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„Georg Kreisler gibt es gar nicht“ von Dominik Wessely

„Eine Verbeugung“ nennt Dominik Wessely seinen Film über den Dichter, Satiriker und Schauspieler Georg Kreisler, der aus unerfindlichen Gründen als „lustiger Künstler“ gilt. Thomas Gehringer über die Hommage an einen großen und hintergründigen Künstler. Arte, So 06.09.2015, 23.15-00.05 Uhr Die Welt des Georg Kreisler ist voll von sonderbaren Figuren. Da ist zum Beispiel der Kellner im Hotel zur Goldenen Traube, der von blutrünstigen Träumen heimgesucht wird. „Ich bringe dem Herrn Staatsanwalt / Sein Erdbeereis mit Früchten. / Und wenn dann dieser Nimmersatt / Im Schlund mein Messer hat / Und mit der Nase in den Früchten ruht / Dann geht’s mir gut.“ Bestens gelaunt legt auch der namenlose Frauenmörder in Kreislers Lied „Bidla Buh“ ein umfangreiches Geständnis ab. Adelheid, Opfer Nummer drei von stolzen 14, wird in die Donau geworfen. „Gleich nach Dürrenstein, niemand hat’s gesehen. / Und auch sie wird mir verzeihn, denn grad bei Dürrenstein / Ist die Donau doch so wunderschön.“ Hier wäre vielleicht die richtige Stelle für ein reizendes Frühlingslied: „Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau / Geh’n wir Tauben vergiften im Park.“ Leichte, fröhliche Melodien tragen die Texte über alle Abgründe hinweg, was Kreislers Kunst erst recht böse – und einzigartig – erscheinen lässt.
Dass Kreisler ein „lustiger Künstler“ gewesen sei, bezeichnet die Wiener Schriftstellerin Eva Menasse als ein Missverständnis. Seine Lieder erzählten davon, „dass es eigentlich ganz furchtbar ist auf der Welt“, und sie seien so verpackt, „dass man es gerade noch aushalten kann“, sagt Menasse in der Arte-Doku „Georg Kreisler gibt es gar nicht“, eine Anspielung auf ein Zitat des Kritikers Hans Weigel. Film-Autor Dominik Wessely erinnert mit seinem wohlwollenden Film (Untertitel: „Eine Verbeugung“) an das Leben des 1938 aus Österreich vertriebenen Dichters und Komponisten – ohne das geplante Interview mit Kreisler selbst, der im November 2011 unerwartet gestorben war. Seine Witwe, Barbara Kreisler-Peters, kommt jedoch ebenso zu Wort wie Kreisler-Fan Konstantin Wecker und Schriftsteller Daniel Kehlmann, dessen Vater zeitweise neben Kreisler im Wien der 1950er Jahre auf der Kabarettbühne stand.
Was Wesselys Hommage an den Wort-Akrobaten bemerkenswert macht, sind die kurzen Filme, mit denen 15 junge Regisseurinnen und Regisseure 15 Lieder Kreislers inszeniert haben – mal mehr, mal weniger originell. In der Doku sind Ausschnitte von einer Auswahl zu sehen, darunter animierte Stücke zu „Bidlah Buh“ und der „Telefonbuchpolka“. Wessely selbst hat die Kellner-Fantasie „Dann geht’s mir gut“ in Szene gesetzt, und lässt den Horror dabei im Kopf des Betrachters entstehen. Ebenso wie Katharina Köster in ihrer Inszenierung des Taubenvergiftens ganz ohne tote Tauben auskommt.
Kreislers bekanntestes Lied über den makabren Frühlings-Feldzug eines Liebespaares durfte Ende der 1950er Jahre eine Weile nicht im österreichischen Rundfunk gespielt werden. Zu anspielungsreich erschien die Sache mit dem Vergiften, knapp 15 Jahre nach dem Holocaust. 1955 war der Jude Kreisler, der 1938 im Alter von 16 Jahren aus Wien in die USA fliehen musste, wieder zurückgekehrt. In seinem Lied „Weg zur Arbeit“ begegnet er all den zu Demokraten gewendeten SS-Schergen, „Heil Hitler“-Brüllern und Bücherverbrennern – ungemütliche Wahrheiten in gemütlicher Tonlage. Dazu sehen wir in der surrealistischen Inszenierung von Florian Wehking, wie einer jungen Frau beim Schminken ein hässlicher Pickel auf der Stirn wächst, der sich einfach nicht entfernen oder mit Make-up übertünchen lässt.
„Georg Kreisler gibt es gar nicht. Eine Verbeugung“. Arte, So 06.09.2015, 23.15-00.05 Uhr

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