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Highlights: Medikamente in der Psychiatrie, Kinder im Krieg und Folgen der Tat

Manchmal gibt es Wochen, da stapeln sich im Fernsehprogramm die interessanten Dokumentarfilme, natürlich wie immer spät abends, aber sie sind wenigstens da. Dienstag ist im Allgemeinen in ARD und ZDF Dokumentarfilmtag. In dieser Woche sollte man am 11.11. einen Recorder einsetzen. Die Fülle liegt auch daran, dass 3Sat Filme zeigt, die in diesem oder im Vorjahr auf der Duisburger Filmwoche gezeigt wurden. 3Sat ist neben Arte einer der Förderer der Duisburger Filmwoche und vergibt auch jeweils einen der Hauptpreise.

Sonntag Abend beginnt es schon mit „Sarmatien“ von Volker Koepp. Der Film lief in Duisburg im Vorjahr und ist nicht nur einer über eine Region und eine Kultur, sondern auch einer über Koepp selbst, seine Stoffe, seine Menschen, seine Landschaften (3Sat, So 08.11.2015, 22.05-00.10).

„Nicht alles schlucken“ hört sich an wie eine ärztliche Anweisung, aber ist eigentlich die Kritik daran. Es geht um den Einsatz von Medikamenten in der Psychiatrie, ein kompliziertes und auch düsteres Kapitel. Ein formstrenger und sehr konzentrierter Film mit Talking Heads, der einen mit seiner inneren Spannung und der Wahrhaftigkeit des Redens über Krankheit sofort in seinen Bann zieht. Hier die Kritik von Barbara Sichtermann. (3sat, Mo 09.11.2015, 22.25-23.55).

Im Anschluss daran „Assessment“ des Schweizer Regisseurs Mischa Heidinger, der von Menschen erzählt, die auf die finanzielle Hilfe des Staats angewiesen und den prüfenden Institutionen ausgeliefert sind. Der Film erhielt im Vorjahr den Nachwuchspreis (3Sat, Mo 09.11.2015, 23.50-0.45).

Am Dienstag zeigt 3Sat dann den Eröffnungsfilm aus diesem Jahr „Arlette – Mut ist ein Muskel“. Arlette ist ein Mädchen aus der Zentralafrikanischen Republik, dem Dokumentarfilmgucker schon einmal begegnet sind, in Heidi Specognas Film „Carte Blanche“. Der Bürgerkrieg hat im Dorf gewütet, Arlette hat eine Kugel ins Bein bekommen und die Wunde heilt nicht. Medizinische Hilfe gab es nicht. Es fand sich in Deutschland ein Unterstützerkreis, der das Mädchen nach Berlin holte, es konnte operiert werden. Diese Geschichte erzählt der Film Florian Hoffmann, der auch bei den Dreharbeiten für „Carte Blanche“ schon dabei war und der hier nicht nur als Filmemacher auftritt, sondern auch in der Rolle eines Betreuers und Übersetzers. Ein einfühlsamer und vorsichtiger Film darüber, wie ein verängstigtes, von Schmerzen geplagtes Kinder aufblüht – und wie es doch dem Krieg in seiner Heimat nicht entkommt. 3Sat zeigt nur die kürzere Version (3Sat, Di 10.11.2015, 22.25-23.20).

Im Anschluss daran, wir bleiben im Spannungsfeld Afrika-Europa, läuft „Portrait of a Lone Farmer“ von Jide Tom Akinieminu, 3Sat-Preisträger des vergangenen Jahres, erzählt von der Suche des Filmemachers nach seiner Identität. Hier die Begründung der 3Sat-Jury.

