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Atomkraft, Stadtleben, Arbeitswelt

Der Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl prägt in dieser Woche das dokumentarische Programm. Und der RBB hat einen kleinen Berlin-Schwerpunkt. 

Am 26. April 1986, vor 30 Jahren, explodierte Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl, der erwartete und befürchtete GAU war eingetreten. Diesem Ereignis widmen sich in dieser Woche zahlreiche Filme im Fernsehen, Dokumentationen und Dokumentarfilme. Hier eine kleine Auswahl – weitere Filme unter der Rubrik „Was sonst noch läuft“ http://www.geyrhalterfilm.com/pripyat

1999 drehte der österreichische Dokumentarist Nikolaus Geyrhalter in der Stadt Pripyat, die fünf Kilometer neben dem Kraftwerk liegt und in der 50.000 Menschen lebten und die nach zwei Tagen evakuiert wurde. Geyrhalter befasste sich in „Pripyat“ mit den Menschen, die weiterhin in diesem Gefahrengebiet lebten und arbeiteten und mit der unsichtbaren Strahlung fertigwerden mussten. Der Film bekam zahlreiche Preise, u.a. den Großen Preis der Diagonale, den Internationalen Preis des Festivals in Istanbul und den Publikumspreis in Nyon. (3SAT, 26.04.2016, 22.25 bis 00.05). Gleich zweimal zu sehen ist „Die Wolke“ von Karin Jurschik. Der Film von 2011 reflektiert vor allem die Auswirkungen des Tschernobyl-Desasters auf Deutschland (Eins Festival, 27.04.2016, 21.50-23.20, Phoenix, 30.04.2016, 22.30-00.00)

Alexander Kluge steuert mit „Abschied von der sicheren Seite des Lebens“ einen essayistischen Beitrag zu den Nachwirkungen von Tschernobyl bei. Ein typischer Kluge mit seinen manieristischen Schrift-Spielereien und mit Fragen, auf die außer ihm sonst niemand kommt. Etwa wie sich die Leichenträger bei den Beerdigungen von schwer verstrahlten Todesopfern aus den Reihen der Liquidatoren schützten. Kluges Film ist aus mehreren Beiträgen zusammengestellt. Einer der Höhepunkte sicherlich die Begegnung mit der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die in die Todeszone reiste und dort zahlreiche illegale Bewohner entdeckte und mit ihnen sprach. Der Bildungskanal ARD-alpha hat einen ganzen Programmschwerpunkt Tschernobyl. Alexander Kluge kooperiert seit Januar 2016 mit dem Bildungskanal, der Sender zeigt jeweils am letzten Freitag des Monats Dokumentationen, die Alexander Kluge für ARD-alpha produziert. (ARD alpha, 29.04.2016, 21.00 bis 22.30)

Zweiter Schwerpunkt in dieser Woche, ohne terminlichen Anlass,  ist Berlin. Zunächst: Nadia Klier stellt im RBB eine besondere Straße im Bezirk Prenzlauer Berg vor: „Meine Oderberger Straße“, RBB 26.04.2016, 21.00-21.45. Darauf folgt „Mein Neukölln. Wo gehste hin? Wo kommste her?“ von Wolfgang Ettlich. Der Filmemacher lebt schon lange in München, ist aber in Neukölln aufgewachsen und stellt jetzt seine persönlichen Erinnerungen dem heutigen Köln gegenüber (rbb, 26.04.2016, 22.45-23.30).

