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„Staatsgeheimnis Bankenrettung“. Von Harald Schumann und Arpad Bondy

Die etwas andere Wirtschaftsberichterstattung im sonstigen neoliberalen Mainstream: die Arbeiten von Harald Schumann, Wirtschaftsredakteur beim Tagesspiegel“. „Für Staatsgeheimnis Bankenrettung“ gab es den Deutschen Fernsehpreis. (ARD-alpha, Fr 13.11.2015, 21.40-22.35) Eine lässige Szene. Harald Schumann, Wirtschaftsjournalist, zieht sich vor dem Finanzministerium eine Jacke über und analysiert dabei sein Interview mit Finanzminister Wolfgang Schäuble. Er sagt: „Na ja, letztlich vertritt er einen knallharten Standpunkt. Die Iren und die Spanier sind selber schuld und wenn wir die Gläubiger beteiligen, bricht das Bankensystem zusammen, also können wir die Gläubiger nicht beteiligen und jeder kehre vor seinem eigenen Haus und die sollen mit den Schuldzuweisungen aufhören und in Wirklichkeit ist es eine Schuldzuweisung: Denn er weist den Ländern die Schuld zu und die Mitverantwortung von dem Geld, das hier aus Deutschland gekommen ist, die sieht er nicht. „ Sagt‘s und fährt mit dem Fahrrad von dannen.

Die Szene stammt aus dem Film „Staatsgeheimnis Bankenrettung“, mit dem der Wirtschaftsjournalist Harald Schumann und der Filmemacher Arpad Bondy sich einem der großen Themen der Finanzkrise widmen. Das Fazit vorneweg: Geht also doch. Man kann interessant über Wirtschaftsthemen im Fernsehen berichten, ohne bei Firmencheck oder Verbraucherberatung hängen zu bleiben. Man kann große Wirtschaftsthemen aus journalistischer Perspektive so behandeln, dass die Zuschauer nicht nur hinterher verstehen, wie die Bankenrettung funktioniert, sondern auch noch gespannt der Recherche folgen können.

Das Ergebnis dieser Recherche ist düster. Die privaten, vor der Pleite stehenden Banken in Irland und in Spanien wurden durch die Steuerzahler gerettet. Der Vorgang: Private Risiken, die Investoren etwa im Immobilienboom eingegangen sind, wurden einfach auf die Staaten überschrieben. Das ist der Kern der Bankenrettung. Die Gläubiger, die sich verspekuliert haben, die ihr anlagesuchendes Kapital in die Spekulationsblase gepumpt haben, müssen ihr Risiko aber gar nicht tragen. Sie bekommen ihre Bankanleihen wieder ausbezahlt. Keine Verluste, kein Schuldenschnitt. Und was das Beste ist: Niemand weiß, wer sie sind. Die Gläubigerstruktur wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis.

Harald Schumann kann davon auch nur einiges in Erfahrung bringen, weil es Leute gibt, die gelegentlich mal eine Liste oder eine verborgene Information durchstecken. Und so kommt raus, dass es vor allem Institutionen aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind, die sich die Bankanleihen von den irischen und spanischen Steuerzahlern wieder zurückzahlen lassen, Banken, Versicherungen, Fonds. Die meisten Deutschen glauben ja, sie würden mit ihren Steuern die Iren und die Spanier retten. In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Die irischen und spanischen Steuerzahler haben die deutschen Banken gerettet. Diese sind die wahren Geretteten.

Besonders am Fall Irland arbeitet Schumann das Skandalon heraus. 70 Mrd Schulden hat der irische Staat auf Druck der Europäischen Zentralbank (EZB) an die Gläubiger zu überweisen – was, relativ gesehen, in Deutschland einen Schuldenstand von 1 Billion Euro bedeuten würdet. In Irland werden Schwimmbäder geschlossen und die deutschen Investoren schwimmen im Geld.

Um das alles herauszukriegen, fährt Harald Schumann durch die Lande und fragt Leute, die es eigentlich wissen müssten. Den spanischen Finanzminister, den stellvertretenden Finanzminister Irlands, Wirtschaftswissenschaftler, den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble und Jörg Asmussen aus dem Direktorium der EZB. Sie alle können oder wollen nicht wirklich erklären, was da geschieht, halten es mal für nicht so wichtig oder haben wirklich keine Ahnung. Vor allem kann und will keiner sagen, was denn eigentlich wirklich geschähe, wenn die privaten Gläubiger nicht entlastet würden, sondern selbst Verluste durch einen Schuldenschnitt hinnehmen müssten. Und ob dann das Bankensystem zusammenbräche. Schäuble kommt statt dessen mit der schwäbischen Hausfrauenweisheit daher: „Ein jeder kehr vor seiner Tür und sauber ist das Stadtquartier.“

Harald Schumann zeigt seine Recherche in der Ich-Perspektive, der derzeit gängigsten Darstellungsform bei Dokumentationen. Im Unterschied zu den meisten andern lässt sich aber auch hier sagen: Na also, geht doch. Das liegt daran, dass Schumann nicht sich, sondern die Sache in den Vordergrund stellt. Gewiss ist auch er viel zu viel im Bild, manchmal hängt er den Prediger raus und den Moralisten und dass man ihm beim Reisen zuschauen darf, ist auch nicht der filmischen Weisheit letzter Schluss; das gilt auch für die filmischen Stereotypen, etwas das humorlose Abfilmen von Bankfassaden.

Dennoch ist die Art, wie Schumann seine Recherche handhabt, nicht nur erträglich, sondern zeitweise sogar vergnüglich. Das liegt zunächst an ihm selbst. Er gibt nicht den Journalismusdarsteller, sondern bleibt Journalist. Er schleppt sich nicht mit Cliffhangerfragen über die Runden, die die Zuschauer am Ball halten sollen, sondern konfrontiert seine Gesprächspartner mit knappen, klaren und realen Fragen: „Wer wären denn die Geschädigten? Wer würden denn das Geld kriegen? Welche Bank würde denn pleite gehen?“ Er gibt auch nicht den verkappten Kriminalkommissar auf Verbrecherjagd. Ein Wirtschaftskrimi ohne Aufgeregtheiten und ohne tatortförmige Dramatisierungen. Und wenn er sich auf Schauplatzbesichtigung macht wie bei einem Gang durch spanische Bauruinen, dann präsentiert er das nicht als eine investigative Großtat, sondern schiebt ein paar Gedanken beim Gehen hinterher. Dass in diesen Ruinen vermutlich niemals jemand wohnen würde, dass sie komplett wertlos seien, aber noch mit 70 Prozent in den Büchern der Banken stehen.

Ein leise Antwort auf die angeblich alternativlose Politik hat er auch noch aufgetan. In dem kleinen irischen Dorf Ballyhea demonstrieren jede Woche die Einwohner dagegen, dass sie mit ihren Steuern die Bankschulden begleichen sollen. Sie tragen Schilder vor sich her, auf denen steht „Ballyhea says No to bondholder bail-out”. Die Schilder gibt es auch in deutscher Sprache, denn die Demonstranten waren damit auch schon in Frankfurt auf der Straße. Freilich sind sie so tapfer wie machtlos und erinnern sehr an das kleine gallische Dorf, das den Römern das Leben so schwer macht. Aber es könnten ja, wenn solch aufklärerischer Fernsehjournalismus Schule machen sollte, auch mal mehr werden.

 

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