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„Hauptsache Arbeit“. Von Jean Bouè

Am Ende des Films steht eine nüchterne Schrifttafel: Zwei von drei Facharbeitern in Mecklenburg-Vorpommern arbeiten auswärts und sind nur am Wochenende zu Hause. Daraus kann man einen Film machen? Einen interessanten sogar: „Hauptsache Arbeit“ lief in der Vollversion im NDR,  in der Formatversion unter dem Titel „Nur Arbeit“ noch in der Mediathek von ARD und NDR.

„Hauptsache Arbeit“ ist ein Dokumentarfilm der selten gewordenen einfachen Art. Nicht spektakulär, nicht auf Effekte setzend, keine prominenten Protagonisten, keine Absonderlichkeit. Es geht „nur“ um Männer, die über die Woche der Arbeit hinterherfahren. Pendler, deren Familienleben sich dann aufs Wochenende beschränken muss. An zwei Beispielen.

Da sind Uwe Viebranz und René Lehmann. Beide wohnen in Mecklenburg-Vorpommern, beide haben Familie und beide sind die Woche über auf Montage. Der ein rammt schwere Träger in den Boden, der andere arbeitet als Bauleiter auf einer Baustelle. René Lehmann ist mit seinem Sohn auf Arbeit unterwegs; der will es ihm nachmachen, da sind die beiden nicht so allein. Auch nicht, wenn sie bei den langen Autofahrten am Freitag und am Sonntagabend im Stau stecken. Uwe Viebranz fährt mit der Bahn, Freitag hin, Sonntagabend zurück, je eine Strecke 700 km. Sie fänden vielleicht auch Arbeit in der Nähe ihrer Häuser, aber da würden sie viel weniger verdienen. Also fahren sie der besser bezahlten Arbeit im Westen nach und nehmen in Kauf, dass ihr Familienleben sich aufs Wochenende beschränkt. Und da sind die Erwartungen groß. Die Familie will etwas haben, die Kumpels auch, Fußballplatz soll auch sein und die Gartenarbeit muss auch gemacht werden. Es bleibt immer etwas liegen. Und die Woche über sind die Lebensumstände bescheiden, armselige Unterkünfte, Wohnwagen oder kleine Zimmer ohne Komfort.

Regisseur Jean Boué geht den Lebensbedingungen dieser Arbeitsnomaden und ihrer Familien auf unspektakuläre Weise nach, er beobachtet und kommentiert nicht, er kann offenbar das Vertrauen seiner Protagonisten so erwerben, dass sie sich durchaus offen äußern. Über drohende Ehekrisen, über enttäuschende Wochenenden, über das kleine Glück am Grill. Und dass das alles auch wiederum völlig normal ist. Seit vielen Jahren sind die Familien dran gewöhnt. Und wenn bei Uwe Viebranz die Mutter mit am Tisch sitzt, dann erfahren wir, dass auch ihr Mann ständig unterwegs war, oft monatelang. Sie erzählt es unter Tränen und man ahnt dann, wie schwer es den Frauen fällt, ganz allein auf sich gestellt. René Lehmann weiß das genau, dass die Last auf den Frauen liegt. Aber er will eben nicht „für n’Appel und’n Ei“ arbeiten, sondern sich auch etwas leisten können.

Es ist grade dieses unspektakuläre, so gewöhnliche, so alltägliche Leben, das der Regisseur einzufangen versteht, nah bei seinen Protagonisten, ihnen vertrauend, weil ihr Vertrauen nicht missbrauchend. Man erfährt etwas über gesellschaftliche Realität in diesem Land, die in den hochtourigen Nachrichten und den Schleuderthemen nicht vorkommen. Das war schon in seinem vorangehenden Film „Adamshoffnung 112“ über Freiwillige Feuerwehr auf dem Land auffällig. Von diesem sorgfältig beobachtenden und arbeitenden Regisseur würde man gern mal einen Film sehen über Menschen im Osten, die bei Pegida mitmarschieren – wenn sie ihn denn an sich heranließen.

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