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„Starfighter – mit Hightech in den Tod“. Von Kai Christiansen

Die Leute nannten sie Überschallprothese, fliegender Sarg und Witwenmacher. Ein Drittel der Kampfflugzeuge vom Typ Starfighter fielen vom Himmel. Ein erstklassiger Skandal, heute weitgehend vergessen. Eine Erinnerung. (RBB, Di 10.11.2015, 00.15-01.35)
Die Karriere des Starfighter begann mit einer Katastrophe. Als am 20. Juni 1962 die Luftwaffe stolz ihr neues Flugzeug in einer Kunstflug- Show präsentieren wollte, kollidierten vier Maschinen in der Luft, alle vier Piloten starben. Was heute eine ungeheure öffentliche Aufregung auflösen würde, war Anfang der 60er Jahre nicht einmal Grund für Innehalten. Die Kunstflugstaffel wurde zwar aufgelöst, aber Starfighter wurden weiterhin bestellt wie vereinbart. Sie flogen, selbst wenn jedes Jahr einige Maschinen abstürzten. Am Ende der Starfighter-Karriere waren ein Drittel der Maschinen vom Himmel gefallen und 116 Piloten tot.
Kai Christiansen holt in seinem Film „Starfighter – Mit Hightech in den Tod“ die Ereignisse wieder ins Gedächtnis zurück. Er erzählt ein Stück Militärgeschichte, Zeitgeschichte und auch Mentalitätsgeschichte. Ohne mit der Wimper zu zucken erklärte der damalige Verteidigungsminister im Bundestag, jede Luftwaffe verliere eben auch im Frieden Flugzeuge, Friedrich Zimmermann, später Innenminister unter Kohl, erklärt auch heute noch ungerührt zu den Todesfällen „Soldat ist Soldat“.
Von Anfang an waren jedoch die Schwächen des Flugzeugs bekannt, vor allem des Triebwerks; ein Drittel der Unfälle geht auf Triebswerkschäden zurück. Die Schleudersitze waren eine tödliche Falle für die Piloten. Etwa 1400 mal wurden Teile dieses Flugzeugs verändert. Die F 104 sollte so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau des Militärs sein. Abfangjäger, Aufklärer und Jagdbomber. Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß wollte ein Flugzeug haben, das Atomwaffen bis in den Ural tragen konnte. Deutschland durfte zwar keine Atomwaffen besitzen („die nukleare Bewaffung war tabu“,sagt Friedrich Zimmermann und es klingt Bedauern mit), aber ein Einsatz im Sinn der NATO-Doktrin der „Nuklearen Teilhabe“ war vorgesehen (und ist es bis heute).
Verteidigungsministerium und Bundeswehr haben seinerzeit alles unternommen, um die Abstürze geheim zu halten. Erst 1965, als ein Starfighter führungslos bis nach Norwegen raste, sendete das Fernsehen erstmals einen Bericht. Mit der Zahl der Abstürze fanden sich freilich auch immer mehr Augenzeugen, Feuerwehrleute, Polizisten, Einwohner. Noch 1970, als schon hundert Maschinen zu Boden gegangen waren und auch der Sohn des Verteidigungsministers Joachim von Hassel als Pilot ums Leben gekommen war, schwiegen Politik und Militär. Eine interne Studie der Luftwaffe wurde nicht publiziert.
Selbst als Pilotenfrauen in den USA gegen den Flugzeughersteller Lockheed klagten, gab das Verteidigungsministerium den Bericht nicht heraus. So konnte der US-Staranwalt Melvin Belli nur begrenzte finanzielle Zugeständnisse erreichen. Lockheed zahlte 1974 eine Entschädigung von 60 Millionen Dollar, so viel, wie ein Starfighter kostete.
Kai Christiansen erzählt diesen weitgehend vergessenen Skandal akribisch und mit viel dokumentarischem Material, mit zahlreichen Augenzeugen, Politikern, ehemaligen Piloten, Ausbildern. Die Geschichte eines einzelnen Piloten, Manfred Hippel, der mit seinem Flugzeug über der holländischen Küste abstürzte und starb, trägt die individuelle Perspektive in die Zeitgeschichte. Seine Witwe, Gerlinde Hippel, kann erzählen, wie attraktiv damals der Job eines Piloten war, wie nach außen hin abgeschlossen die Gruppe der Flieger lebten. Die anschauliche und direkte Art, wie sie erzählt, auch ihren eigenen Sinneswandel schildert, ist für den Film ein großer Gewinn.
Der Film schwächelt leider in der politischen Einordnung. Man erfährt zwar, dass SPD-Politiker wie Karl Wienand oder Helmut Schmidt gegen den übereilten Kauf eines technisch unausgereiften Flugzeugs opponierten. Aber Stimmen aus der politischen Opposition gegen Wiederbewaffnung, Aufrüstung, Atombewaffnung und eben auch die Einführung des Starfighter kommen nicht zu Wort – solchen Widerstand hat es gegeben und er gehört in die Zeitgeschichte. Andererseits präsentiert der Autor seine Fakten so ausführlich und penibel, dass man auch so zu einem schlüssigen Bild des Starfighter-Skandals kommt.

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