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Langer Atem, Blick auf Strukturen, gegen das flüchtige Bild

In Duisburg fand vom 2.-7.11. zum 39.mal die Filmwoche des deutschsprachigen Dokumentarfilms statt, ein kleines, aber feines Festival, auf dem Arte und 3Sat die Hauptpreise stiften, das Programm so gebaut ist, dass alle alle Filme sehen können und nach jedem Film kann das Publikum auch noch mit den Autoren diskutieren. Ein Bericht. Was kennen wir von Lampedusa aus dem Fernsehen? Sonne, Meer, Touristen. Flüchtlingsboote. Menschen, die das rettende Ufer erreichen. Carabinieri. Das überfüllte Flüchtlingslager. Den Besuch des Papstes. Die Katastrophe vom 3. Oktober 2013, als in Sichtweise der Insel etwa 400 Bootsflüchtlinge ertranken. Was wir nicht kennen von Lampedusa: Wie es da im Winter aussieht, wenn die Touristen ausbleiben und auch kaum noch Flüchtlinge ankommen. Wenn das Leben weitergeht. Das zeigt der junge österreichische Regisseur Jakob Brossmann in seinem ersten Langfilm „Winter in Lampedusa“.

Wechsel der Perspektive – das ist, was Dokumentarfilme anbieten können. Das gilt für viele der Filme auf der Duisburger Filmwoche (2.-8.11.2015), und besonders eben auch für „Lampedusa im Winter“. Es zeigt sich nämlich in diesem Film nicht nur der Alltag der Lampedusanis, sondern wie in einem Mikrokosmos auch das europäische Problem der Solidarität. Die Insel, 200 km vor Sizilien gelegen, wird von der italienischen Politik als Randzone genauso vernachlässigt wie die südlichen Staaten von der Europäischen Politik. Zum Beispiel die Fähre. Sie ist wichtig als Verbindung zum Festland, aber als sie ausfällt, ist die Fährgesellschaft nicht in der Lage, das Problem zu lösen. Die Fischer streiken, müssen aber ihren Streik wieder aufgehen.

So ist es auch mit den Flüchtlingen. Die Inselbewohner müssen selbst klären, wie sie mit ihnen umgehen. Nur wenige Flüchtlinge sind noch auf der Insel, sie wollen weg, einige Einwohner kümmern sich sehr um sie. Die Lampedusanis reagieren keineswegs ablehnend. Sie wollen helfen, brauchen aber selbst Hilfe, ohne eins gegen das andere auszuspielen. Die meisten verhalten sich solidarisch. Ein Künstler sammelt Fundstücke aus den getrandeten Flüchtlingsbooten, einen Schnuller, Briefe, ein Reisedokument – niemand weiß, ob die Menschen noch leben, denen die Dinge gehören. Eine Bürgermeisterin muss die Fliehkräfte in ihrer Gemeinde zusammenhalten. Jakob Brossman dreht auch eine Rettungsaktion auf See und man bekommt sehr nah mit, welche Gefahren, welche Ängste da im Spiel sind. Die Lampedusanis, sagt der Filmemacher „sind ein Beispiel dafür, dass man unter großen Anstrengungen, um seine Würde zu kämpfen, seine Menschlichkeit bewahren kann.“ „Lampdusa im Winter“ bekam in Duisburg den Publikumspreis der „Rheinischen Post“ und am gleichen Tag in Wien den „Filmpreis Dokumentarfilm“.

Anarbeiten gegen den schnellen Blick der Tagesmedien, gegen das flüchtige Bild, gegen die Hatz der beständig wechselnden News – das ist eine Aufgabe für Filme mit langem Atem.

„Über die Jahre“ von Nikolaus Geyrhalter etwa. Der österreichische Filmemacher hat über zehn Jahre hin die Lebenswege von Bewohnern des Waldviertel, des nördlichsten und ärmsten Bundeslandes, verfolgt. Ausgangspunkt war eine alte Fabrik, in der noch 2004 mit Maschinen und im Takt der 50er Jahre gearbeitet wurde. Die Fabrik schließt, sie hatte ohnehin nur noch neun Angestellte. Wie geht es mit ihnen weiter? Es zeigt sich, sie bleiben nicht im Nichts hängen. Sie nehmen immer neue Anläufe, in Arbeit zurückzufinden, mindestens sich zu beschäftigen und bei sich zu bleiben.

