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Highlights: Fest(ival) auf Arte

Wer sich für Dokumentarfilm interessiert, für den ist ohnehin Arte, trotz einiger Einschränkungen im Programm, immer noch eine erste Adresse. In dieser Woche besonders.

Dokumentarischer Höhepunkt dieser Woche sind sicherlich die beiden Filme von Joshua Oppenheimer: „The Act of Killing – Der Akt des Tötens“ und „ The Look of Silence – Im Angesicht der Stille“. 1965 werden in Indonesien nach dem Militärputsch über eine Million Menschen ermordet. Die Kommunistische Partei des Landes, eine der größten, wurde komplett ausgelöscht. Die Täter sind bis heute ungestraft und sie sind an der Macht. Der Dokumentarist spricht mit den Mördern und er lässt sich ihre Taten von damals nachspielen – was sie voller Begeisterung tun. „The Act of Killing“ ist ein filmgewordener Alptraum, ein Film, den man so schnell nicht vergisst. Der Film war 2012 für den Oscar nominiert. Im Nachfolgefilm „The Look of Silence“ wendet der Regisseur sich den Opfern zu, einer seiner Protagonisten, dessen Bruder getötet wurde, befragt seinen Mörder. Beide Filme haben in Indonesien große Resonanz gefunden und politische Diskussionen provoziert. Gleichwohl konnte „The Look of Silence“ nur unter großen Sicherheitsvorkehrungen gedreht werden. Der Regisseur hat zahlreiche Interviews gegeben, hier der Link zu einem ausführlichen Gespräch, das im Oktober 2015 geführt wurde.
; Sendetermine: „The Look of Silence“, Arte, 19.11.2015. 21.45-23.20, “The Act of Killing” im Anschluss daran, 23.20 – 01.05.

Die beiden Filme sind Teil eines “Dokumentarfilmfestivals”, das Arte vom 19.-22.11.2015 veranstaltet. Das ist wirklich eine geballte Ladung von hochinteressanten Filmen von wichtigen Autoren – und alles Erstausstrahlungen. Wer aufzeichnen kann, kann sich mit hervorragenden Filmen für den ganzen kommenden Monat versorgen. Hier das komplette Programm.

Hier nur einige besondere Hinweise, die keinerlei Wertung bedeuten, sondern lediglich auf eigene Kenntnisse gestützt sind. Sicherlich besondere Aufmerksamkeit verdient „La Maison de la Radio“ über die Institution Radio de France, der mit den Worten annonciert ist: „Ein Film über Stimmen, Klänge, Worte, Meinungsfreiheit und vor allem… über das Zuhören“. Autor ist Nicolas Philibert, der 2002 mit seinem Film „Etre et Avoir“ (Sein und Haben) über eine kleine Dorfschule im französischen Zentralmassiv sehr bekannt geworden ist und sich als Autor der genauen und zugewandten Beobachtung erwiesen hat. (Arte, Di 17.11.2015, 21.50 – 23.35)

Christian Frei ist ein Autor, der sich bisher großen und immer größeren Themen zugewandt hatte. Bekannt geworden ist er mit „War Photographer“ über den Kriegsfotografen James Nachtwey (Grimmepreis 2003, war für den Oscar nominiert), es folgte 2005 ein Film über die von Islamisten zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan („Im Tal der großen Buddhas“) und 2010 ging es mit „Space Tourists“ in den Weltraum. Sein neuer Film nun ist eine Abkehr, eine plötzliche Rückwendung auf ein ganz intimes Thema „Sleepless in New York“. Es geht dem Schweizer Regisseur darin um den Liebeskummer als eine der heftigsten emotionalen menschlichen Regungen und er versucht, ihn in jenen Momenten filmisch zu erfassen, wo er am heftigsten auftritt. (Arte, Fr 20.11.2015, 21.45-23.20).

Unmittelbar im Anschluss daran „Breathing Earth“ von Thomas Riedelsheimer. Es geht um den japanischen Künstler Susumu Shingu, der mit einem „Breathing Earth“ genannten Dorf einen Ort von Kreativität und Inspiration schaffen möchte. Der Münchner Regisseur hat sich in seinen Filme immer wieder mit Künstlern befasst. Wer seinen großartigen Film „Rivers an Tides“ über den Land-Art-Künstler Andy Goldsworthy kennt, kann sich auf den neuen Film eigentlich nur freuen (Arte, Fr 20.11.2015, 23.15 – 00.45).

Dazu noch einige Filme aus dem großen Wiederholungszyklus. Noch in der Arte-Schleife steckt „Im Krieg“ von Nikolai Vialkowitsch (Arte, Mi 18.11.2015, 09.15-10.30); hier die Kritik. „Der Banker – Master oft he Universe“ von Marc Bauder dürfte bald alle Wiederholungsschleifen absolviert haben, jetzt ist er zu sehr guter Sendezeit auf ARD-alpha zu sehen (Fr, Fr 20.11.2015, 20.15-21.45); hier die Kritik. Auch Eric Friedlers „Das Mädchen. Was geschah mit Elisabeth K.“ dürfte bald seine potentielle Zuschauerschaft ausgeschöpft haben, hoffentlich findet er noch weiteres Publikum, er hätte es verdient (WDR, Fr 20.11.2015, 23.15-00.30); hier die Kritik. Und über die komplett bescheuerte Programmierung der einzelnen Folgen des sehenswerten Achtteilers „Die Wahrheit über den Holocaust“ waren hier schon oft Beschwerde geführt worden. Jetzt ist er auf ZDF-Info gelandet (So 22.11.2015, ab 16.30); hier die Kritik.

Unbedingt sehenswert im Kino „Democracy – im Rausch der Daten“ von David Bernet. Dem Schweizer Regisseur ist hier etwas Seltenes gelungen, nämlich politische Prozesse abzubilden. Es geht dabei um das EU-Gesetzgebungsverfahren in Sachen Datenschutz, um die Schwierigkeiten politischer Kompromisse und um die große Macht der Lobbyisten in Brüssel. Die Kritik zum Film folgt in der kommenden Woche. Der Film lief auch auf der Duisburger Filmwoche, der Bericht über das Festival wird am Montag auf wolfsiehtfern eingestellt.

Einige der in der Vorwoche annoncierten Filme sind noch in den Mediatheken auffindbar, zu empfehlen ist die Webadresse MediathekView8.

Und was sonst noch läuft, ist zu finden unter der Rubrik: Was sonst noch läuft.

 

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