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Highlights: Musikanten, Sozialisten, Flüchtlinge

Märchen, alle Arten Spielfilme, Familienkomödien und Rückblicke: das ist Fernsehen vor, während und nach den Feiertagen. Aber wenn man ein wenig sucht, findet man doch noch das eine oder andere Highlight. Diesmal sogar so etwas wie politische Bildung und viele Künstlerporträts. Hier der Überblick. Absichtsvolle Programmplanung wird es nicht gewesen sein – aber wer will, kann in dieser Woche eine Art politische Weiterbildung veranstalten und aus dem Vergleich dreier Politiker-Biographien seine Schlüsse ziehen. Den Anfang macht „Enrico Berlinguer. Kommunist, Demokrat, Sarde“ von Walter Veltroni. Veltroni, Journalist und acht Jahre lang auch Bürgermeister von Rom, kennt die italienische Politik also von innen. Protagonist seines Films ist Enrico Berlinguer, von 1972 – 1984 Generalsekretär der Italianischen Kommunistischen Partei, Erfinder des „Historischen Kompromisses“ mit den italienischen Christdemokraten und Protagonist des Eurokommunismus (Arte, Di 15.12.2015, 22.40-23.35). Noch irgendwelche Erinnerungen?

Nahezu im Anschluss daran kann man umschalten zum RBB, dort läuft „Willy Brandt – Erinnerungen an ein Politikerleben“ von Andre Schäfer – ein Porträt des Politikers, der mit seinem Satz „Wir wollen Demokratie wagen“ die bundesdeutsche Gesellschaft verändert hat (RBB, Di 15.12.2015, 23.30-01.00) .

Und zwei Tage später zeigt Arte „Francois Mitterand – ein Nachruf“ des belgischen Autors William Karel. 14 Jahre lang – von 1981 bis 1995 – hielt François Mitterrand im Elysée-Palast in Paris die Zügel der „Grande Nation“ in der Hand. Was ist von der Regierungszeit des ersten sozialistischen Präsidenten der Fünften Republik geblieben? Wer die anderen Arbeiten von William Karel kennt, wird kritischen Zugang erwarten können.

Die Frage, was von den Regierungszeiten geblieben ist, könnte man an alle drei Politiker-Porträts stellen (nicht an Berlinguer, der hat nie regiert) –die Antwort würde vermutlich sehr melancholisch ausfallen.

Mit allen Arten von Musiksendungen ist man in den feiertäglichen Zeiten noch am ehesten programmfähig und so gelangen auch eine Reihe von interessanten Künstlerporträts, vornehmlich Musiker, ins Programm.

Die Gruppe „Kofelgschroa“ ist schon kein Geheimtipp mehr in der sehr reichen Musiklandschaft Bayerns. Der Film von Barbara Weber trägt den etwas gespreizten Titel „Frei. Sein. Wollen“ (warum wollen bloß immer alle die F.D.P. nachäffen?), aber der Film ist gar nicht gespreizt, sondern sehr entspannt, angemessen schräg und angemessen klug (BR, Di 15.12.2015, 22.00-23.30). Hier die Kritik.

Ziemlich dicht kommt es dann in der darauf folgenden Woche, kurz vor dem massenhaften Einfall von Weihnachtsmusik. Am Di, den 22.12.2015, zeigt der WDR „Klänge des Verschweigens“ von Klaus Stanjek. Der Filmemacher entdeckt in der Geschichte seines Onkels, eines Unterhaltungsmusikers, eine lang verdrängte Geschichte: er war acht Jahre lang im KZ interniert und überlebte, weil er Musik machen konnte. Der Film selbst lag drei Jahre lang in den Regalen des WDR, eine Frage, der man auch mal nachgehen könnte.

Frank Sinatra läuft uns in diesen Tagen allenthalben vor die Ohren, er wäre in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden (man kann übrigens immer noch sehr zur Lektüre empfehlen die Print-Reportage von Guy Talese „Frank Sinatra Has a Cold“, das wahrscheinlich beste Porträt, das über den Sänger und Schauspieler erschienen ist). Auf „Frank Sinatra – Die Stimme Amerikas“ von Annette Baumeister haben wir schon hingewiesen, läuft noch einmal auf Arte (28.12.2015, 02.30-04.05). Gespannt sein darf man auf „Frank Sinatra – ‚All or Nothing at All“ von Alex Gibney; der amerikanische Dokumentarist hat in den letzten Jahren kaum ein wichtiges politisches Thema ausgelassen, es ist also auch von diesem Blick in die US-Kultur eine politische Sicht erwarten (Arte, 23.12.2015, 20.15-22.10).

ZDF Kultur zeigt mal wieder, was uns fehlen wird, wenn der Sender nicht mehr sendet (vermutlich ab dem nächsten Jahr). „Pianomania“ über den Cheftechniker und Meisterstimmer von Steinway & Sons und seine ungewöhnliche Arbeit mit vielen berühmten Pianisten und der Suche nach dem perfekten Klang (ZDF Kultur, 23.12.2015, 20.15-21.45).

