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„Selbstporträt Syrien“. Von Ossama Mohammed und Wiam Simav Bedirxan. F 2013

Welche Bilder aus dem Krieg wollen wir sehen, welche müssen wir sehen? „Selbstporträt Syrien“, ein eindrucksvolles Poem über den Krieg in Syrien, schwer auszuhalten – und ebenso dringlich und notwendig. (Noch in der Mediathek von Arte)

„Selbstporträt Syrien“ ist ein großes Trauerpoem des bekannten syrischen Filmemachers Ossama Mohammed, der in Paris im Exil lebt. Ein Filmgedicht, in dem die Worte ebenso um Fassung ringen wie die Menschen, die die Handybilder aus dem Bürgerkrieg in Syrien aufgenommen und ins Netz gestellt haben. Der Film arbeitet mit diesen Bildern, er zeigt sie ungefiltert, roh, in aller Dramatik. Sie sind nahezu unerträglich. Sterbende Männer, tote Kinder, zerrissene Körper. Auch Szenen von Folterungen sind dabei, Erschießungen, die die syrische Armee oder die Polizei gedreht haben muss.

Muss man sich das ansehen? Man kann und darf diese Frage stellen. Aber man muss sich auch klar machen: es handelt sich nicht um Bilder, die gedreht worden sind, um uns zu Voyeuren zu machen. Sie sind gedreht worden, um Verbrechen öffentlich zu machen. Aus ihnen soll die Welt erfahren, wie es drin zugeht im Krieg. Also macht es auch Sinn, diese Bilder noch einmal zu sichten, zu ordnen, sie einzuordnen. Sie sind Dokumente im ursprünglichsten Sinn und in diesem Sinn ist auch „Selbstporträt Syrien“ ein Dokumentarfilm im reinsten Sinne. Die Wackel-Ästhetik der youtube-Bilder ist gar keine Ästhetik, will nicht absichtsvoll Unmittelbarkeit ausdrücken. Man sieht vielmehr, wie in der Formlosigkeit der Bilder das Leben sich auflöst in Angst, Schrecken, Flucht und Tod.

Regisseur Ossama Mohammad begegnet dieser Auflösung durch einen bilderreichen und subjektiven Text, in dem er über sein Exil reflektiert, seine Ohnmacht, seine Trauer. Auf einer weiteren Ebene führt er einen Dialog mit der kurdischen Filmemacherin Wiam Simav Bedirxan, die in der belagerten Stadt Homs lebt. Es handelt sich ein virtuelles Gespräch, die beiden kennen sich sonst gar nicht. Aber in diesem Gespräch kann die Filmemacherin Kontakt halten mit der Welt draußen und der exilierte Regisseur mit seiner Heimat. „Schreib, schreib, schreib“, rät er ihr und er meint: Mit Bildern schreiben.

Simav dreht andere Szenen als die Handyfilmer, organisierte Szenen, aber kaum weniger schrecklich. Wie von einem Magneten anzogen filmt sie das zerstörte Haus, in dem sie lebte und in dem ihre Eltern umkamen. Sie dreht beharrlich eine dreibeinige Katze mitten in den Ruinen, andere Tiere, halb verhungerte Hunde, tote Pferde: das ganze Leben ist zerstört. Und sie fragt ihren Mentor im fernen Paris, was sie drehen solle. „Alles“, sagt der. Sie ist in den Trümmern unterwegs, sie unterrichtet auch Kinder, zeigt ihnen Charlie Chaplin in der Boxszene aus „Lichter der Großstadt“ und die lustige Szene sieht aus wie eine bittere Reminiszenz, eine Verirrung mitten in Assads „Musical der Mörder“.

Wie eine musikalische Komposition arbeitet der Film mit Leitmotiven: am Anfang steht die Geburt eines Kindes, seine Abnabelung. Häufig wiederkehrt das Bild eines Jungen, ein Kind noch, der brutal vom syrischen Militär gequält wird. Bilder aus der Stadt Daraa, Szenen, die den Aufstand gegen Assad ausgelöst haben.. Am Ende gehen wir mit Omar durch das zerstörte Homs. Der kleine Junge freut sich über eine Blume in der Trümmerwüste. Er weiß aber auch genau, an welcher Kreuzung der Scharfschütze der syrischen Armee sitzt und dass er schnell laufen muss.

„Selbstporträt Syrien“ ist kein im journalistischen Sinn politischer Film. Der Krieg besteht aus Opfern und Tätern, nicht aus Strategien und Taktiken. Der Krieg ist eine mörderische Maschine, die Menschen zerquetscht, ein Panzer, der durch Straßen rollt. Die Bilder wie die Dramaturgie des Films drücken das aus. Da gibt es keine Erzählkonstruktion, die die Zuschauer entlasten wollte, keine Glättung der Bilder, keine durch Weglassen erträgliche Sicht auf den Krieg. Der Film, sagt der Regisseur, sei aus 1001 Bilder von Syrern im Bürgerkrieg zusammengesetzt. 1001 Bilder, 1001 Schicksale und: „Die längste Bestattung der Geschichte“ und „Wir sterben in der Fülle des Lebens“.

Was, wenn diese Bilder gesehen werden und nichts bewirken? Wenn dieses gewaltige traurige und bittere Poem uns nicht mehr erreicht? Es bleiben nach diesem Film eine Menge Fragen übrig.

 

 

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