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„Goldschmidts Kinder – Überleben in Hitlers Schatten“ Von Torsten Berg und Jaron Pazi

Fast nicht zu glauben: in den ersten Jahren der Naziherrschaft gab es in Berlin auch eine Schule für jüdische Kinder – weil eine Lehrerin eine Gesetzeslücke entdeckt hat. Ein Film rekonstruiert die Geschichte (Phoenix, Mi 23.12.2015, 21.45-22.30)

Die Schule sei „ein sonniger Ort“ gewesen, sagt die heute hochbetagte Margot Segall-Blank. Sicherlich habe es auch mal geregnet, aber in ihrer Erinnerung sei die Goldschmidt-Schule in Berlin „immer sonnig“ gewesen: „Wir mussten keine Angst mehr haben.“ „Goldschmidts Kinder“ erzählt eine unglaubliche Geschichte. In Berlin gab es in den ersten Jahren der Nazi-Herrschaft eine Schule für jüdische Kinder, in der sie nicht schikaniert wurden, sondern lernen und fröhlich sein konnten. Leonore Goldschmidt war die Leiterin dieser Schule. Als jüdische Lehrerin 1933 entlassen, fand sie mit Hilfe ihres Mannes, der Rechtsanwalt war, eine Gesetzeslücke. Jüdische Lehrer durften maximal fünf Schüler unterrichten. Also arbeiten anfangs fünf Lehrer, die je fünf Schüler kombiniert unterrichteten. Am Anfang kamen 25 Schüler, am Ende waren es über 500 Schüler und 40 Lehrer.
Leonore Goldschmidt muss nicht nur eine gute Pädagogin gewesen sein, sondern auch ungemein kreativ. Als sich abzeichnete, wohin der Weg Nazi-Deutschlands führen würde, holte sie aus England einen Englischlehrer: Die Schüler sollten auf die Emigration vorbereitet werden. Als die Lage bedrohlicher wurde, schaffte sie es, ihrer Schule ein Cambridge-Zertifikat zu besorgen, das zum Studium in England qualifizierte – danach taten die Nazi-Behörden sich schwerer, die Schule zu verbieten.

Nach der Reichspogromnacht verkaufte Goldschmidt die Schule an den Englischlehrer, der von seinem Glück gar nichts wusste: er konnte aber die Zerstörung der Gebäude verhindern, da sie ja britischer Besitz waren. 1939 schließlich musste die Schule geschlossen werden, Leonore Goldschmidt emigrierte nach London. Auch die meisten Schüler überlebten, konnten aus Nazideutschland mit den Kindertransporten oder mit ihren Eltern entkommen.

Fünf dieser Überlebenden holt der Film nunmehr auf den Bildschirm. Sie erzählen ihre Geschichte, sie erinnern sich an die Schule als eine „Oase“ mitten im Chaos, an Leonore Goldschmidt als freundlich und zugewandt, an eine besondere Frau, eine Heldin. Erstaunlicherweise gibt es nicht nur Fotos, sondern sogar dokumentarische Bilder. Der britische Filmemacher Julian Bryan hatte noch 1937 in Berlin filmen können, unter anderem auch in der Goldschmidt-Schule. Seine Filmrollen konnte er aus Deutschland herausschmuggeln und zeigte sie in den USA im Film „Inside Nazideutschland“. Michael Kloft hat diese Bilder in den USA entdeckt. Und so kann sich eine der heute alten Damen, eben Margot Segall-Blank, am Bildschirm dabei zuschauen, wie sie als 13-Jährige an der Tafel steht und jüdische Schriftzeichen schreibt.

Für Julian Bryan waren diese Szenen nur ein kleinerTeil unter vielen anderen, es sind also wohl nur einige Sequenzen. Doch wollten die Autoren sich offenbar nicht auf das historische Material und die Interviews verlassen. Sie setzen massiv auf Reenactment. Wenn Wolf Elster erzählt, wie er als jüdischer Junge von Gleichaltrigen aus der Hitlerjugend verprügelt wurde, dann sehen wir das in einer nachgestellten Szene. Und vor der Originalszene vor der Tafel ist erst einmal die nachgestellte Szene zu sehen. Für jeden Zeitzeugen haben die Autoren Kinder gefilmt, die nunmehr direkt und auffordernd in die Kamera schauen. Man ahnt die Absicht, auf diese Weise für jüngere
Zuschauer einen Bezugspunkt zu schaffen. Leider sind diese Reenactment-Szenen aber glatt poliert, clean, bar jeder historischen Anmutung und rein illustrativ.

Auch die dokumentarischen Bilder mit Ausnahme der Szenen von Julian Bryan sind lediglich als Signalbilder gesetzt, wie man sie schon tausendfach gesehen hat, von den Nazi-Aufmärschen bis zur brennenden Synagoge. Diese Wochenschaubilder wurden auch noch designt, sie flackern jetzt und wollen damit herzeigen, dass sie alt sind.So wirkt der Film formal unentschieden, als sei ereigentlich als Doku-Drama vorgesehen, aber durch das 45-Minuten-Format daran gehindert. Es sieht aus, alshätten die Autoren sich so sehr darauf konzentriert, die emotionale Seite dieser unglaublichen Geschichte ebenso zu bedienen wie die im Fernsehen versteinerten Formen des Geschichte-Erzählens, dass sie vergessen haben, einigen Fragen nachzugehen. Über Leonore Goldschmidt erfährt man sehr wenig. Welche politischen Überzeugungen hatte sie? Was befähigte sie zu solchem persönlichen Mut? Sie hatte auch Familie und zwei Kinder. Auch wenn klar ist, dass dies kein biografischer Film ist, dürften solche Fragen nicht übrigbleiben. Die Geschichte der Goldschmidt-Schule ist noch nicht auserzählt.

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