Gleich im Anschluss „Soundbreaker“ des finnischen Filmemachers Kimmo Koskela. Er begleitete und inszeniert den finnischen Ausnahmemusiker Kimmo Puhjonen, der seinem Instrument Töne und Klänge entlocken kann, die man noch nie gehört hat und der auch ein produktiver Komponist ist. Allein die Art, wie er den Balg seines Instruments traktiert, wird traditionell gelernten Akkordeonisten die Haare zu Berge stehen lassen. „Soundbreaker“ ist das Porträt eines leidenschaftlichen Musikers, der seine Haltung zur Musik so formuliert: „Wenn ich an die Komposition glaube, ist es richtig. Mich interessiert keine Mode und mich interessieren keine äußeren Einflüsse. Das einzige Kriterium ist, dass ich mich dabei wohl fühle.“ Kimmo Koskela inszeniert ihn als den Akkordeonisten, der aus dem Eiswasser kam und dessen sphärische Klänge wie aus dem finnischen Eismeer zu kommen scheinen. Der aber auch anderseits auf eine merkwürdige Weise geerdet ist. Eines seiner musikalischen Projekte baut die Klangwelt landwirtschaftlicher Geräte, alter Traktoren und Motoren, in seine Kompositionen ein. (ZDF Kultur, 23.12.2015, 21.45-23.15)

Und damit ist‘s noch immer nicht genug an diesem. Es folgt „Sounds and Silence“ von Norbert Wiedmer und Peter Guyer über Manfred Eicher, einen der erfolgreichsten deutschen Musikproduzenten. Der machte Keith Jarrett zum Star, hat Jan Garbarek und Pat Metheny unter Vertrag, aber auch Arvo Pärt und Steve Reich. Noch einer auf der Suche nach dem perfekten Klang (ZDF Kultur, 23.12.2015, 23.15-00.40)

Danach sind die Weihnachtslieder ausgesungen und man kann sich wieder Arte zuwenden. Der Sender wiederholt am das sehr eindrucksvolle Musikerporträt „Marley“ von Kevin McDonald. Es zeigt den Reggae-Musiker in seiner ganzen ambivalenten Persönlichkeit, keinen strahlenden Bühnenhelden, sondern einen Mensch und Künstler in seinen Widersprüchen (Arte, 26.12.2015, 21.40-00.05)

Und wenn Neujahr und die Pop-Kaskaden von 3Sat vorüber sind, zeigt Arte mit „Kings of the World“ einen Film von Natalia Tsarkowa. Ganz andere Baustelle: das Porträt von Bik Regis, einem virtuosen Gitarristen und Gründungsmitglieder der Gipsy Kings. Diese katalanische Musikgruppe verband erfolgreich eigene Musiktraditionen und Flamenco und der Film, so die Vorankündigung, lebt vor allem von der Gitarrenmusik. (Arte, 03.01.2016, 23.35-00.30)

Für Filminteressierte dürfte sich lohnen: „Hitchcock-Truffaut“, eine französische Produktion über das Treffen der beiden Heroen des Kinos, aus dem das berühmte Buch „Mr. Hitchcock, wie haben sie das gemacht“ entsprang (Arte, 22.12.2015, 15.35.-16.55). Zu besichtigen ist auch ein Film eines der Großen des deutschen TV-Dokumentarismus: „Wolfskinder“ von Eberhard Fechner, sein letzter Film, die bewegende Geschichte einer ostpreußischen Flüchtlingsfamilie. Und gewisse eine interessante historische Rückerinnerung für jene, denen die Flüchtlingsfrage unserer Tage mehr ist als innenpolitische Manövriermasse. (Phoenix, 23.12.2015, 00.00-02.00)

Soweit die Schwerpunkte . Aus den Wiederholungsschleifen des Fernsehens haben wir noch einige interessante Produktionen herausgefischt, für Interessierte, die sie bisher verpasst haben. „Göttliche Lage“, der wunderbare Film über den Phoenix-See und den Kulturbruch im Ruhrgebiet läuft auf Arte noch einmal spät nachts (Arte, 22.12.2015, 02.15-03.55) ; hier die Kritik. ZDF-Info verstreut nach wie vor den beachtlichen Mehrteiler „Die Wahrheit über den Holocaust“ von William Karel über ihre Programm-Slots, diesmal zu akzeptabler Sendezeit (19.12.2015, ab 21.00, sechs Folgen): hier die Kritik.
Eine überraschende Geschichte über eine jüdische Schule in der Nazizeit erzählt „Goldschmidts Kinder. Überleben in Hitlers Schatten“ (Phoenix, 21.12.2015, 21.45-22.30); hier die Kritik. Und gleich im Anschluss daran zeigt der Sender „Willkommen auf Deutsch“ von Carsten Rau und Frauke Wendler (22.30-00.00), einen Film über die Mühen der Integration von Flüchtlingen; hier die Kritik.

Im Kino in den Feiertagswochen nichts Neues in Sachen Dokumentarfilm. Hier noch einmal der Hinweis auf den sehr schönen Film „Aus dem Abseits“ von Simon Brückner über Peter Brückner, den Sozialpsychologen und Exponenten der 68er-Bewegung. Der Film hat viele Kinobesucher verdient. Hier die Kritik. Gleiches gilt für „Der Perlmuttknopf“, den Essayfilm des chilenischen Regisseurs Patricio Guzman.

Und was sonst noch läuft, steht auf der Seite „Was sonst noch läuft“, wie immer ohne jede Wertung oder ohne jedes Ranking.

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