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„Im Sog der Salafisten“. Von Helmar Büchel

Was treibt junge Menschen in den Salafismus? Eine Frage, die sich dringender denn je stellt. Helmar Büchel ist in der Dokumentation „Im Sog der Salafisten“ dieser Frage nachgegangen (Phoenix, Do 26.11.2015, 20.15-21.45)

Ein öffentliche Kundgebung von Salafisten irgendwo in Deutschland. Der bekannte Prediger Pierre Vogel, bekannt aus Internet und Fernsehen, spricht. Er spricht davon, dass der Islam der Wahrheit ist und alles andere ungläubig. Er spricht zielsicher entlang der Grenze zur Strafbarkeit, gibt sich keine Blöße. Zwei junge Menschen werden auf der Bühne auf den Islam eingeschworen. Die Menge vor der Tribüne, junge Männer und Frauen, einige verschleiert, hören begeistert zu. Sie begeistern sich für Gläubige, die vor 1300 Jahren gelebt haben und sie halten ihre Smartphones aus dem 21. Jahrhundert hoch, um ihre eigene Entmündigung im Bild festzuhalten.

Die Szene stammt aus der Dokumentation „Im Sog der Salafisten“ von Elmar Büchel und sie mag symptomatisch sein für dieses Neben- und Ineinander von Rückwärtsgewandtheit und Modernität im Salafismus. Der Islamexperte Guido Steinberg gibt denn auch gleich eingangs eine paradoxe Antwort auf die Frage, was denn dieser Salafismus sei: eine moderne Bewegung als Reaktion auf die Moderne. Diese Abkehr von dem, was man moderne Gesellschaft nennen kann, findet man allenthalben wieder in den Geschichten, die dieser Film zusammenträgt.

Was bereitet den Boden für den Salafismus, der potentiell in den Dschihadismus führt? Wer sind die Leute, die dafür sorgen, dass viele junge Leute aus europäischen Ländern es für erstrebenswert halten, in den so genannten Heiligen Krieg zu ziehen? Was ist überhaupt der Dschihad? Und wie soll eine Gesellschaft wie die deutsche (oder jede andere europäische) darauf reagieren?

Das sind die Fragen, denen der Film in einer Art Salafisten-Roadmovie nachgeht. Er spricht mit prominenten Vertretern wie Pierre Vogel, er beschreibt indirekt den Weg von Denis Kuspert vom Rap in den Dschihad, Sven Lau kommt zu Wort und der ehemalige Linke Bernhard Falk, der für zurückgekehrte und inhaftierte Salafisten eine Gefangenenhilfe aufgebaut hat. Erzählt wird von den zwei Gymnasiastinnen aus Wien, die einfach in den Dschihad verschwanden, eine ist inzwischen tot, die andere verschwunden. Wir erfahren die Geschichte von Dominique Bons aus Toulouse, die beide Söhne an den Heiligen Krieg verloren hat. Sie sieht sie noch einmal in einem Video der Dschihadisten. Dann sind beide tot, der eine gefallen, der andere hat sich als Selbstmordattentäter in die Luft gejagt. Aus London hören wir erst von der Scharia-Polizei in den Straßen und werden dann konfrontiert mit den furchtbaren Bildern wo zwei islamistische Attentäter den britischen Soldaten Lee Rigby auf offener Straße abschlachten und Passanten auffordern, alles zu filmen. Das Attentat auf Charlie Hebdo schließlich gibt den Rahmen für die Dokumentation ab, sie endet mit den Bildern von den Großdemonstrationen in Paris.

Wenig von dem, was der Film aufgreift, ist neu. Die Figuren, die Ereignisse sind alle schon durch die Medien gegangen. Man mag es als Gewinn betrachten, sie hier noch einmal zusammengefasst vor Augen geführt zu bekommen. Es käme in diesem Fall aber dann doch insgesamt stärker auf die analytische Qualität an – und da lässt der Film zu wünschen übrig. Zwar kommen auch die einschlägigen Experten zu Wort, neben Guido Steinberg etwa Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, der die Gefährdung durch Rückkehrer ausmalt und die österreichische Islamexpertin Amina Baghajati, die auf die sozialen Ursachen des Salafismusexports in den Dschihad verweist.

Davon abgesehen, begnügt der Film sich aber einfach damit, Ereignisse und Personen aneinander zu reihen, ohne wirkliche Dramaturgie. Es ist viel aus unterschiedlichsten Quellen kompiliertes Material dabei, der Anteil der Eigenrecherche eher gering einzuschätzen – die Begegnungen etwa mit den deutschen Salafisten sind für diesen Film gedreht. Dabei fällt auf, wie medienerfahren sie sind. Gerade Pierre Vogel bekommt viel Raum, aber der Autor hat wenig kritische Fragen (oder sie sind einfach nicht möglich), jedenfalls kommt dabei so etwas wie eine Homestory heraus. Sie gipfelt in der Szene, in der der Islamist seine Mutter besucht und lächelnd erzählt, dass er immer wieder versuche, sie zum Islam zu bekehren (was ihm aber offenbar nicht gelingt). Visuell hat der Film dieser Genreszene nichts entgegenzusetzen, die Szenen werden zu einem Porträt mit hohem Anteil an Selbstdarstellung.

Auch sonst ist der Umgang mit den Bildern eher problematisch. Man kennt das zwar aus den Nachrichten, wo die Sender auch aus der Bildernot immer wieder auf kurze Sequenzen aus dem Propagandamaterial des IS zurückgreifen. Das tut dieser Film auch, obwohl er doch aus Eile oder Aktualitätsdruck nicht auf solchen Rückgriff angewiesen sein sollte. Selbst aus der Geschichte des französischen Photographen Pierre Torres, der bis in die Stadt Raqqa, also ins Zentrum des IS-Herrschaftsgebiets, vorgedrungen war, kann der Film visuell nichts herausholen. Man erfährt zwar die Geschichte des Fotografen, dass er vom IS entführt wurde und überlebt hat – von seinen Bildern, was sie bedeuten, was sie erzählen könnten, sehen wir nichts.

Und so ist denn auch eine der erstaunlichsten Szenen dieses Films die von der Demonstration der Million Menschen in Paris im Januar 2015, wie sie von vielen Staatsführern angeführt wird. Es sollte sich inzwischen auch bei Fernsehautoren herumgesprochen haben, dass damals die politische Elite sich nicht an der Spitze der Demonstration, sondern in einer Seitenstraße zum Fotoshooting versammelt hatte. Aber dieser Film zeigt ganz ungeniert in der Montage jene Sequenz, die diese News-Illusion befördert und reproduziert so die längst entlarvte Legende vom großen Schulterschluss der politischen Macht mit der Bevölkerung.

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