Hybrid aus Dokumentation, Spielfilm, Dokumentarspiel ((Phoenix, 01.07.2016, ab 20.15)

3Sat beweist eine gewisse Tradition darin, Film von Hans-Dieter Grabe aus dem Archiv zu fischen und sie zu zeigen, leider meist auch zu später Stunde. Aber dafür ist wolfsiehtfern ja da, die Freunde des Dokumentarfilms auf den Termin und den Gebrauch des Festplatten-Rekorders hinzuweisen. Diesmal hat der Sender „Gebrochene Glut“ ausgegraben, der Film war lange nicht zu sehen Hans-Dieter Grabetrifft sich darin mit Jürgen Böttcher, der sich als Maler Strawalde nennt, der in der DDR nicht malen durfte und sich als Dokumentarfilmer einen ganz großen Namen gemacht hatte. Böttchers Filme gehören zum Besten, was die DEFA auf dem Gebiet des Dokumentarfilms zustande gebracht hat, meist im Windschatten der kulturpolitisch misstrauischer beäugten Kinofilme. Jetzt also Strawalde. Hans-Dieter Grabe, der Jürgen Böttcher natürlich kennt, beobachtet ihn beim Malen und spricht mit ihm über Kunst. Ein ruhiger, gelassener Film, der es ernst nimmt mit der Beobachtung durch die Kamera und der sich ganz der inszenatorischen Bemühungen enthält, die man der derzeit vielen Dokumentarfilmen über Künstler ansieht. Unbedingt ansehen.

Arte hat am Dienstag den 28.06.2016 einen Themenabend „Dschihad“ angesetzt, mit Filmen wie „Türkei – Drehkreuz des Terrors“, „Generation Dschihad“ und „Boko Haram – Nigerias Terrorgruppe“ (Arte, Di 28.06.2015, ab 20.15). wolfsiehtfern wird sich um eine Nachbetrachtung bemühen.

Länger nicht zu sehen war auch „Hudekamp – ein Heimatfilm“ über eine Hochhaussiedlung am Rande Lübecks, ein Heimatfilm der etwas anderen Art (HR, Do 30.06.2016, 00.00 – 01.05) – einer jener Filme, die sich mit sozialen Themen befassen. Das war früher ein wichtiger Zweig des dokumentarischen Arbeitens, heute ist Soziales schon fast ein Außenseiterthema. Eigentlich findet man nur noch beim NDR Autoren, die den Alltag dokumentarisch in den Blick nehmen.

Drei Dokumentarfilme sind in der vergangenen Woche in einigen Kinos gestartet. Wolfsiehtfern, immer noch auf Kante genäht, kann hier nur Hinweise geben. In „Wer ist Oda Jaune“ porträtiert Kamilla Pfeffer die deutsch-bulgarische Malerin Oda Jaune, über die als Künstlerin weit mehr zu sagen ist als dass sie die Witwe von Jörg Immendorf ist. Philipp Holstein machte in der Rheinischen Post dem Film ein Kompliment: „Am Ende scheitert dieser tolle Film an der Lösung des Rätsels Oda Jaune. Und es macht viel Freude, ihm dabei zuzusehen.“

In „Gayby Baby“ erzählt die australische Filmemacherin Maya Newell die Geschichte von vier Kindern, die in Regenbogenfamilien aufwachsen, also bei zwei Müttern oder zwei Vätern. Der „Tagesspiegel“ schrieb dazu in einer Rezension: „Gayby Babys sind ohnehin schon lange eine gesellschaftliche Realität. Maya Newells Film ist eine gute Gelegenheit, ihnen einmal zuzuhören und nicht immer nur über sie zu reden.“

Für den Film „Athos“ ist es Peter Bardehle und Andreas Martin gelungen, einen dokumentarischen Blick in die Mönchsrepublik Athos zu werfen, wo heute noch etwa 2000 Mönche leben und Frauen der Zugang verboten ist. Einige der Mönche haben einen Blick in ihre Leben zugelassen, der Film versteht sich als ein „noch nie erzähltes Filmtagebuch“.

Und was sonst noch in dieser Woche sehenswert sein könnte, findet sich in der Rubrik „Was sonst noch läuft“.

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