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„Leaving Greece – Fluchtpunkt Griechenland“ Von Anna Brass

Europa und die Flüchtlinge – ein Dauerthema für die Nachrichten. Seltener ein Thema für ausdauernde Dokumentaristen. Anna Brass hat ihre Protagonisten über zwei Jahre begleitet bei ihrem Versuch, nach Europa zu kommen. War für den Grimmepreis nominiert.(ARD Alpha, Fr 11.12.2015, 20.15-21.35)

Nachts in der griechischen Hafenstadt Patras. Eine Gruppe junger Männer läuft hinter einem LKW her. Sie versuchen, hinten aufzuspringen, auf die Ladefläche zu gelangen und damit auf die Fähre. Manchmal gelingt es, meist nicht. Sie versuchen es immer wieder und sie werden es immer wieder versuchen. Sie wollen nach Italien, sie wollen nach Mitteleuropa. Reza aus Afghanistan geht manchmal auf den Friedhof in Patras. Dort liegen auch viele Flüchtlinge, die es nicht geschafft haben und beim Fluchtversuch unter die Räder gekommen sind.

Die Anfangsszene aus „Leaving Greece“ macht schlagartig klar, was es mit der Flüchtlings- und Asylpolitik der EU auf sich hat. In Patras versammeln sich Flüchtlinge aus den Krisenherden aller Welt. Nach dem Regelwerk von Dublin II müssen Flüchtlinge ihren Asylantrag in dem Land stellen, in dem sie das erste Mal europäischen Boden betreten. Das ist in 90% der Fälle Griechenland. Das Land war damit schon vor der Finanzkrise überfordert, danach erst recht.

Und so erfahren das auch Hossein, Reza und Kaka, die drei Protagonisten in Anna Brass‘ Dokumentarfilm „Leaving Greece – Fluchtpunkt Griechenland“. Seit 2008 schon halten sich die drei in Griechenland auf, zwei Jahre lang hat die Autorin sie begleitet. Dutzende Versuche, vom Fluchtpunkt Griechenland wegzukommen, haben sie schon hinter sich. Schafften es manchmal, wurden erwischt, wieder zurückgeschickt. In Patras leben sie auf der Straße, unter Brücken. Manchmal werden sie von der Polizei erst verprügelt, dann verjagt. Sonst geschieht nichts. Unterlagen werden verschlampt, nicht bearbeitet. Auffangheime gibt es nicht. Man versteht nach diesem Film besser, warum die EU inzwischen beschlossen hat, die Rücküberweisungen von Flüchtlingen nach Griechenland zu unterbinden.

Unterschlupf finden die drei immer wieder in einer Institution auf der Insel Lesbos, genannt Villa Azadi, in der minderjährige Flüchtlinge untergebracht und halbwegs betreut werden. Dort lernten sie auch zwei junge Frauen aus Berlin kennen, die Workshops veranstalteten. Anna, eine der beiden Frauen, verliebt sich in Hossein, wird schwanger, versucht, ihren Freund nach Deutschland zu bekommen.

„Leaving Greece“ erzählt die menschlichen Dramen hinter der Asylpolitik. Kaka, der schon nahe dran war, aufzugeben und wieder nach Afghanistan zurückzukehren, unterließ es doch, aus Angst, bei einem Attentat umzukommen. Reza, der gern zu seinem Bruder nach Österreich möchte, den aber die Angst vor den möglichen Repressalien bei der Flucht lähmt. Anna, die schnell erfährt, dass man auf der Ausländerbehörde ihren Freund zunächst einmal wie einen Kriminiellen behandelt und die Schwangerschaft nichts zählt, wenn die die Papiere nicht vollständig vorhanden sind.

Zugleich ist „Leaving Greece“ auch ein Film über Freundschaft, unentbehrlich für die jungen Männer, die seit Jahren von ihrer Familie getrennt sind. Als Kaka genügend Geld für einen Schlepper beisammen hat, der ihn über Serbien nach Deutschland bringen will, verrät er es Reza nicht. Ruft ihn erst aus Athen an, um ihm zu beichten. „Ich musste jetzt an mich selbst denken“, sagt er, „ich bin sonst am Untergehen“ erklärt er vor der Kamera. Reza bringt Verständnis auf, aber er sitzt immer noch in der Villa Azadi, hat kein Geld und kommt nicht weg.

Anna Brass bleibt mit ihrer Kamera nahe dran an den drei Protagonisten und ihrer Geschichte. Natürlich legt sie es auf Identifikation an. Die drei Jungs sind ungemein sympathisch, sie wollen nichts als ein besseres Leben, sie wollen eine Zukunft und nichts würde man ihnen mehr gönnen. Vieles über die wahre Situation der Flüchtlinge erfährt man aus ihren Gesprächen, die sich um kaum etwas anderes als Flucht drehen. Größere Informationszusammenhänge stellt die Autorin über Nachrichtenschnipsel aus TV-Nachrichten her – ein eher schon abgegriffenes Verfahren. Zwei Szenen, das Gespräch in der Ausländerbehörde und die Kommentare des Grenzers bei der Einreise von Hossein sind nach Gedächtnisprotokoll nachgesprochen. Durchaus dramatisch sind die Szenen, in denen die Kamera die Fluchtversuche dokumentiert, nicht nur am Hafen von Patras, sondern auch beim nächtlichen illegalen Grenzübertritt.

Am Ende informiert der Film auf Schrifttafeln, dass alle drei es ans Ziel ihrer Wünsche geschafft haben. Hossein hat Arbeit, Kaka bekam Kirchenasyl und erstmals einen gültigen Pass. Die Villa Azadi auf Lesbos wurde vorläufig geschlossen. Die Geschichte der Flucht vom Fluchtpunkt Griechenland ist es vermutlich noch lange nicht. „Leaving Greece“ ist die Abschlussarbeit der Autorin an der Münchner Filmhochschule.

„Leaving Greece“. Von Anna Brass. D 2014. Phoenix, So 20.06.2015, 22.30 – 23.50 Uhr

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