Permalink

0

„Unser Deutschland – Zwei Syrer auf Winterreise“. Von Thomas Lauterbach und Johanna Behre

Zwei Syrer, Tarek und Fadi, wollen in Dresden eine Pegida-Demonstration aus der Nähe sehen. Tarek sagt: „Wer aus dem Krieg kommt, fürchtet sich vor nichts“. Sie sehen sich das an, von den Rändern her und Tarek findet es nur „ekelhaft“. Aber Dresden ist nur eine Station auf der Winterreise zweier Syrer. Von der erzählen Thomas Lauterbach und Johanna Behre in „Unser Deutschland – Zwei Syrer auf Winterreise“ (Noch in den Mediatheken von ZDF und 3Sat) Zwei Syrer auf Winterreise. Tarek und Fadi sind im Sommer 2015 nach Deutschland gekommen, der eine mit dem Flieger, der andere über die Balkanrote. Sie kennen sich aus dem Studium, Innenarchitekt der eine, Grafiker der andere. Beide leben in Berlin. Für diesen Film haben sie sich auf eine zweiwöchige Reise durchs winterliche Deutschland gemacht. Sie wollen das Land kennenlernen, von dem sie hoffen, dass es ihnen Zuflucht und Sicherheit gewähren wird. Es ist eine Reise entlang markanter Punkte: Allianz-Arena in München, Oper in Stuttgart, Deutsches Eck, Rheintal, Kölner Dom, Sächsische Schweiz, Weimar, Ostsee. Dann wieder zurück nach Berlin.

Das sind für Tarek und Fadi weniger touristische Ziele als Begegnungen. Mit anderen Menschen. Oder mit ihren Erinnerungen. In München sind sie hin und weg von der Allianz-Arena, natürlich geht das nicht ohne Andenken-Bayern-Trikot ab, aber als sie in der Stuttgarter Oper „Salome“ sehen, ist das ein tieferes Erlebnis: „Das ist noch besser als die Allianz-Arena“. Am Deutschen Eck treffen sie ausgerechnet Ausländer, einen Holländer und eine Iranerin. Am Kölner Dom sehen sie eine Fotoaustellung vom zerstörten Köln 1945 und denken natürlich sofort an Syrien. In den Augen von Frauen und Kindern finden sie den gleichen Ausdruck. Und wenn sie in der Sächsischen Schweiz die Landschaft bewundern, so denkt Tarek doch zunächst an das letzte gemeinsame Frühstück mit Freunden vor genau einem Jahr; danach ist er abgereist, ohne mit jemandem darüber gesprochen zu haben.

„Unser Deutschland“ ist ein wunderbarer Film, der auch von seinen Protagonisten lebt, zurückhaltenden, freundlichen, klugen Männern. Fadi vor allem ist charmant, lächelt viel und verbirgt nie, wenn hinter dem Lächeln die Trauer aufsteigt. Die beiden sind ernst und sie haben Humor. Ihr Blick auf das Land ist ein erster und ein fremder Blick. Sie führen Tagebuch und sind auch genaue Beobachter ihrer selbst. Fadi notiert seine Verwunderung über den alten Mann, mit dem er im Zug gesprochen hat, dass dieser, obwohl im 2. Weltkrieg Flakhelfer, nun doch wieder einen Bodenkrieg in Syrien für notwendig hält. Sie beobachten den Aufmarsch von Polizei in Dresden und sind doch beruhigt: „Wir sind in Europa, hier wird nicht geschossen“. In Buchenwald muss Fadi ein wenig mit sich allein sein, weil ihn die Gefühle übermannen und dann sagt er, auch in Syrien, wenn der Krieg vorbei ist, würden alle sagen, sie hätten nichts gewusst. Der Film ist voll mit solchen Geschichten, Querbezügen, Erinnerungen, Hoffnungen und Ängsten. Und er ist das Beste, was man derzeit im Fernsehen sehen kann als Gegenbild zu den völkischen Schreihälsen von Clausnitz.

Kommentare sind geschlossen.