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Highlights: Friedland, Afghanistan, Irak,

Wegen Arbeitsüberlastung eine etwas schmalere Auswahl in dieser Woche. Wolfsiehtfern wird nach Möglichkeit noch Hinweise nachtragen. Erkennbar wird: in den kommenden Wochen wird uns auch im Dokumentarfilm das Thema Flüchtlinge mehrfach beschäftigen.

Auf hundertfache Weise haben in den letzten Monaten die meisten elektronischen Medien die Große Flucht, die mit ihrem klaren Impuls und Ziel ja ein großer gesellschaftlicher Vereinfacher ist, in Einzelschicksale übersetzt, differenziert und individualisiert und damit Beachtliches geleistet. Die Kenntnis vieler dieser individuellen Geschichten macht es nämlich schwerer, zu abstrahieren oder wegzusehen und in großem Maßstab an Abschieben und Zurückweisen zu denken. Hilfe durch die Zivilgesellschaft war die adäquate Antwort vieler Medien, vorbei an Konzepten und Politiken. Sie haben damit eine öffentliche Stimmung der Empathie aufgebaut, die die Politik nicht ignorieren konnte.

Das gilt auch für das Genre des Dokumentarfilms. Dokumentaristen, an Nachhaltigkeit und Welthaltigkeit interessiert, haben schon früh Geschichten aus den europäischen Flüchtlingsdramen aufgegriffen, da war die Politik noch mit Ignorieren und Abgrenzung beschäftigt. Jetzt sind die Filme da und sie können uns diese Geschichten erzählen.

Den Auftakt macht „Friedland“ von Frauke Sandig. Sie erzählt vom ersten Durchgangslager in Deutschland, das, 1945 gegründet, schon viele Generationen von Flüchtlingen erlebt hat, von Menschen, die aus verschiedensten Gründen ihre Heimat verlassen mussten. Was lässt sich vergleichen, wie ist die Situation heute? (NDR 21.09.2015, 23.15-00.40). Hier die Kritik.

Unter den Flüchtlingen sind auch viele Menschen aus Afghanistan. Die politische Lage dort ist weitgehend aus dem Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden. Der Journalist Jan Dimog, mehrere Jahre lang dort als Redakteur im Medienprogramm der Isaf tätig, ist wieder hingefahren, um Freunde zu besuchen und etwas über die Lage zu erfahren. „Countdown Afghanistan“ ist der Titel seines Films und optimistisch klingt das gerade nicht. Der Film porträtiert einige sehr eindrucksvolle Persönlichkeiten. Ein Ehepaar aus Herat, das vor einigen Jahren eine von den USA finanzierte Privatschule gegründet hat, in der auch Mädchen eine gleichrangige Ausbildung bekommen. Die einzige Oberstaatsanwältin, die in Herat ihrer Arbeit für Frauenrechte und Demokratie nur unter scharfem Polizeischutz nachgehen kann. Der junge Chefredakteur des Nachrichtensenders TOLOnews, der trotz Einschüchterung weiterarbeitet und überzeugt ist, dass in der afghanischen Gesellschaft die Taliban nicht mehr an die Macht zurückkommen werden. So ganz scheint der Autor diesen Optimismus nicht zu teilen. Sein nachdenklicher Film liefert einen interessanten Blick in ein Land, das politisch und gesellschaftlich immer noch in so schwieriger Lage ist, dass viele es verlassen – und einige bewusst bleiben, um an der gesellschaftlichen Entwicklung mitzuarbeiten. (Arte, 22.09.2015, 23.45 – 00.45)

Der WDR hebt noch einmal ins Programm „Das Golddorf“ von Caroline Genreith. Ins Dorf Bergen am Chiemsee ziehen plötzlich 50 Flüchtlinge aus Afghanistan, Irak, Syrien. Die Weltpolitik trifft in die Idylle. Die Autoren begleitet einige Flüchtlinge in ihrem Alltag, beobachtet vorsichtige Annäherungen und ist mir der Kamera auch beim Schuhplatteln im Gemeindsaal dabei, was nicht nur den Flüchtlingen ziemlich fremd vorkommt. (WDR, 24.09.201, 23.15-00.30). Der Film „Willkommen auf Deutsch“ von Carsten Rau und Hauke Wendler , der etwas Ähnliches in einem Dorf im Norden Deutschlands zu beobachten weiß, lief schon in einigen Sendern und wird wohl noch einige Male laufen. Diesmal im NDR am 06.10. um, 00.00 Uhr und im SWR am 07.10.2015 um 23.25 Uhr. Hier die Kritik.

Bei dieser Gelegenheit muss man mal wieder erwähnen, dass die Sender, auch Arte, wichtige Filme so spät platzieren, dass sie viele potentielle Zuschauer nicht erreichen. Umso wichtiger, dass die Filme sich herumsprechen – also weitersagen, weitersagen, weitersagen.

Die Flüchtlingskrise in großem Maßstab behandelt „The Iraqi Odyssee“ des schweizer Regisseurs Samir, der aus einer irakischen Familie stammt. Sein dreistündiges Opus magnum erzählt die Geschichte seiner eigenen Familie und es ist die Geschichte einer schon lange anhaltenden Migration aus dem Irak. Inzwischen leben wie Samirs Familie vier Millionen Iraker, vor allem aus dem Mittelstand, in der ganzen Welt verstreut. Es handelt sich um eine globale Geschichte, in der auch die globale elektronische Kommunikation eine wichtige Rolle spielt. Die verschiedenen Materialien und Informationen versucht der Regisseur in seinem Film zu staffeln, setzt auch 3 D ein. In die deutschen Kinos kommt leider nur eine verkürzte Fassung in 2 D. Zum Film hat Samir auch ein Online-Projekt aufgesetzt, www.iraqiodyssey.com, das den Film nicht nur begleitet, sondern eigenständig agiert, Materialien aus der irakischen Emigration sammelt und damit die Geschichte des Landes weiterschreibt. Wolfsiehtfern wird den Film demnächst genauer vorstellen.

Seit voriger Woche im Kino „How to Change the World“, ein Film von Greenpeace über Greenpeace. Hier noch mal der Hinweis und die Kritik. Den fabelhaften „Tableau noir“ gibt es auch noch in der Mediathek, hier die Kritik. Und dann wie immer: Was sonst noch im Fernsehen läuft.

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