Da ist viel Skurriles dabei, auch Surrealistisches. Man redet nicht viel im Waldviertel und die mühsamen Interviews mit sparsamsten Sätzen sind so ziemlich das Ungewöhnlichste, was man als Dauerkonsument von TV-Statements derzeit so sehen kann. Geyrhalter nimmt sich Zeit, sein Film dauert drei Stunden, er begegnet seinen Protagonisten respektvoll und mit sanfter Ironie, sein Film hat den Rhythmus der Menschen und der Landschaft, erhebt sich auch in diesem Punkt nicht über sie. Der Film bekam den 3-Sat-Preis.

Ebenfalls zehn Jahre lang mit der Kamera dabei war der Film „Somos Cubanos“ von Annett Ilijew. Hier freilich mit der Besonderheit, dass der Kubaner Andres, beschrieben als Gelegenheitsarbeiter, Poet und Lebenskünstler, selbst mit kleiner Videokamera den Alltag in seiner Nachbarschaft in einem Armenviertel von Havanna drehte. Die zahlreichen Kassetten wurden aus dem Land gebracht, die Szenen in Deutschland montiert. Drei Autoren also, der kubanische Amateur-Autor, die deutsche Regisseurin und die Cutterin Friederike Schuchardt.

Entstanden ist in dieser Konstellation ein Bild von Cuba, wie man es noch nie gesehen hat. Keine Ami-Schlitten der 50er Jahre, keine Salsa, kein Mojito. Kein Buena Vista Social Club und kein Malecon. Stattdessen lebendiger und ziemlich rauer Alltag im Mikrokosmos zweier Straßen. Seine Nachbarn ordnet Andres als „Lumpenproletariat“ ein. Man schlägt sich durch, alles Zwischenmenschliche findet in der Öffentlichkeit statt, weil Wohnraum knapp ist. Gegenüber wohnt ein Oppositioneller, der regelmäßig aufs Dach seines Hauses steigt, dort die Castros beschimpft und gesellschaftliche Veränderung fordert; ebenso regelmäßig werden er und seine Frau verhaftet und wieder freigelassen. Die Langzeitbeobachtung teilt in diesem Fall mit, wie wenig sich verändert. Desillusioniert wirkt dieser Blick auf eine Gesellschaftsschicht, die von Politik und Zukunft gleichermaßen verlassen ist. Gleichwohl ist die Politik stets präsent, jedenfalls im Fernsehen, in den politischen Reden der Castros. Der Abstand der Politik und der Propaganda zur Realität dieses Viertels ist ein Abgrund.

Über einen noch längeren Zeitraum erstreckt sich „Iraqi Odyssey. A global Family Saga“ von Samir. Der aus dem Irak stammende Schweizer Filmregisseur (dessen Namen übrigens „Geschichtenerzähler“ bedeutet) erzählt die Geschichte seiner Familie und es ist eine Geschichte, in der Privates und Politisches unmittelbar zusammenfallen. Nicht nur Samirs Familie lebt überall in der Welt verstreut. 4,7 Millionen Iraker, vor allem aus dem Mittelstand, haben in den letzten Jahrzehnten das Land verlassen und leben in der Diaspora. Samir geht nun den Lebensgeschichten einer Mitglieder seiner Familie nach, die in die politischen Prozesse des Irak eingebunden waren, teils auch als Mitglieder der irakischen kommunistischen Partei, die dann von der Baath-Partei und Saddam Hussein vernichtet wurde.

Eine große Familie mit vielen Kindern, da drohen die Lebensgeschichten ein wenig unübersichtlich zu werden. Samir beschränkt sich für seine Familiensaga auf nur einige Personen und arbeitet mit einer ausgeklügelten Technik, sowohl die räumliche Zerstreuung wie auch die lange historische Dimension zu fassen. Er setzt 3-D-Technik ein, die erlaubt es ihm, mehrere Schichten des Erzählens im Raum zu stapeln. Diese sehr überzeugende 3-D-Langversion wurde in Duisburg gezeigt. In die Kinos in Deutschland kommt nur eine 90-minütige 2-D-Version.

„Iraqi Odyssey“ ist nicht nur ein großartiger, von Samir als Ich-Erzähler geführter Film. Er leistet auch dokumentarische Kärrnerarbeit. Auf der Suche nach Archivmaterial im Irak musste der Autor feststellen, dass in den Kriegen alle Archive zerstört wurden. Das Land verfügt seit den 1980er Jahren über kein visuelles Gedächtnis mehr. Begleitend zum Film hat Samir deshalb eine Website aufgesetzt, um aus den privaten Archiven der Exil-Iraker historisches Film- und Fotomaterial zusammenzutragen und dem Land wenigstens etwas von seinem visuellen Gedächtnis zurückzugeben.

