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„Macht ohne Kontrolle – Die Troika“ Von Harald Schumann und Arpad Bondy

Die Griechenlandkrise ist über der Flüchtlingskrise medial in den Hintergrund geraten. Das entwertet den aufschlussreichen Film von Harald Schumann über die Tätigkeit der Troika in Athen keineswegs. Die Griechenlandkrise wird ja auch wieder in den Focus geraten. Auf ARD-alpha die aufschlussreichere Langfassung (ARD-alpha, Fr 13.11.2015, 20.15-21.40)

„Nicht gewählte, nicht rechenschaftspflichtige und oft sogar inkompetente Beamte aus Brüssel treffen Entscheidungen über Menschen, mit denen sie nichts zu tun haben und vor denen sie sich nicht rechtfertigen müssen“. Das sagt Philippe Legrain, ein ehemaliger EU-Berater, also einer aus dem inneren Zirkel der europäischen Macht.

Philippe Legrain Legrain ist einer der vielen Experten in der Dokumentation „Macht ohne Kontrolle – Die Troika“ von Harald Schumann und Arpad Bondy. Er bestätigt damit zentrale Thesen des Wirtschaftsjournalisten Harald Schumann. Erstens: die Troika ist nicht demokratisch, weil nicht gewählt. Zweitens: alle Sparprogramme, die die Troika den Kri-senländern verschrieb, sind gescheitert. Drittens: Die Troika ist hart gegenüber den Schwachen und untätig gegenüber den Eliten. Viertens: die Hilfe für Griechenland kam nicht den Griechen zugute, sondern den großen europäischen Banken. Das war auch schon die These des Films „Staatsgeheimnis Bankenrettung“, der 2013 dem Autor den Deutschen Fernsehpreis eintrug.

In den Spuren dieses Films bewegt sich auch diese Recherche, fällt nur noch ausführlicher aus. Harald Schumann geht dem Wirken der hoch bezahlten Beamten von IWF, EZB und EU nach, die jetzt nicht mehr Troika, sondern nur noch „die Institutionen“ heißen dürfen, was an der Tätigkeit selbst nichts ändert. Der Autor kommt auf seiner Spurensuche weit herum: Griechenland, wo das Sozialsystem kollabierte. Portugal, wo die Bevölkerungszahl enorm geschrumpft ist. Irland, das sich dank seiner Exportkraft wieder erholt hat, wo aber auch die größte Auswanderungswelle seit dem 19. Jahrhundert läuft. Zypern, das die EU-Politiker für nicht relevant genug hielten, weshalb dort auch zum ersten und einzigen Mal private Investoren zur Kasse gebeten wurden. Und Brüssel, wo die Bürokraten der internationalen Institutionen sitzen, die Herren mit den Laptop-Taschen.

Sein Hauptaugenmerk gilt Griechenland, das ja auch das aktuelle Thema auf der politi-schen Agenda ist. So kann der lang recherchierte Film zugleich höchst aktuell beginnen, mit den Verhandlungen zwischen EU und Griechenland, den Pressekonferenzen mit Wolf-gang Schäuble und Yanis Varoufakis, den inzwischen alle kennen dürften.

Griechenland also. Schumann beschreibt das soziale Desaster vor allem am Gesund-heitswesen. 200 Krankenhäuser wurden geschlossen, tausende Ärzte entlassen. Der Mil-lionen Menschen haben keine Krankenversicherung mehr. Die Troika hatte verlangt, dass die Ausgaben für das Gesundheitswesen auf sechs Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes gesenkt würden (europäischer Durchschnitt: 8 %, Deutschland 10 %), im Ergebnis schrumpfte das Gesundheitswesen um ein Drittel. Auch andere Aspekte der Misere zeigt der Film, etwa den Ausverkauf des Landes via Privatisierung, Küsten, Inseln, Häfen, Wasserwerke – die werden grade in anderen europäischen Ländern wieder rekommunalisiert, weil zu teuer.

Es sind insgesamt ziemlich viele sehr irritierende Ergebnisse der Arbeit der Troika, die der Film da vorführt. Man kann sie kaum alle verarbeiten, der Film präsentiert sie auch in hohem Tempo. Drei Beispiele. Zypern bekam weitere Kredite nur, weil unter Druck der Troika die griechischen Filialen der größten zyprischen Bank an eine griechische Bank überschrieben wurde: 3, 5 Milliarden Verlust hier, 3,5 Milliarden Gewinn da. In Portugal musste die BNP-Bank fünf Milliarden unter Wert verkauft werden. In Portugal wurden nahezu alle Tarifverträge ruiniert. Dort und auch in Zypern verletzten Regierungen die eigenen Verfassungen, um den Forderungen der Troika nachzukommen. Und die Finanz-minister wussten sehr wohl, was sie mit der Kreditverlängerung in Griechenland im Sommer 2010 anrichten. IWF-Experten hatten vor der sozialen Katastrophe gewarnt, die dann prompt eintraf. Aber die EU-Politik befand, Griechenland sei nicht pleite, sondern nur grade mal nicht recht liquide und änderte dafür klammheimlich auch die eigenen Regeln.

