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Highlights: Syrien, Afrika, Mecklenburg-Vorpommern u.a.

Eine ertragreiche Woche lässt sich annoncieren – eine Fülle von interessanten Dokumentarfilmen, neuen und wiederholten. In dieser und in der nächsten Woche ist einiges los, die Festplattenrekorder hätten was zu tun.

Zwei Dokumentarfilme, die in dieser Woche in die Kinos kommen, sind besonders interessant. Einmal „Domian – Interview mit dem Tod“ von Birgit Schulz, eine Hommage an den Radiomoderator und Nachttalker – hier die Kritik. Verbunden mit der Frage, warum immer gleich so distanzlos.

Dann „Die Hälfte der Stadt“ von Pawel Siczek. Der in Warschau geborene Regisseur, der in Libyen und der Schweiz aufwuchs und an der Münchner Filmhochschule studierte, erzählt die Geschichte eines (fast) verschwundenen Menschen. Der jüdische Fotograf und Gemeindepolitiker Chaim Berman setzte sich vor Ausbruch des 2. Weltkriegs für ein friedliches Nebeneinander von Polen, Juden und Deutschen in seiner polnischen Heimatstadt ein – was ihm zum Verhängnis wird. Hinterlassen hat er fast zehntausend Porträts auf Glasnegativen, die Menschen im Alltag aus einer verlorenen europäischen Ära zeigen. Der Regisseur hat sich über seine Recherchen geäußert, hier sein Text.

Noch eine überraschende Recherche in die Vergangenheit erzählt. Arnon Goldfinger will die Welt seiner jüdischen Großeltern nach dem Tod der Großmutter im Film aufbewahren und macht bei der Haushaltsauflösung einige sehr überraschende Entdeckungen, genau genommen findet er eine unglaubliche Geschichte. Der Film zeigt, dass auch für die dritte Generation die Befassung mit dem Holocaust ein virulentes Thema ist. (HR, Do 00.20-01.55). http://www.die-wohnung-film.de/wohnung.html

Ebenso überraschend auf den ersten Blick ist die Tatsache, dass noch 1935 in Berlin eine Jüdische Schule gegründet werden konnte. Die Lehrerin Leonore Goldschmidt schuf damit einen Zufluchtsort vor dem wachsenden Rassismus und sie bereitete ihre Schüle auf ein Leben im Exil vor: „Goldschmidts Kinder – Überleben im Schatten Hitlers“ von Torsten Berg und Jaron Pazi. (SWR, So 08.11.2015, 11.15-12.05). Hier die Kritik.

Ein Hinweis in thematischem Zusammenhang hier noch auf den Film „Deutsche Pop Zustände – Eine Geschichte rechter Musik“ von Lucia Palacios und Dietmar Post. Die beiden Autoren sind spezialisiert auf Dokumentarfilme zu musikalischen Themen, wurden bekannt und mit Grimme-Preis gekürt für „Monks – The Transatlantic Feedback“. Ihr neuer Film muss also interessant sein, nicht nur des Themas wegen. Aber auch. Über die Wirkkraft rechter Musik wissen wir spätestens seit wir wissen, welche Rolle sie für den NSU spielte. Die rechte Szene setzte insgesamt zunehmend auf die mobilisierende Wirkung der Musik. Höchste Zeit, dass sich jemand mit dem Thema gründlich befasst.

Am 3.11. hat Arte einen Themenabend Syrien zusammengestellt mit Filmen aus französischer Produktion. Dabei im Zentrum „IS – Die Wirtschaftsmacht der Gotteskrieger“ von Jerome Fritel und Stephane Villeneuve, dann „Eingekesselt“ über den Kampf der kurdischen Peschmerga gegen den IS und schliesslich „Vermisst! Syriens geheime Kriegswaffe“ von Sophie Nivell-Cardinale und Etienne Huver, die sich mit dem Kriegsphänomen der verschleppten und verschwundenen Menschen befasst (Arte, Themenabend Di 03.11.2015, ab 20.15)

Blick ins Auswärtige. „Cinema Jenin – Die Geschichte eines Traums“ von Markus Vetter ist eine Fortschreibung von „Das Herz von Jenin“, der in der vergangenen Woche noch einmal zu sehen war. Bei den Dreharbeiten für diesen Film entdeckte der Regisseur ein brachliegendes Kino in Jenin. Es entstand die Idee, dieses Kino wieder herzustellen, ein ambitioniertes Kulturprojekt, das auch zeigt, eine wie wichtige Rolle Kultur in solchen Konflikten spielen kann.

Zweimal ein Blick auf Afrika – einmal in den weit entfernten Südsudan. Und einmal in ein Phänomen, das wir aus der Sportberichterstattung kennen: bei den Marathonläufen, die es in beinahe jeder Großstadt gibt, laufen immer Läufer aus Kenia oder Somalia in der Spitze. In“The Long Distance“ begleitet Regisseur Daniel Andreas Sager eine Läuferin und einen Läufer aus Kenia, für die der Sport ein Ausweg aus der Armut ist (ZDF, Mo 02.11.2015, 23.55-01.25 und ZDF Kultur 06.11.2015, 20.15 und 00.45). Hier die Kritik.

