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„Die Hälfte der Stadt“. Von Pawel Siczek

Regisseur Pawel Siczek zu den Recherchen für das Projekt DIE HÄLFTE DER STADT

Die größte Herausforderung der Recherchen zu „Die Hälfte der Stadt“ war das schwarze Loch, vor dem ich zu Beginn stand: von den Menschen, von denen ich erzählen wollte, gab es nicht mal ein Grab. Einige von Ihnen waren völlig unbekannt, sie waren abgetaucht im Sog des Vergessens – ihre Gesichter und Namen waren ausradiert.
Meine Szenerie war die provinzielle, dörfliche Landschaft, aus der meine Familie stammt, ein Gebiet entlang der Weichsel etwa 100 km südöstlich von Warschau. Doch hier gab es aus der Zeit vor und während des 2. Weltkriegs keine Filmaufnahmen und nur sehr wenige Fotografien. Auch schriftliche Dokumente – Chroniken, Berichte, Tagebucheinträge – waren rar. Das Gebiet war vom herrschaftlichen Standpunkt aus gesehen zu randständig und zu unbedeutend, als dass Chronisten oder Archivare tätig geworden wären – egal ob unter russischer, österreichischer, polnischer oder deutscher Herrschaft. Dennoch war die Verwüstung hier nicht kleiner als in den Metropolen, als in den weltbekannten Orten der Vernichtung. Die jüdische Bevölkerung war nahezu vollständig in Arbeits-, Konzentrations- oder Vernichtungslagern umgebracht worden. Die Polen waren zu Sklaven degradiert, ihre Anführer deportiert und zu Hunderten hingerichtet worden. Die Synagoge und das Stadtschloss samt ihren regionalen Archiven – Beständen der kollektiven Erinnerung – waren niedergebrannt worden. Die alteingesessene deutsche Bevölkerung der Region war vor der anrückenden Roten Armee geflohen, ihre zurückgelassenen Habseligkeiten waren geplündert und verwüstet worden.

Insofern grenzt es an ein Wunder, dass die Portraits aus Chaim Bermans Atelier als filigrane Glasnegative erhalten geblieben sind. Wir verdanken dies Saturnin Mlastek, der die Glasplatten im feuchten Keller vorgefunden, über Jahrzehnte auf seinem trockenen Dachboden gelagert und so vor der Zerstörung bewahrt hat. Die Gesichter auf diesen Portraits – ihre Lebendigkeit, die zu mir vorrückte, als würden diese Menschen im gleichen Moment und in derselben Straße leben, waren der Ausgangspunkt für meine Arbeit. Ich begann zu forschen. Ich wollte erfahren, wer diese Bilder gemacht und in welcher Welt dieser Fotograf gelebt hat – und ich wollte diese Welt der Menschen auf den Bildern kennen lernen. Denn diese Menschen schienen mir so nah, so alltäglich, und gleichzeitig waren sie Wesen einer anderen, nahezu vergessenen Epoche: Bürger eines Polens, das heute unwahrscheinlich erscheint: Ein Kosmos voll unterschiedlicher Sprachen, Religionen und Lebensweisen, der über Jahrhunderte den Alltag von Polen bildete und heute so unendlich fern und unwiederbringlich vergangen scheint.

Immer wieder reiste ich nach Kozienice, der Heimatgemeinde des Fotografen Chaim Berman, das Städtchen, in dem er geboren wurde und den größten Teil seines Lebens verbrachte. Ich suchte die wenigen schriftlichen Dokumente zusammen: Tagebücher von Lehrern, Aufzeichnungen der überlebenden jüdischen Bürger, die Chronik des evangelischen Pfarrers, diverse Briefe, Dokumente von kirchlichen und staatlichen Stellen, lokal veröffentlichte Erinnerungen alter polnischer Einwohner, Arbeiten lokaler Historiker – ich durchforstete die regionalen Museen, Bibliotheken und Archive.
Parallel dazu traf ich nach und nach die Zeitzeugen. Manche von ihnen waren beinahe hundert Jahre alt, sie hatten die Zeit vor dem 2. Weltkrieg als erwachsene Menschen erlebt; andere waren etwas jünger und hatten die Jahre vor und während des Krieges als Kinder oder Jugendliche erfahren. Die Polen unter ihnen lebten noch in der Region von Kozienice, die Juden und Deutschen waren längst emigriert – nach Amerika, Deutschland oder in die Schweiz.

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