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Gesetzlose, Eintänzer, Schwerarbeiter

Für einige Filme der hier als Highlights empfohlenen Arbeiten liegen keine Kritiken vor, sie konnten noch nicht gesichtet werden; manchmal fehlt eben die Zeit. Gleichwohl machen die Ankündigungen so neugierig, dass es schade wäre, sie nicht zu erwähnen. Das gilt vor allem für zwei neue Kinofilme, die vom schwierigen Aufstieg junger Frauen erzählen. Wo möglich, wird wolfsiehtfern die Kritik noch liefern, wenn nicht, muss jeder sich seine eigene Meinung bilden. Das ist sowieso nicht verkehrt. Eine interessante Erstaufführung zeigt der WDR mit „Die Gesetzlosen – Bürgerwehren gegen Drogenbosse“ von Matthew Heineman. Die Ankündigung macht neugierig. Der Film befasst sich mit dem organisierten Widerstand gegen die Verbrechen mexikanischer Drogen-Kartelle durch Bürgerwehren und konfrontiert das zugleich mit einer anderen Art von Bürgerwehr in Arizona, wo paramilitärische Gruppen auf eigene Faust gegen Drogenschmuggler vorgehen. Die ZEIT schrieb „So unmittelbar und eindringlich wie er hat wohl noch nie ein Filmemacher von Mexikos Drogenkrieg erzählt. Ohne jede Distanz oder Analyse, dafür aber mit so dichter Anschauung, dass dem Zuschauer von ganz alleine klar wird: In diesem Krieg bleibt niemand sauber, auch nicht der Arzt Mireles, der die besten Absichten zu haben scheint und seine Mitstreiter zwischendurch warnt: ‚Wir dürfen nicht so werden wie die Kriminellen, die wir bekämpfen.‘“ Der Film unter dem Originaltitel „Cartel Land“ war einer der am meisten ausgezeichneten Dokumentarfilme 2015 und war auch für den Oscar nominiert.

Sehr eindringliche Bilder von schwerster körperlicher Arbeit, die auch im 21. Jahrhundert noch existiert, lieferten Michael Glawogger und sein Kameramann  Wolfgang Thaler und seiner fabelhaften Kameraarbeit in „Workingman’s death“. Der Film ist von 2005 und hat nichts von seiner Eindringlichkeit verloren. (3Sat, Mo 23.5.2016, 22.25-00.25) Hier die Kritik.

Wir bleiben beim Thema Arbeit, freilich einer ganz anderen Art von Arbeit. Stephan Bergmann wirft einen elegischen,  Blick auf zwei graumelierte Gentlemen, die als Eintänzer und Unterhalter alleinstehenden Frauen die Tage und Abend auf einem Kreuzfahrtschiff verkürzen: „Die letzten Gigolos„. Auch 21. Jahrhundert (Mo 23.05.2016, 23.55-01.20, ZDF Kultur, Fr 27.05.2016, 20.15.-21.45). Und schließlich, auch noch an diesem Montag, ein Film von Jean Boué, der es immer eine Nummer kleiner macht und seine Aufmerksamkeit dem unspektakulären Arbeitsalltag von Menschen in Deutschland. In seinem neuen Film „Verbotenes Gemüse“ in der Reihe „45‘“ befasst er sich mit rebellischen Gemüsebauern, die gegen die Vorgaben des Saatgutverkehrsgesetzes sich für den Erhalt alter Gemüse- und Obstsorten und damit für kulturelle Tradition und Vielfalt einsetzen (NDR, Mo 23.05.2016, 22.00-22.45)

Wer es in dieser Woche musikalisch mag, kann sich in dieser Woche mit einer ganzen Reihe großer Musikdokumentationen und Musikerporträts befassen, alle mit ziemlichen Filmlängen um Aufmerksamkeit buhlend. Da wäre als erstes Martins Scorseses Dokumentarfilm über Bob Dylan „No direction home“, über die Aufstiegsjahre von Dylan, mit besonderem Dokumentarmaterial über Dylans Weggefährten von Pete Seeger bis Joan Baez. Der Fim erzielt 2006 gleich sieben Grammys (BR, Di, 24.05.2016, 22.30-01.55 und Arte, Sa 28.05.2016, 21.45 -01.15). Wim Wenders Klassiker „Buena Vista Social Club“muss man nicht noch extra erklären. Es wird interessant sein, zu sehen, wie der Film sich heute noch hält, da Kuba sich verändert und mit der Kultur allein nicht mehr erklärbar wird. (ZDF Kultur, Mi 25.05.2016, 00.25-02.05).

