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Highlights: Flüchtlingskrise, Beziehungskrisen, Kommunikationskrisen

Dokumentarfilme sind das, was man in der Literatur Longseller nennt. Sie sind nicht selten über den Zeitpunkt ihrer Kinopremiere oder über ihrer TV-Ausstrahlung hinaus haltbar und insofern nachhaltig. Da haben viele in den Sendern immer noch nicht kapiert, sonst würden sie dem Genre nämlich größere Aufmerksamkeit widmen. Und aus eben diesem Grund ist eigentlich kein System erkennbar, warum Dokumentarfilme wiederholt werden (oder warum nicht). Wir haben also versucht, den Zufall auszutricksen und einige Filme in dieser Woche ausgegraben, die anzusehen sich durchaus lohnt.

Dass mit der Flüchtlingskrise ein großes gesellschaftliches Thema heranwächst, haben Dokumentaristen früher erkannt als die Politik. Daher haben wir in den letzten Monaten einige einschlägige Filme sehen können. Jüngstes Beispiel dafür ist „#myescape – Meine Flucht“, eine Produktion des WDR, die von der Flucht aus der Perspektive der Flüchtenden erzählt, über die Videos, die sie selbst gedreht haben. Ein Film, der einem sehr nahe gehen kann und obendrein ein zeitgeschichtliches Dokument ersten Ranges. Der Film ist noch in der Mediathek des WDR zu sehen und hat, zweigeteilt, noch zwei Ausstrahlungen in der Deutschen Welle. Hier die Kritik. Schön häufiger wurde hier hingewiesen auf zwei Filme, die sich für das Zusammenleben von Neuankömmlingen und Alteingesessenen interessieren. „Das Golddorf. Asyl im Heimatidyll“ erzählt von afghanischen Flüchtlingen, die es in ein bayrisches Dorf verschlägt, wo nicht nur die Bayern was zu lernen haben, sondern die Zugewanderten auch schon mal mit seltsamen Bräuchen wie dem Schuhplatteln konfrontiert werden (NDR, Di 16.02.2015, 00.00-01.15 und SWR, Mi 17.02.2016, 23.23 – 00.45). „Willkommen auf Deutsch“ schaut sich das gleiche Problem im Norden an, natürlich ohne Schuhplattln (SWR, Mi 17.02.2016, 0040-02.10; hier die Kritik).

Schauen Sie ZDF-Kultur, solange es den Sender noch gibt. Hier haben Redakteure diesmal zwei interessante Filme aus den Archiv-Tiefen hervorgeholt. „Beziehungsweisen“ ist ein „inszenierter Dokumentarfilm“ und was wie ein Widerspruch in sich klingt, ist in Wahrheit eine Spielart des Dokumentarischen. Calle Overweg hat als Regisseur Erfahrung mit dieser Form. Diesmal geht es um Krisen in Paarbeziehungen und ihre therapeutische Verarbeitung, also einen Prozess in dem klugerweise eine Kamera nicht anwesend sein sollte. Die Lösung: die Therapeuten sind real, die Paare werden nach realen Fällen von Schauspielern dargestellt. Und, siehe da, es wirkt nichts erfunden, obwohl und weil die Inszenierung offengelegt ist, Und obwohl der Film, so beschrieben, eigentlich langweilig klingt, ist er sehr spannend; bei Kinoaufführungen konnte man eineinhalb Stunden lang nicht das kleinste Nebengeräusch hören (ZDF-Kultur, Mi 17.02.2016, 20.15-21.40; hier die Kritik). Im Anschluss daran läuft „Besprechung“ von Stefan Landorf über das, was oft als Ausrede am Telefon als Ausrede über denjenigen hört, den man gradedringend sprechen will. Die Besprechung ist ein Ritual der Arbeitswelt und als solches nähert sich ihr auch der Autor, und mal nicht psychologisch (ZDF Kultur, Di 17.02.2016, 21.40-23.00; hier die Kritik).

Zeitgeschichte ist ein weites Feld für den Dokumentarfilm. Zurück in die Zeit des 2. Weltkriegs geht „Die Partisanen. Krieg hinter der Front“ von Andreas Christoph Schmidt und Artem Demenok. Es braucht keinen konkreten Datumsanlass, um sich diese kluge und auch viele Vorurteile revidierende Geschichtserzählung anzusehen, allerdings nächtliche Ausdauer (Arte, Do 18.02.2016, 02.05-03.00; hier die Kritik). „Akte D – Die Macht der Stromkonzerne“ von Florian Opitz ist ein Teil eines grimmepreis-gekürten Dreiteilers, der eine etwas andere Art der TV-Geschichtsschreibung beschreibt, die man nach dem Buch von Andreas Rödder  „Kurze Geschichte der Gegenwart“ nennen könnte – am Ende kommen wir bei RWE in der Gegenwart an (Phoenix, Do 18.02.2016, 20.15-21.00; hier die Kritik).

Eine Figur der Zeitgeschichte ist inzwischen auch Donald Rumsfeld geworden, einer der Falken unter George W.Bush, der der Welt den gegenwärtigen Nahost-Schlamassel mit eingebrockt hat. Der amerikanische Dokumentarist Errol Morris, der sich immer großer politischer Themen annimmt, hat mit dem ehemaligen Verteidigungsminister gesprochen und ist auf einen kriegstreiberischen Philosophen gestoßen „The Unknown Known – Die Agenda des Donald Rumsfeld“ (ZDF Info Mo 16.02.2016, 02.45—04.15, Mi 17.02.2016 15.00-16.30; hier die Kritik).

Gerade mal zwei Jahre her sind die dramatischen Ereignisse auf dem Kiewer Maidan, die mit über 100 Toten endeten. Oleksandr Techynskyi, Aleksey Solodunov und Dmitry Stoykov beschreiben in groß angelegten Bildern und Szenerien die eskalierenden Kämpfe um den Platz, ein Schlachtengemälde, das ganz die Bilder sprechen lässt, auf Einordnungen verzichtet. Jeder muss sich selbst seinen Reim drauf machen. „Kiew brennt. Eskalation auf dem Maidan“ (Phoenix, Sa 20.02.2016, 00.35-02.00; hier die Kritik)

Und, ganz anderes Thema: sehenswert die schräg-komische und streckenweise inszenierte Beobachtung, wie vier Nerds die Liebe nach Computerkriterien suchen und herauskriegen wollen, wie man eine Frau hackt: „Love and Engineering“, noch in der Mediathek von Arte; hier die Kritik.

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