Auf einer Langzeitstrategie beruht schließlich auch der Film „Arlette – der Mut ist ein Muskel“ von Florian Hoffmann, der Eröffnungsfilm der Duisburger Filmwoche. Die Mutter des Autors, die Dokumentaristin Heidi Specogna, hat 2011 den Film „Carte Blanche“ gedreht (und damals in Duisburg übrigens den 3-Sat-Preis gewonnen). In diesem Film geht es um den Internationalen Gerichtshof in Den Haag und um Kriegsverbrechen in der Zentralafrikanischen Republik. Man sieht darin auch eine Szene mit dem Mädchen Arlette, das in den Bürgerkriegswirren eine Kugel ins Bein bekommen hat. Die Wunde schmerzt höllisch, sie will nicht heilen, ärztliche Versorgung gibt es nicht. Die Mutter versucht es mit einem Kräutersud, vergeblich. Als der Film in Deutschland lief, blieb die Szene mit dem vor Schmerzen schreienden Mädchen einigen engagierten Zuschauern so sehr im Gedächtnis, dass sie einen Unterstützerkreis gründeten und Geld zusammentrugen, um Arlette nach Berlin zu holen, damit ihr geholfen werde.

Davon erzählt nun „Arlette – der Mut ist ein Muskel“. Ankunft des afrikanischen Mädchens im verschneiten Berlin. Charitè. Ärzte und Pfleger bemühen sich um Heilung, sie gelingt. Dann muss Arlette in die Reha, wo sie sich wochenlang unter hüftkranken alten Menschen bewegt. Aber sie macht gute Fortschritte und es naht die Rückkehr in ihr Heimatdorf. Doch einen Tag vor ihrer Rückreise bricht der Bürgerkrieg in Bangui wieder aus, sie sitzt fest und die deutsche Bürokratie hat für sie keinen Plan. Sie ist ein Nichts, kein Flüchtling, keine Touristin, keine Asylbewerberin, quasi nicht existent.

Florian Hofmann begleitet das Mädchen auf seinem Weg und ist doch zugleich mehr als ein Begleiter mit der Kamera: auch ein Betreuer. Bei aller subjektiven Verwicklung hält sein Film dennoch die notwendige erzählerische Distanz zu seiner Protagonistin und kann ihr Erwachen aus dem Misstrauen ebenso zeigen wie ihre Enttäuschung. Die erste Begegnung mit Schnee, die Skype-Gespräche mit der Familie, ihre Körpersprache, das alles sind kostbare Momente des Films. Am Ende kann Arlette doch wieder zurück nach Bangui. Die Polaroid-Kamera, mit der sie in Deutschland viele Entdeckungen aufzeichnete, wird ihr von den Rebellen gleich wieder weggenommen und zerstört. Ende offen.

Neben der Langzeitbeobachtung konnte man an einigen Filmen eine Tendenz beobachten, dass Autoren über individuelle Geschichten hinaus gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen größere Aufmerksamkeit schenken.

Zum Beispiel „Staatsdiener“ von Marie Wilke. Es geht um angehende Polizisten im ersten Jahr ihrer Ausbildung in Sachsen-Anhalt. Zensur habe es nicht gegeben, das Team habe in völliger Freiheit gedreht, sagt die Regisseurin. Wir sehen zum einen Trainingssimulationen: Wie man Einbrecher stellt, wie man eine Wohnung sichert. Zum anderen ist die Kamera auch in praktischen Ausbildungsphasen dabei: Einsatz in Hundertschaften gegen Hooligans, Einsatz bei einem NPD-Auftritt, Schießtraining. Dazwischen ein steifer Staatsbürgerkundeunterricht. Die Kandidaten werden immer wieder überprüft bis hin zur Frage, warum sie glauben, bei der Polizei richtig zu sein. Sie müssen lernen, ihr persönliches Wertesystem zurückzustellen und sich als Vertreter des staatlichen Wertesystems zu verstehen: Staatsdiener eben.

Die Autorin löst ihren Stoff eben nicht in Geschichten auf und bietet Protagonisten auch den Zuschauern nicht zur Identifikation an. Kein künstlicher Spannungsaufbau über hohe Schnittfrequenzen etwa, sondern lange Einstellungen. Kein Versuch, Episoden in ein Storytelling-Konzept mit dramatischen Effekten zu zwingen. Verzicht auf Interviews. Dies ausdrücklich mit Verweis darauf, dass es vor allem auf den Blick auf die Institution Polizei ankam.