Von wo immer man die Sache ansieht, sie sieht nicht schön aus. Und bigott obendrein. Man möchte nicht wissen, was los wäre in Deutschland, wenn das Gesundheitswesen so heruntergefahren oder das Tarifvertragssystem so ruiniert würde.

Warum das alles so läuft, warum Politiker und Regierungen sich so verhalten, das ist die immer wiederkehrende Frage, die der Journalist Harald Schumann stellt. Er holt zahlreiche Experten vor die Kamera. Yanis Varoufakis etwa , als der noch nicht Finanzminister war: der stellt klar, dass es falsch war, „dem insolventesten aller Staaten den größten Kredit der Geschichte“ zu geben; was natürlich auf einen Schuldenschnitt hinausläuft. Den Nobelpreisträger Paul Krugman, der erklärt, warum die Austeritätspolitik nicht funktioniert: „Wenn aber alle gleichzeitig weniger ausgeben, fallen die Einkommen und die Wirtschaft schrumpft“. Ehemalige EU-Beamte sind dabei, aktive und ausgemusterte Politiker, einige durchaus mit Eigeninteressen in der Interpretation der Fakten. Am besten ist Schumann, wenn es ihm gelingt, mit seinen Fragen beredte Reaktionen zu erzeugen. Wie etwa der Österreicher Thomas Wieser, EU-Koordinator der Finanzminister; er wählt auf die Frage, warum die Armen hart angefasst, die Reichen aber vor Steuereinzug verschont wurden, eine geschraubte Formulierung, mit der er sich die Sache vom Leibe hält: „Das sind die gewachsenen politischen Präferenzen des griechischen Steuersystems“. Und der Repräsentant des IWF in Portugal verweigert auf Frage nach dem Verkauf der BNP-Bank gleich ganz offen jede Antwort.

Die Stärke des Films ist also seine journalistische Seite, die akribische Recherche und die Leistung, Thesen und Behauptungen auch mit Belegen zu untermauern. Auch die Anima-tionen, die komplizierte ökonomische Vorgänge erläutern sollen, funktionieren gut. Der häufig eingesetzte Split-Screen als eine Art Bildbeschleuniger sieht schick aus, leistet sonst aber nichts weiter. Problematisch ist auch in diesem Fall allerdings wieder die Erzählweise. Der Film ist aus der Ich-Perspektive erzählt: Harald Schumann unterwegs zu den Experten dieser Welt. Manchmal spricht er das Publikum direkt an, manchmal schaut er auch irritierenderweise etwas seitlich aus dem Bild, man weiß dann nicht, wem er jetzt grade etwas erzählen will. Man bekommt da schon ein bisschen viel ins Gesicht gesagt.

Wie immer bei der Wahl der Ich-Perspektive liefert die Recherche selbst die Dramaturgie, es entfaltet sich eine Art Stationendrama mit häufig belanglosen Szenen, in denen Harald Schumann herumreist, herumgeht, herumsteht oder auf seinem Computer herumfuhr-werkt. Das wird manchmal auch unfreiwillig komisch. So sitzt er etwa in Athen mit seiner unvermeidlichen Aktentasche auf einem Mäuerchen und sieht aus wie bestellt und nicht abgeholt. Während drei griechischen Soldaten in Tracht vorbeiparadieren räsonniert er über die zu hohen Militärausgaben der griechischen Regierung (noch erinnerlich: die Waf-fenverkäufe deutscher Großkonzerne, Panzer, U-Boote?).

„Macht ohne Kontrolle – Die Troika“ lieft auf Arte in einer 90-minüten Fassung. So viel Stoff mag die ARD ihren Zuschauern nicht zumuten und ließ eine 45-minütige Story im Ersten verfertigen. Man kann vieles aber auch nachlesen. Harald Schumann vermarktet seinen Stoff geschickt. Lange Print-Geschichten sind in „Tagesspiegel“ und auf „Zeit-online“ erschienen, einzelne Länderberichte oder Interviews hat er als eigene Texte ausgegliedert, ein Interview bei den Krautreportern ist speziell schlicht für junge Leser konzipiert – also jedenfalls crossmedial gearbeitet; fehlt nur der Rundfunk.

Spannender ist der Umstand, dass Schumanns Thesen, Erkundungen und Erkenntnisse sich ziemlich heftig reiben mit der aktuellen Berichterstattung etwa von „Tagesschau“ und „heute“, die sich bisher eher auf der Linie der offiziellen EU-Politik und der ministerialen Verkündungen bewegen. Man kann das natürlich als Meinungspluralismus verbuchen. Kann aber auch sein, dass den Öffentlich-rechtlichen hier bald eine neue Debatte im Netz bevorsteht.

 

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