Dann Spike Lee’s Dokumentarfilm über Michael Jackson; „Michael Jacksons Journey from Mowown to Off the Wall”. Der Film erzählt Jacksons Werdegang vom Wunderkind bis zum internationalen Durchbruch 1979 mit dem Album „Off the Wall“ (Arte, So 29.05.2016, 16.55-19.30). Und schließlich, last but not least, die Erinnerung an eine Vergessene, die einzige wirkliche deutsche Jazzsängerin Inge Brandenburg. In „Sing! Inge, Sing! Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg“. Marc Boettcher schildert die Karriere der Sängerin, für die in den verdrucksten 50er und 60er Jahren kein kultureller Platz war und die von der Plattenindustrie auf Schlager reduziert wurde (HR, So 29.05.2016, 01.00-02.55)

Weitere Funde in den Wiederholungsschleifen des Fernsehens. „My escape“ erzählt Flüchtlingsgeschichten aus der Sicht der Flüchtlinge und mit ihren Kamerabildern (RBB, Mi 24.05.2016, 23.30-01.00). „Die Folgen der Tat“ erzählt die Leidens- und Verarbeitungsgeschichte der Familie Albrecht, die durch das von Susanne Albrecht eingeleitete mörderische Attentat auf Jürgen Ponto in die RAF-Geschichte hineingezogen wurde (Phoenix, Sa 28.05.2016, 22.30-00.00).  Noch in den Mediatheken zu finden: „Citizen four“ und „Gangsterläufer“

Ausnahmsweise stehen diesmal die Kino-Dokumentarfilme auf dem zweiten Platz, obwohl sie große und interessante Geschichten erzählen. Zunächst hier noch einmal der Hinweis auf „Die Prüfung“ von Till Harms. Er zeigt den Aufnahmeprüfungen an der Filmhochschule Hannover vor allem die Arbeit der Prüfungskommission, ein ungewohnter Blickwinkel (seit 19.05.2016 in den Kinos).

Dann kommen in dieser Woche zwei Filme in die Kinos, die hoffnungsvolle Geschichten von jungen Frauen in Afghanistan und Nepal handeln.

In „Sonita“ erzählt die Filmemacherin Rokhsareh Ghaem Maghami von einer jungen afghanischen Rapperin, die sich in den konservativen Gesellschaften Irans und dann Afghanistans einen Platz erkämpfen muss. Der Film gewann auf dem Sundance Festival 2016 den Grossen Preis der Jury und den Publikumspreis (ab 26. 05. 2016 im Kino).

Gleichfalls die Geschichte einer jungen Frau erzählt Susan Gluth in „Urmila – für die Freiheit“. Die Nepalesin Urmila Chaudhary arbeitete bis ins Alter von 17 Jahren als Kalamari, als Haushaltssklavin und konnte sich allmählich daraus befreien. Heute kämpft die junge Frau gegen jahrhundertealte gesellschaftliche Strukturen, will selbst Rechtsanwältin werden. Regisseurin Susan Gluth im Interview: „Ich habe gleich an ein politisches Märchen gedacht, das uns allen etwas erzählen und bedeuten kann und das uns vor allem emotional bewegen wird. Dieser Film zeigt daher auch meine Bewunderung für Urmila, die es trotz – oder gerade wegen – ihrer Vergangenheit geschafft hat, diese so zu benutzen, dass daraus ein Potential entsteht. Eine Kraft, die sie vorantreibt und nicht traumatisiert oder schicksalsergeben ihrem vorgeschriebenen Lebenspfad folgen lässt, sondern aufstehen lässt, um ihn zu ändern.“ (auch ab 26.05.2016 im Kino).

Und was sonst noch im Fernsehen interessant sein könnte, findet sich wie immer in der Rubrik „Was sonst noch läuft“.

 

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