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Grimmepreis „Göttliche Lage“ – Begründung der Jury

In Dortmund wird das Stahlwerk Phoenix-Ost abgerissen. An seiner Stelle entstehen ein See, ein Freizeitgebiet und ein neues Wohnquartier. Über fünf Jahre lang haben Ulrike Franken und Michael Loeken diesen Prozess beobachtet.

Sie haben mit den Menschen gesprochen, die dieser Strukturwandel trifft, und sie interessieren sich für die Gegensätze. Hier die abgewohnte Straße im Stadtviertel Hörde. Stillgelegte Geschäfte, kleine Kioske, verfallende Fassaden. Der Stadtpolizist Wegner beobachtet, notiert den Verfall, plaudert mit den Anwohnern und macht sich Gedanken über soziale Gegensätze. Dort die Modelle und Werbematerialien der Stadtplaner, die die neue Stadt bauen wollen, mit neuen Menschen natürlich. Die besichtigen schon mal die Grundstücke, auf denen sie mal wohnen werden, mit Seeblick, in göttlicher Lage. Dazwischen die Kiebitze vom Bauzaun, die das Geschehen von der Seite kommentieren. Eine Kioskbetreiberin, die ihre Zukunft schwinden sieht und rechtzeitig aufgibt. Stahlarbeiter, die sich fragen, wo die Arbeit bleibt. „Göttliche Lage“ ist eine Langzeitbeobachtung, die uns erlaubt, den Strukturwandel beim Wandeln zu beobachten. Wie etwas verschwindet und wie etwas entsteht: Phoenix aus der Asche, in jeder Hinsicht.

„Göttliche Lage“ ist ein großartiges Lehrstück, mit wunderbarem Gespür für die sozialen Umbrüche, mit klarem Auge für das, was vor sich geht. Und mit Humor, was bei Dokumentarfilmen eine eher seltene Zuschreibung ist. Der Film lässt uns in jeder Hinsicht – intellektuell wie visuell – begreifen, was Strukturwandel bedeutet. Da steht noch diese alte Straße mit den alten Bewohnern, den leerstehenden Wohnungen, den geschlossenen Geschäften. Ihnen wird die neue Architektur und Infrastruktur davorgesetzt: Sie verschwindet aus unserem Blick. Einem der neuen See-Anwohner fällt noch auf, dass sich in den neuen Restaurants am Wochenende allerlei merkwürdiges Volk herumtreibt, unter der Woche ist man unter sich.
Ulrike Franken und Michael Loeken bringen das Kunststück fertig, in ihrem dramaturgisch wunderbar getimten Film über lange Strecken von etwas zu erzählen, was man noch nicht sehen kann, sondern was man sich vorstellen muss. Wie eben die „Göttliche Lage“, die ein künftiger Eigenheimbesitzer vor der Baugrube schon ausgemacht haben will. Wir sehen Modelle der Architekten, geschönte Bilder der Stadtwerber, Planungskarten der Landschaftsplaner. Wir hören von hellen Adjektiven und hellen Grundfarben und staunen über den Alteinwohner, der nun plötzlich eine Fassade wie von Hundertwasser haben will.
Der Film zeigt, dass Strukturwandel nicht nur eine bauliche Maßnahme ist. Man kann dabei zusehen, wie die Ideologie der Freizeitgesellschaft über alte Denkformen, redlich erworbene Ansprüche und insgesamt gewachsene Strukturen hinwegbügelt. Und wie schließlich das Unvorhersehbare, die Menschen oder die Natur, den Planern so manchen Strich durch die Rechnung machen, etwa den Architekten, Verwaltungsleuten und Werbern – Personen, die in Dokumentarfilmen selten vorkommen. Sie müssen sich die meiste Mühe geben, die Zukunft auszumalen, und geraten dabei an ihre Grenzen.
„Göttliche Lage“ lässt sich auch als eine Beschreibung des Lebens als angewandter Surrealismus lesen, als Komödie mit grotesken und absurden Momenten. Die anarchistischen Kanadagänse, die in den Planungen nicht vorgesehen waren, aber vorzeitig das Ufer besiedeln und den Planern in ihren glasklar-sauberen See scheißen. Die Wildbader und Wildgriller, gegen die offenbar auch mit einem Massenaufgebot an Verbotsschildern nicht anzukommen ist. Und dann haben Stadt und Entwicklungsgesellschaft zur Eröffnung auch noch Larry Hagman eingeladen, den Boss aus „Dallas“, der offensichtlich schon nicht mehr weiß, was er hier eigentlich soll: Vergangenheit soll in die Zukunft führen. Man sieht das alles und denkt: Einfach irre.

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