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„Domian – Interview mit dem Tod“. Von Birgit Schulz

Das Schlimmste sei für ihn immer gewesen, sagt Jürgen Domian, wenn Menschen am Ende ihres Lebens die Bilanz ziehen, sie hätten falsch gelebt. Es sind häufig existenzielle Fragen, die in der Radio- und TV-Nachtsendung „Domian“ behandelt werden. Der Moderator hört zu und spricht mit den Anrufern. Birgit Schulz hat jetzt ein Porträt des Nachttalkers gedreht. Die 45-Minuten-Version limn TV unter dem Titel „Domian – Zwischen Tag und Nacht“  im WDR, die Kinoversion ab dem 15.11. 2015 in diversen Großstadtkinos. „Domian“ war zunächst eine nächtliche Radio-Talk-Sendung, die dann auch im WDR-Fernsehen übertragen wurde. Täglich von Montag bis Freitag, 1.00 bis 2.00 Uhr Nachts, besprochen werden die Themen der Nacht: Einsamkeit, Leid, Sex, Tod. Kopf und Moderator der Sendung ist Jürgen Domian, er fährt die Sendung jetzt seit 20 Jahren, über 20.000 nächtliche Gespräch hat er geführt, Ende 2016 will er damit Schluss machen.

Wenn Birgit Schulz jetzt Jürgen Domian porträtiert, dann muss man als erstes gleich sagen, was der Film nicht ist: kein Film über die Sendung, über die Themenwahl, über die Form des Miteinanderspreches, über die Fallstricke dieser medialen Telefonseelsorge, über Fehler und Missglücktes, über Verantwortung und Entertainment. Kein Film darüber, wie und warum die Sendung funktioniert; darauf wirft die Autorin nur einen Seitenblick.

„Domian“ ist ein Film über Jürgen Domian. Über einen Mann und seine Haltung, zum Leben und vor allem zum Tod. Der Tod, sagt Domian, sei das Thema seines Lebens. Immer wieder wird er in den Sendungen damit konfrontiert. Er hat auch ein Buch zum Thema geschrieben, „Interview mit dem Tod“ und der Film hält sich nicht nur im Titel an dieses Thema, zitiert immer wieder mal auch daraus. Die Autorin hat einige dieser existenziellen Gespräche ausgewählt. Ein Mörder, der auch nach 40 Jahren die Tat nicht los wird. Ein Mann, der schuld ist, dass sein Sohn bei einem Wohnungsbrand ums Leben gekommen ist. Eine Frau, die sich nach 41 Jahren Ehe freut, dass ihr angeheirateter Peiniger endlich gestorben ist. Ein Telefonseelsorger, der durch Domian auf diesen Beruf gebracht wurde. Ein Mann, der die Selbstmorddrohungen seines Freundes nicht ernst genommen hat, sich selbst das Leben nehmen wollte und jetzt Trauerreden schreibt. Dazu drei regelmäßige Hörer, die die Sendung auch deshalb hören, weil sie um diese Nachtzeit arbeiten: ein Bäcker, ein Tankstellenangestellter, eine LKW-Fahrerin.

Das besondere des Films liegt nun darin, dass er diese Protagonisten auf mehreren Ebenen miteinander verzahnt, medial verdoppelt und in diversen Überblendungen zusammengesetzt. Wir hören sie nicht nur in der Originalsendung, die Autorin hat sie auch aufgesucht und sie erzählen ihre Geschichte auch noch in die Kamera. Die Kamera liefert dann zu den Gesprächen einen Mehrwert, weil sie die Umgebungen der Protagonisten zeigt. Den Mörder dreht sie beispielsweise in einem Zimmer, das sehr einer Zelle gleicht – ein sprechendes Bild dafür, dass er von seiner Tat nicht loskommt.

Dazu nun auch Domian. Ein Nachtmensch, der nie vor fünf Uhr früh ins Bett kommt und den Tag verschlafen muss, ein Rhythmus gegen die innere Uhr. Als Ausgleich fährt er auf Urlaub in den Norden, nach Lappland, ins andauernde Licht. Auf der Fahrt dorthin und auf seinen Wanderungen spricht Domian dann über sich selbst, erzählt aus seiner Kindheit, spricht über die ihm wichtigen Themen.

Die Szenerie dieser Wanderungen durch die Landschaft des Nordens, mit ihren sanften Hügeln und dem unendlichen Himmel, sind das Zentrum des Films, sie zeigen seine Machart. Die Autorin präsentiert ihren Protagonisten stets nur ganz allein. Mal marschiert sie mit an seiner Seite, mal dreht sie ihn von einer Drohne aus – aber immer allein. Eine klassische Inszenierung: Domian, der Einsame, der Fragende, der Existenzielle.

Es ist ganz offensichtlich, dass dies nicht der ganze Domian sein kann – und darauf hat es Birgit Schulz wohl auch nicht abgesehen. Sie will gar nicht so viel von ihm wissen, sie will ihm gar nicht auf die Spur kommen. Sie will ihn darstellen. Und so wie die Sache liegt, die Lappland-Szenerien zeigen es, handelt es sich vorrangig um Selbstdarstellung. Da sitzt man dann am Ende davor und hat ein sehr glattes Bild gesehen. Der Film folgt ausschließlich den Lesarten seines Protagonisten, er sucht keinerlei Perspektivwechsel, einen Blick von außen, einen Blick durch andere. Wir haben hier einen Mann, der als mediale Figur große Verantwortung übernommen hat, aber er verschmilzt in diesem Film mit seiner medialen Rolle, unhinterfragt, ob es da nicht auch Grenzüberschreitungen gäbe, bei Anrufern oder auch bei ihm, kaum eine Selbstreflexion über die Radioarbeit, auch wie sie sich entwickelt hat.

Eine Hommage also, was natürlich auch ein legitimer Zugang ist, aber gerade bei einer Figur wie Jürgen Domian in der Distanzlosigkeit leider zu kurz gegriffen. Wer einen Blick auf einen Menschen erwartet hat in seiner Widersprüchlichkeit, in seinen hellen und dunklen Seiten, in den Erkenntnissen, den Zweifeln und den unbeantworteten Fragen, der wird in diesem Film nicht bedient. Schade.

In seiner fehlenden Distanzierung gleicht der Film freilich auch anderen Arbeiten über vor allem prominente Protagonisten. Etwa „Malala“ von Davis Guggenheim. Wir haben letzte Woche aus einem Interview zitiert, in dem der Autor argumentiert, Distanz sei etwas für Journalisten, nicht für Dokumentaristen. Kann man drüber diskutieren. „Domian“ scheint mir eher der Beleg dafür zu sein, dass er nicht recht hat.
http://www.domian-der-film.de,

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