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Im Übrigen bin ich der Meinung, dass

dass es ein Zeichen ziemlicher Ignoranz ist, wenn der wiederbelebte Deutsche Fernsehpreis das Genre des Dokumentarfilms gar nicht wahrnimmt.

Inzwischen sind die Nominierungen für den Deutschen Preis bekannt gegeben worden. Sie liefern ein deutliches Bild davon, dass die veranstaltenden Sender ARD, ZDF, RTL und SAT.1 auch mit entsprechenden Nominierungen bedacht werden wollen. Für die Kreativen in der Branche wird es sicher ein Gewinn sein, dass nunmehr auch wieder die Gewerke des Fernsehens gesondert wahrgenommen werden und ausgezeichnet werden können.

Es fällt aber doch auf, dass das Genre des Dokumentarfilms in den Nominierungen des Fernsehpreises überhaupt nicht vorkommt. Es gibt gar keine Kategorie dafür. Für nicht-fiktionale Genres stehen nur die Kategorien Reportage und Dokumentation zur Verfügung. Entsprechend ist auch kein einziger im Lauf des Jahres ausgestrahlter Dokumentarfilm nominiert worden. Dass RTL und SAT.1 davon nichts wissen wollen, darüber wundert man sich darüber nicht. Beim ZDF, das gar keinen Dokumentarfilm-Sendeplatz hat, wundert man sich auch schon nicht mehr. Aber dass die ARD, die sich doch sonst einmal im Jahr in Hochglanz und mit großen Worten in ihrer dokumentarischen Kompetenz feiert („Top of the docs“) hier offensichtlich gar nichts beigetragen hat, ist schon ein schlimmes Signal.

Der Dokumentarist Christoph Hübner hat vor fast 25 Jahren einmal geschrieben, er halte die Pflege des Dokumentarfilms für eine öffentliche Aufgabe des Fernsehens. Die Sender müssten sich, argumentiert er, Kontinuität in der Pflege des Genres leisten können: “In jedem anderen Beruf weiß man, dass Kontinuität und gewisse Freiräume notwendig sind für – sagen wir einmal – Höchstleistungen. Die Forschung wird auch als Prozess und nicht nur vom Ergebnis her finanziert, wenn natürlich auch mit der Hoffnung, dass sie sich später auszahlt. Und dokumentarische Arbeit hat durchaus mit Forschung, Erforschen, Entdecken zu tun. Es geht im Dokumentarfilm eben nicht nur um Verwertung, um kurzfristiges Informieren und Illustrieren von Meinungen, sondern tatsächlich um Entdecken, Aufspüren von Unerwartetem, Vertraut-werden, langes Hinschauen, aber auch um das Ausloten und Weiterentwickeln von Erzählformen. Dafür braucht es so etwas wie “Schutzzonen“. Schutzzonen auch vor den kurzfristigen Verwertungsinteressen des Marktes. Dokumentarfilm lässt sich nicht kommerzialisieren. Wo anders als in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, die von Gebühren getragen werden, wäre diese Erkenntnis näher liegend, dass der Dokumentarfilm, die Erhaltung und Förderung von dokumentarischem Arbeiten mit langem Atem öffentliche Aufgabe ist?“ (Aus: Christoph Hübner, Gabriele Voss: Film / Arbeit. Texte, Dokumente, Arbeitsnotizen. Hrsg von Bert Rebhandl. Vorwerk 8, Berlin 2014; S. 142)

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