Permalink

0

„Die Wahrheit über den Holocaust“. Von William Karel

Von der Ausgrenzung der Juden über ihre Vertreibung bis ihrer Vernichtung: . Die Geschichte des Holocaust ist schon aus vielen Perspektiven heraus erzählt worden. Dieser Film konzentriert sich auf die Strukturen, auf das Wie und auf die Nachwirkungen bis heute. „Die Wahrheit über den Holocaust“ (ZDF-Info, Sa 19.12.2015, ab 21.00, Teil 1 – 6 Das Unbegreifliche ist auch der Ausgangspunkt in jeder Folge der achtteiligen Dokumentation „Die Wahrheit über den Holocaust“, die ZDF-Info produziert hat. Hier spricht der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld es aus: „Von Auschwitz zu erzählen ist unmöglich. Unser Kopf weigert sich. Wir können den Tod eines Kindes nicht fassen. Wie also sollen wir den Tod von Millionen begreifen? Sechs Millionen Tote?“.

Die Antwort des Films aber ist eine ganz andere, nämlich eine, die auf Aufklärung durch Historisierung der Ereignisse setzt. Man sollte sich von dem großspurigen Titel nicht abhalten lassen (denn wer hat schon die Wahrheit, die eine Wahrheit?). Diese Dokumentation geht konsequent zurück zu einer historischen Erzählung ersten Grades. Sie nimmt zurück, was viele Jahre lange ein Merkmal von Historytainment war: Die Auflösung von Geschichte in Geschichten.

Das vielstimmige Bild hier liefern eine beeindruckend große Anzahl von Historikern mit ihren Fakten und Erkenntnissen. Autor der Dokumentation ist der belgische Filmemacher William Karel, einigen vielleicht bekannt von seinem großartigen Mockumentary „Kubrick, Nixon und der Mann im Mond“. Es zeigt sich, dass historischer Stoff natürlich auch in der klassischen dokumentarischen Form spannend und interessant erzählt werden kann, auch modern – wenn man es denn kann. Die Historikerstatements sind gesetzt wie Stimmen aus einem Chor, sich ergänzend oder zueinander im Widerspruch. Das Schnitttempo ist hoch und gleichwohl ist die Sache, von der erzählt wird, gut begreifbar. Nur gelegentlich unkritisch als Illustration eingesetztes Filmmaterial aus Beständen der Nazipropaganda stört ebenso wie die hier und da spürbare Fixierung auf Hitler. Ein Ergebnis der Historisierung könnte schön langsam auch mal sein, Hitler als den zu sehen, der er war, als Massenmörder und als lächerliche Figur.

Die Dokumentation konzentriert sich im Wesentlichen aber auf die Strukturen, auf das Wie, auf die Anfänge und für die bis ins Heute reichenden Nachwirkungen. Wie die Ausgrenzung der Juden begann. Wie sie vorangetrieben wurde von der Vertreibung bis zur Vernichtung. Wie die Mordinstrumente sich hin zum Industriellen veränderten, von den Erschießungen über die Gaswagen bis zu den Gaskammern. Die Dokumentation arbeitet die Führungsstrukturen heraus, die sich entwickelnde Politik in den beiden Kriegen: dem militärischen und dem Krieg gegen die Juden. Das alles ist sehr sauber und sehr klar gearbeitet. Selbst wer viel von der Vernichtungspolitik der Nazi zu wissen meint, wird hier noch einiges dazu lernen können.

Ganz unverständlich dagegen, dass das ZDF eine so aufwendige und gelungene Dokumentation auf dem Digitalkanal ZDF-Info vergräbt, kaum Werbung dafür macht und ihn in kaum überschaubaren Portionen zu den unmöglichsten Sendezeiten vergräbt. Diesmal zu guter Sendezeit, aber Spartenkanal.

Kommentare sind geschlossen.