Zeitgeschichte ist ein großer Themensteinbruch für den Dokumentarfilm. Daraus folgende Fundstücke in dieser Woche. „Starfighter – Mit Hightech in den Tod“ behandelt ein Thema aus der deutschen Nachkriegsgeschichte, über das kaum noch jemand etwas weiß, die Starfighter-Affäre, die vielen Piloten das Leben kostete und politisch in der Bundesrepublik lange verdrängt wurde (RBB, Di 10.11.2015, 00.15-01.45); hier die Kritik. Andere Baustelle, andere Seite der innerdeutschen Grenze: „Anderson“ von Annekathrin Hendel. Erzählt die Geschichte des Prenzlauer-Berg-Poeten Sascha Anderson, Popstar des DDR-Undergrounds und Zuträger der Stasi (RBB, Di 10.11.2015, 22.45-00.15); hier die Kritik Und wieder Grenzwechsel: „Die Folgen der Tat“ von Julia Albrecht, in der die Filmemacherin mit der Tat ihrer Schwester Susanne auseinandersetzt, die 1977 mit verantwortlich war für den RAF-Mord an dem Bankier Jürgen Ponto (WDR, Mi 12.11.2015, 23.15-00.35)

Geschichte. Der Film von Nikolai Vialkowitsch über das Leben und Sterben im Ersten Weltkrieg heißt absichtsvoll nicht „der“ Krieg, sondern „Im Krieg“ – und charakterisiert sich so als Versuch, mit bisher unveröffentlichten Fotografien Kriegs-Zeit und Kriegs-Erfahrung zu verlebendigen. (Arte, Di 10.11.2015, 20.15-21.55); hier die Kritik. Eine merkwürdige Publikationspolitik verfolgt das ZDF mit der achtteiligen dokumentarischen Serie „Die Wahrheit über den Holocaust“. Immer tauchen Teile der Reihe in diesem oder jenem ZDF-Sender auf, diesmal ist es ZDF-Info, das nun am 15.11.2015 merkwürdigerweise mit der Folge 3 beginnt und mit der Folge 6 schon wieder aufhört. Die Reihe ist informativ und sehr materialreich. Und wenn man in den Unterlagen des Senders nachsieht, fällt auf, dass merkwürdigerweise kein Regisseur genannt wird. Das sei hier nachgeholt: Autor ist der tunesische Fotograf, Autor und Regisseur William Karel, der u.a. für sein Mockumentary, „Kubrick, Nixon und der Mann im Mond“ 2003 den Grimmepreis erhalten hatte – also kein ganz zu vernachlässigender Autor. (ZDF-Info, 15.11.2015, 22.15-23.00); hier die Kritik.

Gegenwart. Dokumentarfilme reißen immer auch kleine Stückchen Realität aus der fließenden Gegenwart, um sie etwas kenntlicher zu machen. „Sauacker“ zum Beispiel erzählt von den Mühen, heute noch eine kleine Landwirtschaft zu halten (SWR, Mi 11.11.2015, 00.00-01.20); hier die Kritik. „Everyday rebellion“ ist ein aufmunterndes langes Video durch die Protestbewegungen dieser Welt (ZDF Kultur, 11.11.2015, 22.40-23.30), hier die Kritik. Der „Versicherungsvertreter“ Mehmet Göker kann es nicht lassen, deshalb hat Klaus Stern noch eine zweiten Teil über ihn gedreht (Phoenix, 12.11.2015, 02.15—03.25); hier die Kritik von Barbara Sichtermann. Einen nüchternen Blick auf die Realität des Musikgewerbes wirft der Film „Where’s the beer und when did I get paid“ und schafft dabei ein wunderbares Porträt des ehemaligen Frank-Zappa-Schlagzeugers Jimmy Black, ZDF Kultur hat sich den Film ins Programm geholt (12.11.2015, 23.10-0.35). Und damit wir nicht vergessen, dass die Europäische Krise auch noch und immer noch mit Griechenland und der Politik der europäischen Institutionen zusammenhängt, lassen sich auf ARD-alpha, diesem kaum bekannten Kanal, noch einmal die beiden Filme von Harald Schumann nachsehen, „Die Spur der Troika“ (13.11.2015, 20.15-21.40) und „Staatsgeheimnis Bankenrettung“ (13.11.2015., 21.40-22.35); hier und hier die Kritiken.
Die Texte zu den jüngst in die Kinos gekommenen Filmen „Domian und „Die Hälfte der Stadt“ bleiben nochmal eine Woche zugänglich, ehe sie ins Archiv wanderen und anderen Platz machen müssen (hier und hier).

Und was sonst noch so läuft, findet man unter der „Rubrik ‚Was sonst noch läuft‘, wie immer ohne jegliche Wertung und ohne jegliches Ranking.

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