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„Meine Familie, die Nazis und ich“ Von Chanoch Ze’evi

Fünf Nachfahren von Nazi-Verbrechern stehen im Zentrum. Was bedeutet es für die Enkel, von Massenmördern abzustammen? Das untersucht Chanoch Ze’evi in „Meine Familie, die Nazis und ich“. Thomas Gehringer hat den Film gesehen (Noch in den Mediatheken von ARD und MDR) 

Dieses verfluchte Tor“, sagt Rainer Höß. Er war nie dort, aber er hat die Bilder im Kopf, Schwarz-Weiß-Bilder von einer Familienidylle. Lachende, plantschende Kinder im Garten, fröhliche Gesichter von Erwachsenen. Ein unscheinbares Gittertor trennte diese unschuldig wirkende Szenerie von der Welt draußen. Die Bilder könnten überall aufgenommen worden sein, aber hier ist nicht überall, hier ist Auschwitz. Direkt neben dem Stammlager Auschwitz I hatte Kommandant Rudolf Höß sein Privatdomizil. Und eines der lachenden Kinder ist Rainer Höß‘ Vater, der „genauso großkotzig war wie mein Großvater“. Nie habe sein Vater über die NS-Zeit gesprochen, erinnert sich Rainer Höß. Gemeinsam mit einem israelischen Journalisten reist der Enkel des Kommandanten zum ersten Mal zur Gedenkstätte Auschwitz.

Was bedeutet es, von Massenmördern abzustammen? Fünf Nachfahren von NS-Größen stehen im Mittelpunkt des Dokumentarfilms „Meine Familie, die Nazis und ich“ von Chanoch Ze’evi. Die Reise von Höß, die in einer Begegnung mit Jugendlichen und Holocaust-Überlebenden aus Israel gipfelt, bildet die dramaturgische Klammer in dieser deutsch-israelischen Koproduktion. Dazwischen schildern auch Katrin Himmler, Bettina Göring, Niklas Frank und Monika Göth, wie sie sich mit dem Familienerbe auseinandersetzen. Ze’evi ergreift dabei keine Partei: In kurzen Steckbriefen werden die Karrieren der Täter geschildert, ansonsten kommt der Film ohne Kommentar aus dem Off und ohne die einschlägigen Archiv-Bilder aus der Nazizeit aus – trotz der besonderen Namen aus dem Gruselkabinett der deutschen Geschichte ein ziemlich souveräner Umgang mit dem Thema.

Die meisten Kinder der Nazi-Täter, sagt Katrin Himmler, hätten entweder mit ihren Eltern gebrochen oder sich für Loyalität unter Ausblendung alles Negativen entschieden. „Das Dazwischen ist wahnsinnig schwer.“ Die Großnichte des SS-Führers hat sich gründlich mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt und darüber das Buch „Die Brüder Himmler“ veröffentlicht. Bettina, die Großnichte des Luftwaffenchefs Hermann Göring, lebt dagegen schon seit langem in den USA. Sie spaziert mit Hund und Cowboyhut durch die Prärie, wo sie und ihr Mann ein einsames, schmuckes, mit Solarstrom versorgtes Häuschen bewohnen. Deutschland und die Last ihres Familiennamens scheinen weit weg, aber dann sagt sie, sie und ihr Bruder hätten sich „mehr oder weniger bewusst“ sterilisieren lassen, „um keine weiteren Görings mehr zu produzieren“.

Katrin Himmler hält die Vorstellung, sie könnte „böse Gene“ geerbt haben, für abwegig. Dann würde sie ja die Nazis bestätigen „mit ihrer schwachsinnigen Überzeugung, dass alles nur vom Blut abhängt“. Himmler hat einen Israeli und Nachfahre von Holocaust-Opfern geheiratet. Sie würden beide aus aufgeklärten, liberalen Familien stammen, sagt sie: „Wo ist das Problem?“ Aber in Konflikten hätten dann doch „unsere ganzen Familiengeschichten“ eine Rolle gespielt.

Noch eine Generation näher an der NS-Zeit sind Niklas Frank, der 1939 geborene Sohn von Hans Frank, des Statthalters im Generalgouvernement, und Monika Göth, die 1945 geborene Tochter von Amon Göth, dem Kommandanten des KZ Plaszow bei Krakau. Ihre Mutter habe sie „wie eine Wahnsinnige“ geschlagen, wenn sie genauer wissen wollte, wie viele Juden ihr Vater denn nun getötet habe, sagt Monika Göth. Die Wahrheit über dessen Mordlust erfuhr sie angeblich erst im Kinosaal, als sie Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ sah. Die radikalste Abkehr von seinem Täter-Vater hat Niklas Frank vollzogen und in seinen Büchern „Der Vater – Eine Abrechnung“ und „Meine deutsche Mutter“ auch öffentlich bekannt. Im Film ist er meistens bei Lesungen in Schulen zu sehen. Es koste ihn zwar Überwindung, „Abend für Abend meine Eltern vor jungen Leuten hinzurichten, aber sie haben es verdient“, sagt er.

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