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„Land in Sicht“. Von Judith Keil und Antje Kruska.

Abdul aus dem Jemen, Farid aus dem Iran und Brian aus Kamerun. Drei Asylbewerber, die in Deutschland Fuß fassen wollen. Aber da sind viele Schwierigkeiten und eine Menge Leute sind damit beschäftigt. Man bekommt eine gewisse Vorstellung davon, dass das alles noch sehr kompliziert werden wird (HR, So 13.03.2016, 01.30; HR Fr 18.03.2016, 00.10-01.402.30; )

„Land in Sicht“ ist ein sehr doppeldeutiger Titel. Aufs erste angekommen sind sie in Deutschland, die drei Männer aus dem Jemen, dem Iran und Kamerun – sie sehen Land. Aber das Land  ist eben auch nur erst in Sicht, jedenfalls aus der Perspektive der Bewohner des Asylbewerberheims im brandenburgischen in Bad Belzig. Denn alles ist offen. Sie müssen erst Asyl bekommen, die Behörden lassen sich Zeit und ihre Vorstellungen von Deutschland prallen massiv und oft unverhergesehen mit den Realitäten der deutschen Gesellschaft zusammen.

Da ist Abdul aus dem Jemen, schon älter, ehemaliger Offizier, nach eigener Aussage wegen einer Verschwörung geflohen, leicht verletzt. Ein sehr charmanter Mann, stets lächelnd, ein Träumer auch, aber einer, der nicht aufgibt. Man kann hinter der lächelnden Fassade ahnen, was es für ihn bedeutet, sich als ehemaliger Offizier als Pförtner zu bewerben oder für die Security. Als er sich für die Flughafen-Security bewirbt, bringt er sich mit dem Satz in Stellung, es genüge ihm, anderen Menschen in die Augen zu sehen, dann könne er gut und böse unterscheiden. Natürlich bekommt er den Job nicht.

Da ist Brian aus Kamerun. Er hat eine schlechte Ausgangslage. Kamerun wird so gut wie gar nicht als Asylland geführt. Seine Familie hat ihn ins reiche Europa geschickt, er soll sie versorgen. Auch er sucht einen Job, gerät an eine fragwürdige Versicherungsgesellschaft, sucht nach einer Frau und bekommt schließlich die Abschiebung angedroht. Nur weil die Behörden keinen Pass haben, wird er noch geduldet.

Da ist Farid aus dem Iran. Er ist geflüchtet, weil er nach Protestdemonstrationen gegen die gefälschten Wahlen ins Visier der Revolutionsgarden geraten ist. Frau und ein kleines Kind hat er zurückgelassen. Jetzt ist er vor Sorgen geplagt, ob nicht seine Familie über der Emigration zerbricht, es muss sich sogar wegen Depressionen psychologisch behandeln lassen. Und niemand sagt ihm, wie lange sein Verfahren noch dauern wird.

Und da ist noch die Sozialarbeiterin Rose Dittfurth, eine taffe Frau, die auch schon mal zu unkonventionellen Maßnahmen greift, wenn es ihren Schützlingen nützt.

Drei Männer, die das gleiche Ziel verfolgen: Anzukommen, Arbeit und Kontakte finden, Freunde finden und Frauen. Auf eine sehr respektvolle Weise machen die beiden Regisseurinnen auch Sexualität zum Thema. Alle drei Männer sind auf ihre Weise damit konfrontiert. Abdul fragt vergeblich den Imam, ob er ihm nicht helfen könnte, eine Frau zu finden und probiert es auch bei einem Singletreff. Farid sehnt sich nach seiner Frau. Und Brian steht vor der Frage ob er eine Frau suchen soll, um via Heirat an das Aufenthaltsrecht zu kommen. In einer ernst-komischen Szene berät er sich mit seinem Freund, er berät sich mit einem Freund, offenbar mit Erfahrung, der weiß, dass da oft nur Abenteuer für eine Nacht drin sind und Klischeevorstellungen, dass unge schwarze Männer angeblich gut im Bett sind. Brian will das Spiel aber nicht mitmachen, er möchte seine Freiheit behalten. Ende offen.

Die Autorinnen verschränken die Beobachtungen im Asylbewerberalltag dieser Männer. Sie begleiten sie bei Behördengesprächen, bei Bewerbungsgesprächen, in ihren Wohnungen, in Diskotheken. Manche Szene wirkt freilich sehr abgesprochen und man fragt sich, ob sie auch so verlaufen wäre, wäre die Kamera nicht anwesend gewesen,. Ob der Behördentonfall anders ausgefallen wäre, oder ob der aufreizende Tanz einer jüngeren Frau in der Diskothek zu etwas anderem geführt hätte als zu Brians Rückzug.

Aber das sind nur schwache Einwände gegen einen sehr schönen Film, der leistet, was Dokumentarfilm kann: von Menschen erzählen, ihr Schicksal sichtbar machen. Ihren Mut und ihre Geduld. Aber eben auch von Einsamkeit und Trauer der Emigration, einem Thema, das in den derzeit grassierenden Haltungen, dem Überschwang und der Abwehr, überhaupt nicht vorkommt.

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