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Highlights: Komplexe Welt. Maidan, Globalisierung und Fifi

Komplexität ist ein wichtiges Thema für den Dokumentarfilm. Welche Erzählmittel braucht man heute, um Welt zu erfassen? Welche Dramaturgien? Wie erfasst man im Film, diesem konkreten Bildermedium, Strukturen? Wie verhindert man, dass die Historie sich im Dokumentarischen in Stories auflöst? Einige Filme in dieser Woche geben Anlass, darüber nachzudenken.„Maidan“ von Sergej Loznitza ist ein Film, der sowohl extrem reduziert und zugleich sehr vielschichtig ist. Keine Interviews, keine Einzelpersonen, starre Einstellungen, Tableaus, vordergründig fast naturalistisch. Oder doch abstrakt? Folgendes sagte der Regisseur in einem Interview auf die Frage, ob es nicht einfacher sei, einer Figur zu folgen?: „Das glauben wir nur, weil die Filmgeschichte das so vorgibt. Wir sind es gewohnt, im Kino wie ein Küken der Henne hinterherzulaufen beziehungsweise dem Helden oder der Heldin. Vergiss diese Henne. Du bist als Zuschauer selber die Henne, der Hahn und Gott! Du musst nur der Linie folgen, die ich als Filmemacher gezeichnet habe. Das ist wie bei einer Schnitzeljagd. Mich interessiert es, diese Fährten zu legen. Ich denke auch, dass das Kino sich in diese Richtung entwickelt. Es gibt genug alte, langweilige Geschichten über Helden. Es ist Zeit für komplexere Erzählungen.“ Hier die Kritik zum Film.

Auf Interviews verzichtet auch die Regisseurin Marie Wilke in ihrem Film „Staatsdiener“. Es kommt ihr darauf an, die Strukturen dieser gesellschaftlichen Institution Polizei nicht in individuellen Geschichten auflösen zu lassen und die Zuschauer auch nicht zur einfachen Identifikation einzuladen. Der Film ist seit voriger Woche in den Kinos, hier die Kritik.

Das Thema „Komplexität“ greift auch explizit Hannes Lang in seinem Film über die Globalisierung auf, „I Want to See the Manager“. Sieben Schauplätze in der Welt, sieben Lebenslagen, sieben unterschiedliche Produktionsverhältnisse, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die Autoren sagen in einem Statement zu ihrem Film, es sei „ein Film über die sogenannte Komplexität der Welt. Mumbai, Uyuni,Peking, Detroit, Pompeji, Chiang Mai und Caracas – Wie hängen diese Orte zusammen? Was lässt sich durch ein kombiniertes Erfahren dieser Orte darstellen? Kann ein Film die ganze Welt erzählen? Und welche Erkenntnisse soll ein solches Vorhaben generieren?“ Sie beschließen ihr Statement allerdings mit der überraschenden Volte, das sei auch ein Film, „der sich weigert, das Diktat der Kompliziertheit anzuerkennen. Den Manager wird man wohl nie zu Gesicht bekommen, weil es ihn nicht gibt. Was es aber auch nicht gibt, ist ein überkompliziertes Chaos, aus dem sich kein Sinn stiften lässt“. Hier die Kritik zum Film.

Und ganz so leicht mit der Erzählform macht es sich auch die iranische Regisseurin Mitra Farahani in ihrem Porträt des iranischen Malers Bahram Mohassas nicht, denn der versteht sich als Co-Autor – und so ist der Film auch eine Art Doppelporträt geworden. Arte holt den mehrfach preisgekrönten Film über einen spannenden und verkannten Künstler ins Programm (Mo 07.09.2015, 23.35 Uhr). Hier die Kritik.

Aus den Wiederholungsschleifen des Fernsehens herausgefischt und unbedingt sehenswert der Film über die Black-Power-Bewegung. In den 70er Jahren fuhren schwedische Journalisten in die USA, um über Hintergründe der farbigen Bürgerrechtsbewegung zu recherchieren. Sie sprachen mit allen wichtigen Persönlichkeiten, mit Stokeley Camichael und Angela Davis, mit Bobby Seale und Eldridge Cleaver. Dann verschwand das Material für lange Zeit im Archiv des Schwedischen Fernsehens. Mehr als dreißig Jahre später hob der schwedische Regisseur Göran Olsson diesen Schatz und machte ihn in „The Black Power Mixtape 1967 – 1975“ zugänglich. Die Protagonisten von damals kommentieren selbst die Interviews und die Ereignisse. Vor allem interessant sind die originalen Interviews. Etwa eines mit Angela Davis, die damals im Gefängnis saß und eine glänzende und von kalter Wut gezeichnete Analyse der Gewaltfrage liefert, wie Black Power sie sich stellte. Ein großartiges Dokument der Black Power Bewegung, ausgestrahlt leider nur in der verkürzten 60-Minuten-Fassung. „Das Black Power Mixtape 1967-1972“. Von Göram Olsson, USA / SWE / NOR 2011. Arte, Sa 12.09.2015, 01.30-02.30 Uhr.

Und, leider auch in der verkürzten Fassung, einer der wichtigsten Filme zur Griechenlandkrise: „Die Spur der Troika. Macht ohne Kontrolle“ Von Harald Schumann. Phoenix, Do 10.09.2015, 00.45-01.30 Uhr. Hier die Kritik. Dafür gibt es den „Versicherungsvertreter 2“ von Klaus Stern in der vom Autor selbst favorisierten längeren, weil komplexeren Fassung. (NDR, Mo 07.09.2015, 23.15 Uhr). Hier die Kritik.

Außerdem, wie fast immer in den vergangenen Wochen, gibt es wieder eine Reihe interessanter Musikdokumentarfilme und Musikdokumentationen – alle schön lang, damit der Aufwand an Nostalgie sich auch rechnet. Dazu gehört unbedingt “Woodstock. 3 Days of Peace and Music” von Michael Wadleigh. 50.000 waren erwartet worden, nahezu eine halbe Million Menschen kamen zu diesem legendären Konzert im August 1969, u.a. unvergesslich dort die Auftritte von Jimi Hendrix, Joe Cocker, Janis Joplin. ARTE, Di 08.09.2015, 00.05-03.40 Uhr. Dann, in diesen Wochen schon mehrfach im Programm, Martin Scorseses Film über den jungen Bob Dylan, „No direction Home“ von 2005, diesmal im BR, Di 08.09.2015, 22.55-02.20 Uhr. Eher schwächlich dagegen „Im Vorzimmer der Beatles – Ich war die Sekretärin der berühmtesten Band der Welt“ und viel mehr erfährt man daraus auch nicht (SWR, Mi 09.09.2015m 23.25-00.45 Uhr). Dann aber wieder, sehr vielversprechend, Alex Gibneys Porträt des Godfather of Soul, „Mr. Dynamite: The Rise of James Brown“. ARTE, Sa, 12.09.2015, 21.45-23.40 Uhr

 

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