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„Nicht alles schlucken“. Von Jana Kalms, Piet Stolz, Sebastian Winkels

Ein Stuhlkreis, Patienten, Ärzte, Pflegekräfte, Mütter und Brüder, die wieder kommen, wegbleiben, erneut dazu kommen und sprechen. Sie sprechen über Psychosen, Psychopharmaka und darüber, wie man mit der Krankheit umgeht: ein konzentrierter und konsequenter Dokumentarfilm.  Der Film lief auf der Filmwoche Duisburg und wird auf 3Sat als TV-Erstaufführung ausgestrahlt. Eine Kritik von Barbara Sichtermann  (Noch in der Mediathek von 3Sat)

Da kommt jemand und setzt sich auf einen Stuhl. Es gibt weitere Stühle, einen Stuhlkreis. Noch mehr Menschen kommen und nehmen Platz. Die Kamera fährt an einen von ihnen heran. Es ist ein Mann in mittleren Jahren. Er fängt an zu sprechen. Wir erfahren: Er ist krank, leidet an Schizophrenie. Er nimmt Psychopharmaka, deren Nebenwirkungen er fürchtet, deren Wirkungen er braucht. Die Kamera streift andere Gesichter, eine junge Patientin ist dabei, eine alte Frau, ein Jüngling, faltige Gesichter – das sind Menschen, die, bevor sie ihrerseits anfangen zu reden, zuhören, nicken oder ihre Stirn runzeln, die zur Seite sehen, die lächeln, die ihre Lippen aufeinander pressen. Es geht hier um sehr intime Geschichten, Krankengeschichten, Symptome, Klinikaufenthalte, Hoffnungen auf Heilung, tiefe Enttäuschungen. Oft beben die Stimmen der Erzählenden, oft klingen Tränen mit. Eine Selbsterfahrungsgruppe psychisch Kranker, so denkt man zu Beginn.
Bis man begreift: nein, da kommt in einem schmucklosen Raum, in dem bloß Stühle stehen, ein sozialer Kosmos zu Stande. Es sind nämlich auch Angehörige der Psychotiker zugegen, es sind Ärzte da, Psychiater und Pfleger. Es geht darum, dass alle, die da interagieren, rund um die Krankheit Schizophrenie, dass alle ihre Sicht darlegen, dass alle ihr Verhalten erklären, dass alle ihr Leid und ihre Zuversicht, ihre Angst und ihre Resignation in Worte fassen. Das Bild, das so entsteht, ist vielfarbig, großflächig und bedrückend. Seine Aussage: Einfache Lösungen gibt es nicht, jeder Krankheitsverlauf ist anders, Neuroleptika und andere Medikamente überdecken lediglich die Symptome, eine wirkliche Behandlung der Krankheit mit Aussicht auf Heilung ist noch nicht erfunden.

Psychotiker verlieren den Kontakt zur Realität, sie leben in Wahnvorstellungen, Halluzinationen und paranoiden Ängsten. Manche transponieren ihre Ängste in Gewalttaten – sie greifen ihre Familienmitglieder an oder versuchen, sich selbst zu töten. In solchen Situationen sind die Angehörigen froh, wenn ihr Sohn, ihr Mann, ihre Schwester sich in der Klinik unter Aufsicht befinden – selbst wenn das bedeutet, dass sie an Händen und Füßen „fixiert“, d.h. gefesselt werden müssen. Und die Patienten selbst? Kaum ist der psychotische Schub vorüber, so schämen sie sich furchtbar für ihre Anfälle, sie begrüßen die Medikamente, die sie davor bewahren und verfluchen sie, weil sie die Nebenwirkungen – starke Müdigkeit, depressive Verstimmung, Verlust der Merkfähigkeit und des Sättigungsgefühls mit dem Resultat des Übergewichts – fürchten. Und die Pfleger, die Psychiater? Sie haben ihrerseits Angst vor den Übergriffen der Kranken, geben ihnen auch aus Selbstschutz Benzodiazepam, aber sie wissen genau, dass dieser und andere Wirkstoffe nur zur Ruhigstellung führen, nicht zur Besserung. Solche Einsichten werden von allen Beteiligten zusammengefügt wie ein Puzzle, es gibt Widersprüche darin und Reibungen, aber die Bilanz heißt, anders als der etwas zu saloppe Filmtitel vermuten lässt, nicht: Lassen wir doch diese schrecklichen Medikamente weg, die eh keine Heilung bringen und nur der Pharmaindustrie nützen, sondern: Wir brauchen die Neuroleptika und die Antidepressiva, um wenigstens eine mittlere Ausgeglichenheit der Patienten zu erreichen, denn eine Absetzung heißt in aller Regel: Talfahrt in die nächste Psychose. Nur: ist das schon unsere ganze Weisheit? Muss nicht auch noch ein ganz anderer Therapieplan her, der den Psychiatrie-Patienten langfristig hilft?

Vorläufig heißt dieser Plan: Trialogforum. Darin geht es in etwa zu wie in diesem Film: Es setzen sich die Kranken, ihre Angehörigen und Fachkräfte aus der Psychiatrie, zusammen und reden erstmal. Ja, genau, ganz nach Art der „Anonymen Alkoholiker“. Die haben einst damit angefangen. Es gibt diese Initiative bereits in mehreren Städten. Die Einsicht dahinter: Reden, vor allem mit Nachhaltigkeit, d.h. Weiterreden mit annähernd denselben Betroffenen und zur Hilfe Entschlossenen – das führt weiter. Nicht immer. Aber immer öfter mal.

Ein selbstkritischer Arzt sagt im Film: Da, wo menschliche Beziehungen entstehen, z.B. zwischen Pfleger und Patient, können Medikamente reduziert werden, bietet sich ein Feld der Einsicht und Aussicht auf Fortschritte in Sachen psychischer Störung. ilfe EntschlossHilLetztlich hilft nur eins: der menschliche Faktor. Es ist so einfach. Und so schwer umzusetzen.

Der Film schlägt alle diese Themen an und dekliniert sie durch. Er ist konsequent in seiner Klarheit und Reduktion: Es gibt nur den Stuhlkreis, nur diese Menschen, die Patienten, die Ärzte, die Pflegekräfte, die Mütter und Brüder, die wieder kommen, wegbleiben, erneut dazu kommen und sprechen. Die sich einander ausliefern und so einen außerordentlichen Konzentrationsgrad erzeugen. Der Film bezieht seine Spannung aus dem Weglassen: von Musik, von Außenaufnahmen, von Kommentaren, von Hintergrundinformationen. Er zeigt: Man braucht das alles nicht. Und zur Kunst wird der Film, weil er durch die Konzentration auf das Nachdenken über die Krankheit die Konflikte und deren Unausweichlichkeit so scharf und klar herausarbeitet wie sie wirklich sind und schmerzlich erfahren werden.

 

 

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