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„Die Prüfung“. Von Till Harms

Viele junge Menschen wollen mehr denn je „irgendwas mit Medien“ anfangen. Castingshows im Fernsehen versprechen schnellen Ruhm. Wie schwer es aber ist, an eine solide Ausbildung zum Schauspieler zu kommen, das zeigt Till Harms in seinem Film „Die Prüfung“. Seit dem 19.5.2016 in den Kinos.

„Die Prüfung“ findet an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover statt. 2013 bewarben sich 687 Kandidaten, die Hochschule hat für eine neue Klasse 10 Plätze zu vergeben, 9 Dozenten lassen sich 10 Tage lang in einem mehrstufigen Verfahren auf die Bewerber ein, diskutieren, sortieren, schauen hin, schauen weg. Ein Marathon für alle Beteiligten.

Der Film erzählt vom Procedere dieses Verfahrens: Vorsprechen gelernter Rollen, Improvisationsübungen, Partnerspiel. Die Auswahlkommissionen tagen in wechselnden Zusammensetzungen, schließlich wollen sie, wenn sie sich auch nicht in jedem Fall einig sind, darin übereinstimmen, dass sie mit den Auserwählten vier Jahre lang arbeiten wollen. Es ist Winter in Hannover, aber das Draußen spielt nur in kleinen trennenden Sequenzen eine Rolle. Die Bühne ist die Bühne ist die Bühne.

Über Schauspielschüler an der Ernst-Busch-Hochschule hat 2004 Andres Veiel einen bekannten Dokumentarfilm gedreht, „Die Spielwütigen“ – eine Langzeitbeobachtung, die vier Studenten auf ihrem Weg durchs Studium begleitet. Dagegen konzentriert sich „Die Prüfung“ auf diese zehn Tage des Auswahlverfahrens. Und vor allem widmet sie ihr Hauptaufgenmerk nicht den angehenden oder abgewiesenen Schauspielern, sondern den Dozenten der Schule. Der Blick geht auf die Institution und auf den Auswahlprozess. Den kann man nun aus der Nähe betrachten, und es zeigt sich, dass hier natürlich, wie nicht anders zu erwarten, viel Subjektives in die Urteile einfließen. Dass die Diskussionsprozesse mit sehr viel unterschiedlichen Meinungen und Haltungen ablaufen. Es fallen auch immer wieder zwischendurch schlaue Sätze. Misslingen könne auch sehr schön sein, sagt ein Dozent, wenn man es nicht als Misslingen abwertet. Oder die Dozenten diskutieren darüber, woher der authentische Eindruck kommt, den ein Kandidat in seiner Performance hinterlässt und man einigt sich: weil er falsch atmet. Sie diskutieren über Spiellaune und Fantasie  der Kandidaten, sie suchen den ungeschiffenen Edelstein. Und befragen sich manchmal auch, ob sie eigentlich zu streng oder auch zu ungerecht sind.

Das ist im Detail schön konkret zu beobachten und es durchaus mutig, dass die Dozenten sich in einem solchen Prozess auch vor der Kamera entäußern. Sie leisten sich das vor der Kamera, meist einer Handkamera, was sie von den Studenten vor ihrer Kommission auch verlangen: etwas von sich herzeigen. Nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Prozess. Nicht nur die Wahrheit, auch den Irrtum. Am schönsten aber an diesem Film ist, dass kein Kommentar vorbetet, was Zuschauer von dieser oder jener Szene, von diesem oder jenem Argument zu halten hätten. Die dürfen einfach zuschauen, sich ein Bild machen, sich sihr Bild machen, jeder seins.

Regisseur Till Harms zu seiner Arbeitshaltung: „In vielen Dokumentarfilmen wird ja inszeniert und sie werden auch immer geleckter. Wir wollten ganz bewusst an die Tradition des Cinema Direct anknüpfen, in der ja auch das Porträtieren von Institutionen eine Tradition hat. Auch haben wir nicht in das Geschehen eingegriffen und die Reaktionen der Dozenten sind die echten. Deshalb gibt es auch viel Handkamera im Film, einfach um möglichst schnell reagieren zu können. Und es gehörte auch zu unserem Konzept, dass sich der Zuschauer selbst positionieren muss in dem, was er sieht.“

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