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„Udo Lindenberg. Stärker als die Zeit“. Von Falko Korth

Udo Lindenberg wird 70, die ARD spendierte einen schönen Sendetermin und es zeigte sich, dass man über Kultfiguren wie Udo Lindenberg auch anders erzählen kann als routiniert oder hagiographisch. Ein wenig Distanz tut es auch.  (Noch in den Mediatheken von ARD und mdr).Udo Lindenberg, eine Hommage zum Siebzigsten. Dass der Film besonders kritisch ausfallen würde, war nicht zu erwarten. Macht man auch nicht in einem Geburtstagsgeschenk. Also blieb so manche musikalische und textliche Flachnummer unerwähnt – geschenkt. Dass Udo Lindenberg sich nach Belieben in Szene setzen konnte – auch geschenkt. Dass im Film auch PR für sein neues Album gemacht wird – auch noch mal geschenkt. Nicht geschenkt: dass hier ein Regisseur auf souveräne Weise davon erzählt, wie und wann Udo Lindenberg sich als Udo Lindenberg erfand und fortan in dieser Gestalt fortlebte, zu einer Kunstfigur wurde und mit ihr untrennbar verschmolz. Was natürlich auch heißt, dass Udo Lindenberg immer auch sein eigenes Klischee ist.

Udo Lindenberg gibt in diesem Film ein langes Interview. Er habe ein wenig hinter den Hut, die Silhouette, den Gang schauen wollen, hat Regisseur Falko Korth gesagt. Und tatsächlich zeigt sich der Star nicht nur gesprächig, sondern erinnert sich auch noch gut verständlich und kommt dabei ohne Posen und Manierismen aus.  Er erzählt ernsthaft aus seiner Kindheit in Gronau und warum seine Mutter mandelförmige Augen hat. Er spricht von der Doppelexistenz des Vaters, der über seine Kriegserfahrungen, seinen Pakt mit dem Bösen, niemals gesprochen hat, in dieser Frage also ein ganz schweigsamer Mensch war, andererseits aber durchaus mit komödiantischem Talent begabt, der auch ganze Abendgesellschaften unterhalten konnte. Beiden Eltern hat er später je auch ein Album gewidmet.

Gerade um Udo Lindenbergs frühe Jahre kümmert sich der Film besonders. Er erzählt die Geschichte eines Jungen, der schon früh wusste, dass er ein Star werden wollte, dafür musste mittlere Reife ausreichen. Der sich vom Jazz aus der Kleinstadt hinausschleudern ließ. Der zunächst als Schlagzeuger Karriere machte, schon als 16-jähriger mit einer Band in US-Kasernen in Tripolis auftrat, dann von Klaus Doldinger nach München geholt wurde. Da hat der Film einen schönen Fund zu präsentieren. Doldinger und Lindenberg machen sich in einer fünfstündigen Session miteinander musikalisch bekannt, Doldinger nahm das auf. Jetzt holt er das Band aus dem Fundus, er hat sogar noch eine Bandmaschine, es abzuspielen, und lacht sich kaputt über den Saxophon-Sound, den er damals produziert hat. Vor allem aber kann man hören, dass Udo Lindenberg wirklich ein ganz fabelhafter Schlagzeuger war.

Das Besondere an diesem Lindenberg-Film ist, dass der Regisseur seine Geschichte ganz aus dem dokumentarischen Material erzählt, das es natürlich in Hülle und Fülle gibt. Auftritte, Interviews, Posen, daran hat es bei Lindenberg nie gemangelt. Aber die Auswahl ist sorgfältig und durchdacht und elegant zu einer Geschichte montiert,  mit vielen Querverbindungen und immer wieder mit Überraschungen. So etwa die Szene, als Udo Lindenberg in die berühmten Abbey-Road-Studios fährt, um große Orchesterarrangements für einige seiner Lieder aus der neuen CD „Stärker als die Zeit“ aufzunehmen – da sitzt er dann ehrfürchtig auf der Galerie, hört dem Orchester zu und sagt dann, dieses Zusammentreffen mit seiner Stimme, die ja kein Gesang sei, sondern von der Straße komme (so viel Koketterie muss sein) mit orchestralen Klängen, das sei schon „ ein enormer Reiz“.

Der Autor geht nach der Methode vor, ganze Liedtexte und manche Liedzeile biographisch zu verankern. Das ist  eine in Künstlerbiographien beliebte Methode, die aber in den seltensten Fällen gut geht. In diesem Fall schon. Denn bei Udo Lindenberg ist seine Musik nicht bloß Teil des Lebens, sondern das ganze Leben. Weitere Einordnung zu gemeinsamen Projekten liefern Künstler wie Jan Delay, Annette Humpe, Otto Waalkes,  Helge Schneider, und Benjamin von Stuckrad-Barre. Nina Hagen findet, dass alle Deutschrocker ohne Lindenberg nicht geworden wären, was sie sind. Seine Schwester weiß, dass ihm das Schlagzeug auf der Bühne zu weit hinten stand und er immer schon ganz vorne an der Rampe hatte stehen wollen.  Das sind Schlaglichter von der Seite, aber im ganzen regiert der O-Ton Lindenberg, in Interview und Musik. Und natürlich die Highlights wie der Sonderzug nach Pankow, der alten Oberindianer Honecker oder „Warum sind Kriege da“ mit dem 12-jährigen Pascal Kravetz, dem Sohn eines langjährigen Begleiters.

Der Film rückt vor allem die Leute in den Blick, die Lindenberg seine Familie nennt, seine Entourage, mit der er teilweise schon seit vielen Jahren arbeitet. Er zeigt einen Star, der vor allem auch hart arbeitet. Der nicht, wie Jan Delay ein wenig spöttisch urteilt, einer von den irgendwann Stehengebliebenen mit Gitarre ist, sondern auch seinen ganzen Bühnenshowrummel auf der technischen Höhe der Zeit gehalten hat. Inzwischen immer größer, immer höher, nach oben entschwebend. Was für ein gut geölter Produktionsapparat diese Rock-Familie auch sein muss und wie gut Lindenberg ihn beherrscht, davon bekommt man einen kleinen Eindruck, hätte gern einen größeren.

Eine wichtige Rolle im Film spielt, wenngleich wenig hinterfragt, die tiefe Krise, die Udo Lindenberg über Jahre hinweg in ein tiefes Alkoholloch trieb. „Es gibt lustige alkoholische Zeiten und es gibt unlustige“ sagt Tina Acke, „bei den unlustigen war ich eigentlich immer dabei, wo kein anderer mehr dabei war. Die haben sich dann auch alle verabschiedet. Wir waren in einem Jahr 20 Mal im Krankenhaus zum Entzug. Irgendwann muss Du die Entscheidung treffen, entweder Du machst jetzt weiter oder das war es dann.“ Tina Acke ist die langjährige Fotografin der Truppe und engste Vertraute von Lindenberg, er nennt sie „Komplizin“. Schließlich fand der Popstar fand wieder heraus aus dem Tief und erfand sich noch einmal neu. Das Album „Stark wie Zwei“ wurde 2008 zum erfolgreichsten seiner Karriere. Und im neuen Album, das den gleichen Titel trägt wie der Film, ist er gar „Stärker als die Zeit“. Das kleine Karierte war Lindenbergs Sache nie.

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