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„Im Krieg“. Von Nikolai Vialkowitsch

100 Jahre erster Weltkrieg. Die mediale Erinnerungsmaschine läuft noch ein wenig.. „Im Krieg“ war mit 3D-Technik im Kino, kommt jetzt im 2D-Format ins Fernsehen und setzt vor allem auf das Mit- und Nacherleben. (Arte, Mi 18.11.2015, 08.55-10.30)

Der Film von Nikolai Vialkowitsch heißt „Im Krieg“, nicht „Der Krieg“. Der Titel signalisiert eine verminderte Distanz. Nicht Bericht über den Krieg, sondern aus dem Krieg, aus seinem Inneren. Nacherleben statt Überdenken, das ist einer der großen Trends des medialen Erzählens, der nun auch auf das historische Material losgeht.

Dabei kommt dem Versuch entgegen, dass es schon in medialen Anfangszeiten eine Technik wie das stereoskopische Fotografieren gab, das einige Jahre schwer angesagt war, dann vergessen wurde. Jetzt, im 3-D-Zeitalter, lässt sich mit dieser Technik wieder etwas anfangen. Aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert gibt es tausende dieser stereoskopischen Fotografien. Und der erste Weltkrieg war auch ein Krieg der Bilder, offizieller Propaganda, privater Fotografie, eingeführter Kriegsberichterstatter – embedded journalists würden wir heute sagen.

Der Film „Im Krieg – Der 1. Weltkrieg in 3D“ macht sich dieses Material zunutze. Stereoskopische Bilder gibt es aus Deutschland, Großbritannien, den USA und Frankreich. Diese Bilder lassen sich heute hochauflösend scannen und animieren: simulierte Kameraschwenks, Kamerafahrten sozusagen in die Bilder hinein, damit wird sich das unbelebte Filmmaterial zum Leben erweckt. Dazu arbeitet der Film noch mit einer zweiten Bildebene: Ansichten der Kriegsschauplätze in heutigem Zustand, zugewachsen, überwuchert, aber noch kenntlich.

Ein wesentliches Element des Films sind die Texte in Kombination mit den Bildern, sie sind entnommen aus Tagebüchern, Briefen und literarischen Texten. Was jetzt zutage tritt: Der Protagonist der neueren TV-Erinnerungskultur ist das Tagebuch. Hundert Jahre nach dem Beginn des Weltkriegs stehen keine Zeitzeugen mehr zur Verfügung. Der Zeitraum, den die Theoretiker der Erinnerungskultur der kollektiven Erinnerung zugestehen, ist verstrichen. Nach etwa 80 Jahren bricht das Weitererzählen innerhalb der Generationen ab. Es ist also kein Zufall, dass 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs das Tagebuch als fixiertes Zeugnis die zentrale Rolle spielt.

Tagebücher sind dabei keine Notlösung. Im Gegenteil: sie eignen sich besonders. Sie erzählen häufig Geschichte von unten. Sie sind oft aus dem Moment heraus geschrieben und anders als die persönlichen Erinnerungen von Zeitzeugen, die im Lauf der Jahre nicht selten verändert, korrigiert oder geschönt werden, ist das Tagebuch authentischer. Andererseits sind Tagebücher keine authentische Quelle per se. Auch hier wird gelogen, geschönt, nicht selten werden sie in Hinblick auf spätere Leser geschrieben.

In diesem Film jedenfalls haben die Texte eine besondere, eigentlich allesamt literarische Qualität. Besonders auffällig etwa der Text einer amerikanischen Krankenschwester über ihre Erfahrungen im Lazarett, enorm dicht, bildhaft, erschüttert, wahrhaftig und ohne jedes Klischee formuliert: allein dieser Text lohnt den Film. Da ist man tatsächlich „im Krieg“.

Dagegen sind die dreidimensionalen Bilder, eigentlich das Herzstück, nicht unbedingt überzeugend. So leicht wie vor hundert Jahren die Menschen von der stereoskopischen Fotografie lassen wir uns nicht mehr beeindrucken. Wir haben alle sehr gut gelernt, das zweidimensionale Bild aus der Fläche in den Raum zu übertragen, die Filmemacher haben alle Techniken entwickelt, Raum-Zeit-Kontinuität herzustellen. Und Emotionalität und tiefere Empfindung finden ohnehin nicht in den Bildern, sondern im Kopf der Betrachter statt, sind ein Element der Gegenwart und der Persönlichkeit.

Aber im Vordergrund des Films steht nun mal die Wiederbelebung der Funde aus der stereoskopischen Fotografie und ihre zeitgemäße Präsentation. Politisch dagegen hält der Film sich sehr im Ungefähren. Der Krieg kommt in diesem Sommer 1914 über die Menschen wie ein Naturereignis, danach gibt es nur noch anwachsendes Leid und als er zu Ende ist, haben wir wieder nur die offiziellen Bilder und die Kriegsgräber, die aussehen wie das Design des Krieges. Dagegen erzählen die Bilder und dann auch die Texte nichts davon, was in diesem Ende steckt. Nicht, dass hier schon der Keim des nächsten großen Krieges gelegt wurde. Nichts von Sozialismus, nichts von Räterepublik, nichts von Scheidemann, Liebknecht, Luxemburg. Alles nur pure Einfühlung. Man sollte sich nicht daran gewöhnen.

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