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„Working men’s death“. Von Michael Glawogger

Für viele Menschen ist Arbeit gleich Kopfarbeit. Michael Glawogger zeigt andere Arbeit, schwerste körperliche Arbeit. Auf einem Schlachthof in Nigeria, in einer Schwefelmine in Indonesien und bei den Schiffszerschneidern in Bangla Desh. (Noch in der Mediathek von 3Sat)

Der 2014 überrschend verstorbene österreichische Regisseur Michael Glawogger nennt seine Arbeit im Untertitel „Fünf Kapitel über Arbeit im 21. Jahrhundert“ und er zeigt härteste körperliche Arbeit, gefährlich und existenziell. Bergarbeiter im Donbass, die Kohle aus halbmeterhohen Schächten herauskratzen. Schwefelarbeiter, die den Rohstoff direkt aus der Vulkanhölle holen. Schlachter und Händler auf einem Schlachthof in Nigeria. Arbeiter aus Bangladesh, die Schiffswracks zerschneiden. Stahlarbeiter in China. Glawogger kreiert unglaublich eindrucksvolle Bilder, die er mit einem noch unglaublicheren Sound unter Einsatz aller technischen Möglichkeiten belegt. Er will seine Zuschauer beeindrucken, ja sie überwältigen. Er will auch den Dokumentarfilm in seinen filmischen Qualitäten auf der Höhe seiner Möglichkeiten – jedenfalls nicht klein, bescheiden und verschattet; sondern mit großem Zugriff auf sein Thema.

Michael Glawogger gehört zu den Dokumentaristen, die die Zuschauer in Gegner und Befürworter spalten. Er drehte große Dokumentarfilme, opulente, in Farben und Formen schwelgende Dokumentarfilme – und das über das Elend der Welt. „Mega-Cities“ über das Leben in großen Metropolen dieser Welt war ein solcher Film und mit „Working men’s death“ ist es nicht anders. Und immer gehen die Diskussionen darum, ob der Regisseur Elend und Ausbeutung ästhetisiert. Seine Antwort darauf: „Ich kenne den Vorwurf, und ich stehe ein bisschen staunend davor. Ich sage ja wohl kaum, ich will etwas übertünchen, und deswegen mache ich diese und diese Bilder. Meine Bilder entstehen aus einem Bedürfnis, etwas konkret und genau darstellen zu wollen. Bei diesem Film wollte ich etwas erreichen, was der Arbeiterfilm fast nie unternommen hat: nämlich die Arbeit, den Arbeiter selbst verständlich zu machen.“ (in einem Interview mit der taz)

Das gelingt besonderes eindrucksvoll in der Episode über die Schwefelarbeiter in Indonesien. Die Kamera steigt mit den Männern hinab in die Schwefeldampfschluchten und mit ihnen wieder hoch bis zur Waage, an der sie ihre Ladung, die zentnerschweren Körbe leeren können. Besonders der Ton, den Glawogger souverän handhabt, macht diese Szene so unerhört und zieht den Zuschauer in die Szenerie: das Atmen der Männer, das Knarren der Körbe, das Gleiten der Schritte. Dazwischen auch ironische Brechungen. Als die Männer eine kleine Pause einlegen, kommen Touristen. Sie wollen ein Stück Schwefel kaufen als Mitbringsel, die Arbeiter verdienen sich damit noch etwas dazu. Die Unverfrorenheit der Touristen, ihre Ahnungslosigkeit – sie mögen ein Anlass zum Fremdschämen sein: Bis man als Zuschauer begreift, dass man auch selbst diese Art Tourist ist in dieser besonders harten Welt der Arbeit.

„Working men’s death“ hat auch über seine unerhörten Bilder hinaus eine metaphysische Dimension. Er ist nicht nur ein Schock für alle Kopfarbeiter des 21. Jahrhunderts. Er wirft einen Blick in die Hölle der conditio humana, wie man ihn noch nie gesehen hat.

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