Ähnlich „Wie die anderen“ des österreichischen Autors Constantin Wulff. Schauplatz ist die Kinderpsychiatrie in einem Landeskrankenhaus in der österreichischen Stadt Tulln. In psychiatrische Kliniken gibt es aus guten Gründen selten einen öffentlichen Einblick. Dass das hier möglich war, verdankt der Film auch der Initiative des Leiters Paulus Hochgatterer, einem in Österreich bekannten Arzt. Gedreht wurde selbstverständlich nur, womit Patienten und Eltern und Ärzte einverstanden waren, das aber mit großer Offenheit.

Der Autor nähert sich der Institution Kinder- und Jugendpsychiatrie durch Beobachtung vor allem der Teams, der Ärzte, Psychologen, Pfleger. Im Zentrum stehen die Besprechungen des Teams, die Diskussion um den richtigen Zugang, die fehlenden Ressourcen, die Überlastung des Personals. Der Film will den Stereotypen, die sich um psychiatrische Stationen ranken, entgegenarbeiten, den Ängsten vor Ausgrenzung und Wegsperren begegnen. Man spürt jede Sekunde, dass es hier um etwas geht, zugleich wird auch sichtbar: es sind Menschen, die hier arbeiten, die sich mühen, die nicht selten auch ratlos sind. Zugleich freilich werden auch die Zwänge der Institution sichtbar, die die kranken Individuen in sich aufsaugt und sie sich kompatibel und passend machen will.

Vergleichbares Thema, ganz andere Machart: „Nicht alles schlucken“, im Untertitel „Ein Film über Krisen und Psychopharmaka“ von Jana Kalms, Piet Stolz und Sebastian Winkels. Ein formal strenger Film, der die „Redenden Köpfe“, die sonst oft so störend im Bild stehen, ernst nimmt und ins Zentrum des Films setzt. Ein Film wie eine Versuchsanordnung. Zehn Stühle in einem undefinierten Raum. Die Menschen sprechen von ihren Erfahrungen, jeder für sich, die anderen hören zu. Patienten sitzen in der Runde, Ärzte, Pfleger, ein Psychologe. Die formale Strenge erlaubt kaum eine Abweichung, das Sprechen über Krankheit, über Therapie, über menschliches Leid bekommt großes Gewicht. Man kann sich dem kaum entziehen, schon gar nicht in einem abgedunkelten Kinoraum. Der Film plädiert dafür, Standards des Umgangs mit Medikamenten in den psychiatrischen Einrichtungen zu überdenken und die Individualität der Kranken stärker zu berücksichtigen.

Einen strukturierten Blick auf die politische Institution EU liefert auf eine überraschende Weise auch „Democracy – Im Rausch der Daten“. Brüssel, das ist etwas für Tagesneuigkeiten. Ständig wird hier etwas verhandelt. In diesem Fall ein neues Datenschutzgesetz, das das Recht auf personale Daten sichern soll. Der Gesetzentwurf, den die EU-Kommissarin Viviane Reding vorlegt, gerät schnell in die Mühlen von Politik und Lobbyismus, es gibt tausende Abänderungsvorschläge, so viele wie nie zuvor.

Dem Schweizer Regisseur David Bernet gelingt es, diesem politischen Prozess ein filmisches Abbild zu entreißen, das ihn kenntlich macht. Das ist sicherlich auch dem Protagonisten zu danken, dem Grünen-Abgeordneten Jan Philipp Albrecht. Der ist, obwohl junger Parlamentarier, Berichterstatter für die EU-Kommissarin Viviane Reding. In dieser Schlüsselposition musser dafür sorgen, dass der politische Prozess in Gang kommt, er muss die Einwände berücksichtigen, sich der Lobbyisten erwehren, muss Kompromisse ansteuern und darf gleichzeitig auch seine eigenen politischen Positionen nicht verraten.

Zweieinhalb Jahre lang verfolgte der Regisseur die politische Arbeit an diesem Gesetz. Er kann in den zahlreichen Schatten-Meetings der zuständigen Ausschüsse drehen, in denen der Gesetzentwurf wieder zerpflückt wird. Er befasst sich mit den Lobbyisten und kann sichtbar machen, welche mächtigen Sonder-Interessen vor allem der Industrie hier in mitmischen. Es geht um den Datenschutz, darüber hinaus ist sein Film aber ein Lehrstück über demokratische Politik in Brüssel, über europäische Demokratie. Das ist hochspannend und im besten Sinne aufklärerisch. Und das in einer Zeit, in der Vertrauen in Politik und Machbarkeit spürbar schwindet. Wir werden den Film noch detailliert vorstellen.

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