Der Südsudan kommt in unseren Fernsehnachrichten nur sehr sporadisch vor, nur aufmerksame Zuschauer werden noch die Abtrennung des Südsudan vom Norden in Erinnerung haben, eine der jüngsten Staatsgründungen. Welche Hoffnungen sich mit diesem Ereignis verbinden, untersucht „Wir waren Rebellen“ von Florian Schewe und Katharina von Schroeder. Sie begleiten Agel Ring Machar, einen ehemaligen Kindersoldaten, Basketballprofi, Politiker, der den Frieden will und doch am Ende im Bürgerkrieg wieder zu den Waffen greifen muss. Eine sehr eindrucksvolle Persönlichkeit und ein sehr eindrucksvoller Film, der 2015 den Grimme-Preis bekam (ZDF Kultur, Fr 06.11.2015, 23.15-00.45). Hier das Urteil der Jury.

Wie groß die Bandbreite in der dokumentarischen Handschrift sein kann, zeigen zwei Filme, die wir hier einmal versuchsweise nebeneinander stellen.

Da ist einerseits „Unter Kontrolle“ von Volker Sattel, ein Film von formaler Strenge und Disziplin. Sein Thema ist die Kernenergie, aber nicht im politischen und/oder ökonomischen Sinn, sondern als Technologie und als Haltung und als Anstrengung, die Vision von der friedlichen Nutzung der Kernenergie mit der Wirklichkeit zu versöhnen. Streng kadrierte Bilder, lange, raumgreifende Kamerafahrten, unkommentierte Blicke in den Alltag hinter den Atomanlagen. Sichtbar wird, welche Anstrengung es ist, diese Energie unter Kontrolle zu halten. Kein einfaches Stück, aber sehr sehenswert, wenn man sich darauf einlässt. (Arte, Do 05.11.2015, 01.55-03.30)

Völlig anders in der Machart „Hauptsache Arbeit“ von Jean Boué. Der Autor hat einen Blick für den ganz gewöhnlichen Alltag in Deutschland und er erzählt Geschichten, die sonst kaum noch jemand erzählt. So war es etwa vor einem Jahr in „Adamshoffnung 112“ über die Arbeit von Freiwilligen Feuerwehren in Brandenburg. Der neue Film des Regisseurs reagiert auf den Umstand, dass in Mecklenburg-Vorpommern zwei von drei Facharbeitern auswärts arbeiten und nur am Wochenende zu Hause sein können: Arbeitsnomaden. Ein Thema, das es kaum in Nachrichten schaffen könnte, unspektakulär, alltäglich – und gerade deshalb auch wichtig. (NDR, Di 03.1.2015, 23.55-01.00). Hier die Kritik.

Klaus Sterns zweiter Film über den Versicherungsvertreter Mehmet Göker ist in der langen Version zu guter Sendezeit auf Phoenix zu sehen, eine sehenswerte Krimi-Alternative (Phoenix, Sa 97.11.2105, 22.30-23.50). Hier die Kritik.

Last but not least: Ab dem 2.11. 2015 ist in Duisburg wieder Filmwoche angesagt, deutschsprachiger Dokumentarfilm. 3Sat gehört mit Arte zu den Förderern dieses traditionsreichen Festivals, die beiden Sender vergeben jeweils mit eigenen Jurys die beiden Hauptpreise. 3Sat strahlt überdies in jedem Jahr einige Filme aus dem vergangenen Jahrgang aus. Und beginnt damit am 08.11.2015 mit „In Sarmatien“ von Volker Koepp. Volker Koepp reist durch das Land, das die alten Römer Sarmatien nannten, in dem poetischen Geist, aus dem heraus der Dichter Johannes Bobrowski seine sarmatischen Gedichte schrieb. Volker Koepp widmet seine Neugier schon seit langem der Welt östlich der Elbe, sucht die alten Kulturlandschaften auf , beobachtet die gesellschaftlichen Verwerfungen und, dies vor allem, spricht mit Menschen. Dieses Sarmatien reicht von der Ostsee bis ans Schwarze Meer, umfasst Litauen ebenso wie Moldawien, Belorus ebenso wie die Ukraine.

Volker Koepp, dem vielleicht schon nach Bilanzziehen ist, reist auch durch seine eigenen Filme. Vor bald 15 Jahre hat er in Czernowitz, der Stadt von Paul Celan und Rose Ausländer, seinen vielleicht bekanntesten Film gedreht, „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“. Er zitiert aus seinem Film (und man bekommt sofort Lust, ihn noch einmal anzusehen), reflektiert aber auch, was geworden ist, wie politische Konflikte wahrgenommen werden, in der Ukraine, in Moldawien. Wie immer findet Volker Koepp hochinteressante Gesprächspartner wie die Übersetzerin Anna, die aus Moldawien kommt, in Jena lebt, aber ihrer Heimat und ihrer Familie verbunden bleibt. Das macht die Kunst von Volker Koepp aus – die individuellen Geschichten überführt er in Geschichte und Gesellschaft. „In Sarmatien“ ist ein Film, dessen Nuancen man unbedingt braucht, wenn man mit den tagesaktuell wechselnden politischen Krisen überfordert ist. (3Sat, So 08.11.2015, 22.05-00.10)

Über Filme der Duisburger Filmwoche dann Näheres in der kommenden Woche. Das Programm der Filmwoche: http://duisburger-filmwoche.de/festival15/index.php;

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