Und daran wieder im Anschluss ein Film aus der legendären Langzeitbeobachtung „Berlin, Ecke Bundesplatz“ von Detlev Gumm und Hans-Georg Ulrich, diesmal die Folge „Bäckerei im Kiez“. (26.04.2016, 23.30-01.00). Die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen – präsentiert auf einer eigenen Website die Langzeitdokumentation von Detlef Gumm und Hans-Georg Ulrich. Dort schreibt Peter-Paul Kubitz: „Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm begannen ihr opus magnun in der erklärten Absicht, ihre „Helden“ in dichter Abfolge wenigstens bis zur Jahrtausendwende kommentarlos und möglichst ideologiefrei zu begleiten, nur gespannt auf die Differenzen, die sich zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei jedem – wie weit und bewusst auch immer – auftun würden; gespannt darauf, wie ihre Mitmenschen mit unrealisierbaren oder unrealisierten Träumen zurechtkommen würden und mit den Realitäten, die sich im Laufe eines Lebens im Miteinander oder aus dem Gegenüber zur Gesellschaft ergeben. Für diese Unternehmung hatten sie ihr Filmbüro an den Bundesplatz verlegt. Sie wurden selbst ein Teil des Schauplatzes, den sie über 25 Jahre hinweg kontinuierlich im Auge behielten, beobachteten. Natürlich gilt für alle Dokumentarfilme, also auch für die vom „Bundesplatz“, dass sie nicht zuletzt von dem geprägt sind, was in ihnen nicht oder nicht direkt vorkommt, auch von dem, was den Filmemachern entgangen ist oder bewusst verborgen bleiben sollte. Zugleich aber sind Dokumentarfilme in aller Regel von dem Vertrauen bestimmt, das die Dargestellten ihren sie Darstellenden entgegenbringen, hier am „Bundesplatz“ allzumal und auf eine einzigartige Weise.“

Über die neue Staffel von „Akte D“ hat hier schon einiges gestanden, hier der Verweis auf den dritten Film der Reihe, der sich mit dem Mythos der Trümmerfrauen beschäftigt. Die anderen beiden Filme über Rüstungsindustrie und pharmazeutische Industrie sind noch in den Mediatheken von ARD und WDR zu finden (ARD, 25.04.2016, 23.30 und tagesschau 24, 29.04.2016, 21.15)

Lange nicht zu sehen war einer der besten Dokumentarfilme über neue Arbeitswelt: „Work Hard, Play Hard“ von Carmen Losmann. Es geht um die moderne Zurichtung der Angestellten in eine Arbeitskultur, die ihre Arbeit ununterscheidbar zum Leben machen soll. Der Film bekam einen Grimme-Preis und den Preis der Internationalen Filmkritik auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival (ZDF Kultur, 27.04.2016, 21.35-23.05).

Nach der Kinoauswertung jetzt im Fernsehen zu sehen „Der grüne Prinz“ von Nadav Schirman, mit einer Story, die sich niemand ausdenken kann: die Geschichte eines Palästinensers, der für den israelischen Geheimdienst arbeitet und dessen Vater ein Gründungsmitglied der Hamas ist. Der BR hat den Film auf seinen schönen Dokumentarfilmplatz gehievt (BR, Di 26.04.2015, 22.30-00.05)

Und dann noch ein kleiner Block Zeitgeschichte. In „Agorá – Von der Demokratie zum Markt“ erzählt der griechische Filmemacher Yorgos Avgeropoulos, was im Land in den vier Jahren geschah, ehe Syriza die Wahlen gewann. Eine Langzeitbeobachtung, durchmischt mit Porträts einiger Landsleute, die irgendwie mit der Krise fertig werden müssen. Der Film bekam 2015 den Preis der Otto-Brenner-Stiftung. (WDR, Mi 27.04.2016, 23.25-01.00). Joschka Fischer meldet sich gelegentlich noch mit großpolitischen Meinungen, ist aber sonst aus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Mit „Joschka und Herr Fischer“ hat Pepe Danquart sich 2011 an einem Porträt  versucht, das zugleich eine Zeitreise durch 20 Jahre Deutschland sein wollte. Thomas Gehringer hat auf wolfsiehtfern seinen kritischen Blick auf den Film gerichtet. In „Die Arier“ geht Mo Asumang auf sehr direkte Weise der Frage nach, was eigentlich Arier sind und was die Rechten im Lande davon überhaupt wissen. Der Film führt in einige überraschende Begegnungen, schreibt Heike Hupertz. (Arte, 26.04.2016, 08.55-10.30)  Schließlich „Die Geschichte der RAF“, eine der großen zeitgeschichtlichen Dokumentationen von ZDF-Info, die an einem größeren Publikum vorbeiproduziert wurden und immer wieder mal überraschend im Programm auftauchen, diesmal sogar im Blick und zu einer guten Sendezeit (ZDF Info, 01.05.2016, ab 20.00, alle sechs Folgen)

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