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„Voices of Violence – Stimmen der Gewalt“. Von Claudia Schmid

Ein Film, der den Frauen als Opfer weltweiter Gewalt eine Stimme gibt, eine Reise durch den Kongo und die Stimmen von Frauen, die nicht aufgeben. Eine Kritik von Heike Heinrich („Voices of Violence“ kommt ab 10.03.2016 in die Kinos).

Voices of Violence, der Dokumentarfilm der Kölner Filmemacherin Claudia Schmid, berichtet über die unvorstellbare Gewalt gegen Frauen in der demokratischen Republik Kongo und versucht das politische und gesellschaftliche System aufzuzeigen, das diese Grausamkeiten zulässt. Dafür ist Claudia Schmid monatelang durch den Kongo gereist, hat Frauen aufgesucht, die grausame Schicksale erlitten und hat ihre Zeugenberichte eingefangen. Ihre Reise führt sie in das kleine Dorf Walungu in Südkivu, zu einer Gruppe von Frauen, die sich in der SIMAMA zusammengeschlossen haben, um gemeinsam überleben zu können, was sie erlebt, erlitten und erfahren haben. Die Filmmacherin ist jedoch auch auf einer persönliche Reise. Und so beginnt der Film mit Bildern der Wiedersehensfreude mit den Frauen, deren Vertrauen sie gewinnen konnte, zu denen sie nun mit ihrer Kamera zurückkehrt und sie um ihre öffentliche Erinnerung bittet. Diese sehr persönliche Filmeröffnung erweist sich als gelungene und gut durchgehaltene Dramaturgie.
Die erste Überraschung ist die Kraft, mit der sich die geschundenen Frauen erinnern. Kataya, Joziana, Vumilla und Lorenzi – es sind vor allem ihre Geschichten, die wir erzählt bekommen. Kataya und Lorenzi berichten mit Wucht und Zorn und wilder Entschlossenheit, was sie erlebten. Sie können die Gewaltverbrechen, die ihnen wiederfahren sind, beim Namen nennen. Von Folter und Vergewaltigung, Entrechtung und Entwürdigung sprechen sie mit dem ganzen Körper. Aber es gibt auch die kleinen, stillen Gesten der Verzweiflung, wie bei Joziana und Vumilla. Oft können sie nicht aussprechen, was passiert ist. Und so zeigen sie es, fuchteln mit den Messern, wie die Täter damals, stellen die Ereignisse nach und fallen um, zeigen wie es war, als sie diese unvorstellbare Gewalt erleben mussten. Etwas schwierig erschließt sich für den Zuschauer der zeitliche Abstand zwischen den Erlebnissen der Frauen und den Interviews. Zeitangaben werden leider nicht gemacht.
Wir erfahren vor allem, dass Frauen im Kongo von den Hutu Rebellen als Kriegsbeute betrachtet, benutzt, bedroht und ermordet werden. Oft müssen sie selbst Menschen aus ihrem Dorf töten, um nicht getötet zu werden oder erleben den Tod ihrer Kinder. „Sie wollen ein Volk auslöschen, sie kommen und töten und lassen nur den Atem zurück“ sagt Vumilla und da stockt einem auch als Zuschauer der Atem.
Klug setzt die Filmemacherin die Stimmen der Männer des Dorfes dagegen. Eine Kultur, in der eine Kuh mehr wert ist als eine Frau, lässt diese geschundenen Frauen doppeltes Leid erfahren. Nach der Gewalt und Unmenschlichkeit, verlieren sie jede Anerkennung in der Dorfgemeinschaft. Sie werden oft von ihren Familien verstoßen, von ihren Männern vertrieben, auch mit ihren Kindern in die Isolation gedrängt. Genau dieses Verhalten zementiert die gesellschaftlichen Strukturen, die die Gewalt gegen Frauen zulassen. Sie selbst werden zur Verantwortung gezogen, ihnen selbst wird angelastet, was sie erleben mussten.
Im Dorf arbeitet eine Sozialarbeiterin, die den Frauen therapeutische und ökonomische Hilfe bietet. Leider kommt sie nicht zu Wort. Über ihre Arbeit wird aus dem Off gesprochen, Bilder werden gezeigt. In der SIMAMA-Gruppe lernen die Frauen, die Opfer von Gewalt im Bürgerkrieg wurden, das Erlebte zu verarbeiten, in die Gemeinschaft zurückzufinden, Geld für Kleinkredite zu sammeln. Sie arbeiten als Landwirtinnen, Händlerinnen, Hauswirtschafterinnen. Diese Frauen sind für den Rest ihres Lebens traumatisiert und haben ihre Würde und ihre Stellung in der Gesellschaft verloren. Aber sie geben nicht auf. „Kongolesische Frauen sind stark. Stärker als wir. Auch wenn wir das nicht mögen“ sagen die Männer des Dorfes und werden auch damit Teil der Gewalt gegen ihre Frauen.
Juristische Hilfe gibt es nicht. Täter werden nicht ermittelt und nicht bestraft. Die Rolle der UN vor Ort ist zweifelhaft. Selbst im Flüchtlingscamp, in dem verstoßene Frauen mit ihren Kindern leben, ist Gewalt an der Tagesordnung, sind sie nicht sicher. Die Filmemacherin setzt sich selbst ins Geschehen, beschreibt ihren Weg durch den Kongo und ihre Begegnungen in der Gemeinschaft immer sehr persönlich. Das hilft dem Zuschauer, denn nicht nur die berichtenden Frauen brauchen immer wieder eine Pause bei den Interwies. Auch der Zuschauer braucht eine Pause zum Durchatmen. Damit verbindet Claudia Schmid sich und uns mit dem Geschehen. Eine kluge, verhaltende Kamera gibt den Frauen eine Chance, stellt sie nicht als Opfer aus und lässt sie im Laufe der Gespräche schöner und stärker erscheinen. Die Alltagskleidung wechselt. Am Ende tragen sie festliche, bunte Kleider. Und haben in ihrem Leid auch etwas sehr Mutiges und Erhabenes. Gemeinsamer Tanz und Gesang am Schluss sind nicht Ausdruck neuer Lebensfreude. Sie sind Teil der Therapie und Bewältigungsstrategie. Die SIMAMA-Gruppe lebt Überleben.
Ein wichtiger, ein mutiger und ermutigender Film. Der WDR, der NDR und die Film- und Medienstiftung NRW haben das Projekt gefördert. Es bleibt allerdings unverständlich, warum die Gespräche der Frauen untereinander untertitelt, die Interviews und Erinnerungen jedoch übersprochen werden. Das Voice Over nimmt den Voices of Violence die Kraft und Authentizität. Zumal die deutschen Stimmen nicht nur übersetzen, sondern auch überflüssige Emotionen hineinlegen. Schade. Es bleibt zu hoffen, dass der Film, der am 10. März in die Kinos kommt, im Original mit Untertiteln gezeigt wird. Bleibt noch die Idee der begleiteten Kinotour zu loben. Das Publikum wird ein Gespräch im Anschluss sicher dankbaren annehmen, wie im Vorfeld zum Kinostart mit Gesprächsgästen geschehen. Ein Film, den es sich in jedem Fall anzuschauen lohnt.

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