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Geschichte, Sportevents, Skandale

Erinnerungskultur ist beständig Teil des Fernsehens, in einem höheren Maß als je zuvor. Diesmal zwei Beispiele von Filmen, die etwas anders agieren als gewohnt. Und dazu ein Kinodokumentarfilm über die dunklen Seiten des Sports, grade noch rechtzeitig.Wenn Nachrichten heutzutage etwa über die Paraden am 1. Mai auf dem Roten Platz berichten, dann zeigen die Kameras schwerste Waffen und werfen auch den einen oder anderen spöttischen Blick auf die Veteranen mit ihren großflächigen Orden. Alles irgendwie lang her, oder? Zwei Dokumentarfilme gehen nun in die Tiefe und beschäftigen sich mit den Mythen, die der 2. Weltkrieg in der Sowjetunion und in Russland hinterlassen hat. Und sie erinnern an das vergessene große Verbrechen der Nazis, die drei Millionen Kriegsgefangene umkommen ließen. Artem Demenok besichtigt die Denkmäler, die an den „Großen Vaterländischen Krieg“ erinnern, fragt nach den Geschichten dahinter und kritisiert die Indienstnahme der Erinnerung durch den Staat. Andreas Christoph Schmidt arbeitet mit den Fotos, die Wehrmachtssoldaten knipsten, wenn sie die Kriegsgefangenenlager zu bewachen hatten oder sonstwie die Ereignisse dort beobachten konnten. Beide Filme fallen mit ihren Erkenntnissen und Darstellungsmethoden aus dem Rahmen des üblichen Geschichts-Fernsehens („Schatten des Krieges“, ARD, Mo 30.05.2016, 23.30-00.15. „Das vergessene Verbrechen“, Mo 06.06.2016, 23.30-00.15)

Pünktlich vor den zwei großen Sport-Events dieses Sommers, erst der Fußball-WM in Frankreich und dann der Olympiade in Brasilien, lässt der Filmemacher Benjamin Best einen Blick in die ziemlich verdunkelten Kulissen des Sportgeschäfts werfen und spuckt ein wenig in die Suppe der heilen Sportwelt. Korruption, Bestechung, miese Arbeitsbedingungen in den Stadien, Wettbetrug, Stadtsanierung auf Kosten der Armen – alles nichts Neues, aber in dieser Zusammenballung doch recht aufschlussreich. Das gilt vor allem für die interessanten Protagonisten und ihre Geschichten: „Dirty Games“ (ab dem 02.06.2016 in den Kinos)

Aus den Wiederholungsschleifen des Fernsehens in dieser Woche hat wolfsiehtfern diesmal einige als bemerkenswert herausgefischt. Etwa „Falciani und der Bankenskandal“ von Ben Lewis, der Geschichte eines Whistleblowers und seiner durchaus ambivalenten Haltung (BR, Di 31.05.2016, 22.30-00.00). „Der Krieg der Lügen“ von Matthias Bittner mit seiner kaum glaublichen Geschichte von Curveball, dem Agenten, der den ersten Irakkrieg in Gang setzte – noch ein höchst ambivalenter Protagonist (HR, Do 02.06.2016, 00.10-01.40). Auch „Die Folgen der Tat“ von Julia Albrecht ist bei Phoenix noch einmal spät abends zu sehen (Phoenix, Fr 03.06.2016, 02.15-03.45).

Und weil es nicht nur die großen Dramen von Politik gibt, sondern auch die Liebesdramen – hier noch ein Hinweis auf Christian Frei‘s schönen Film „Sleepless in New York“, der mit der Kamera dann hinschaut, wenn der Liebeskummer grad am meisten wehtut (Mo 30.05.2016, 22.25-23.55)

Hinweisen wollen wir noch auf drei Kinofilme, die vor kurzem angelaufen sind und es schwer haben werden in den Kinos. Obwohl sie interessant sind und wichtig. Dazu gehört „Die Prüfung“ von Till Harms. Er zeigt den Aufnahmeprüfungen an der Filmhochschule Hannover und da vor allem die Arbeit der Prüfungskommission, ein ungewohnter Blickwinkel (seit 19.05.2016 in den Kinos).

Dazu die Geschichten von jungen Frauen aus Afghanistan und Nepal. In „Sonita“ erzählt die Filmemacherin Rokhsareh Ghaem Maghami von einer jungen afghanischen Rapperin, die sich in den konservativen Gesellschaften Irans und dann Afghanistans einen Platz erkämpfen muss. Der Film gewann auf dem Sundance Festival 2016 den Grossen Preis der Jury und den Publikumspreis (seit 26. 05. 2016 im Kino).

Gleichfalls eine Aufstiegsgeschichte erzählt Susan Gluth in „Urmila – für die Freiheit“. Die Nepalesin Urmila Chaudhary arbeitete bis ins Alter von 17 Jahren als Kalamari, als Haushaltssklavin und konnte sich allmählich daraus befreien. Heute kämpft die junge Frau gegen jahrhundertealte gesellschaftliche Strukturen, will selbst Rechtsanwältin werden. Regisseurin Susan Gluth im Interview: „Ich habe gleich an ein politisches Märchen gedacht, das uns allen etwas erzählen und bedeuten kann und das uns vor allem emotional bewegen wird. Dieser Film zeigt daher auch meine Bewunderung für Urmila, die es trotz – oder gerade wegen – ihrer Vergangenheit geschafft hat, diese so zu benutzen, dass daraus ein Potential entsteht. Eine Kraft, die sie vorantreibt und nicht traumatisiert oder schicksalsergeben ihrem vorgeschriebenen Lebenspfad folgen lässt, sondern aufstehen lässt, um ihn zu ändern.“ (seit 26.05.2016 im Kino).

Schließlich sind noch einige Filme, auf die wir in den Vorwochen hingewiesen haben, in den Mediatheken zugänglich, so „Workingmen’s death“, „Die letzten Gigolos“, „Citizen four“, „Gangsterläufer“ und „Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit“.

Und alles, was der kleine Radar von wolfsiehtfern nur als Datum, nicht aber per Sichtung erfassen konnte, findet sich wie immer in der Rubrik „Was sonst noch läuft“.

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