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Preise, Whistleblower und Göker zum Zweiten

Zwei Whistleblower kommen in dieser Woche zu dokumentarischen Ehren. „Citizen four“, der Film über Edward Snowdon bekam den deutschen Filmpreis und mit „Falciani“ lernen wir den Whistleblower für die Finanzbehörden kennen. Und Mehmet Göker, sozusagen ein Whistleblower in eigener Sache, ist auch wieder da.

Gleich zwei Preisverleihungen lenken Aufmerksamkeit auf den Dokumentarfilm. Den deutschen Filmpreis für Dokumentarfilm bekam „Citizen four“ von Laura Poitras, über die Tage, in denen Edward Snowdon in Hongkong die Daten über die NSA veröffentlichten. Hier die Kritik zum Film. Und in Ludwigsburg wurde der Deutsche Dokumentarfilmpreis bekannt gegeben, der alle zwei Jahre veröffentlicht wurde. Er ging an Michael Obert und seinen Film „Song from the forest“ – auch hier die Kritik zum Film.

Hervé Falciani ist ein französisch-italienischer Informatiker. Er arbeitete bei der Genfer HSBC Bank, einer Tochter der britischen HSBC-Bank. Er wurde zum Whistleblower der Finanzbranche, stahl 2008 Unmengen von Kundendaten und übergab den Finanzbehörden verschiedener Länder fünf Daten-CD’s mit den Namen tausender Steuerhinterzieher. Die Operation bekam den Namen Swissleaks und führte gradlinig zum Tod eines der Schweizer Heiligen Kühe, dem Bankgeheimnis. In „Falciani und der Bankenskandal“ erzählt Ben Lewis die Geschichte dieses Mannes und den Thriller um die Bankdaten. Da kann selbst Peer Steinbrück zu großer Form auflaufen. Sichtbar wird auch die widersprüchliche Persönlichkeit dieses Whistleblowers, der vor allem im Sinn hatte, mit den Daten Geld zu machen und sich für die Finanzbehörden erst entschied, als dort die Aussichtung auf Millionen groß wurden. Ein spannender Film, der übersichtlich und konkret den Skandal nachzeichnet, der dene beteiligten Banken Milliarden an Bußgeldern eintrug. Die meisten Filme über Wirtschafts- und Finanzthemen leiden am abstrakten Gegenstand und an massiver Bildernot. So auch dieser Film, den man über weite Strecken auch gut als Hörspiel hören könnte. Arte zeigt den Film am Di 23.06.2015 um 20.15 Uhr, also zu bester Sendezeit. Die ARD folgt in der kommenden Woche.

Klaus Stern hat vor drei Jahren mit „Versicherungsvertreter“ einen dokumentarischen Coup gelandet. Er erzählte darin die Geschichte von Mehmet Göker, der eine Zeit lang der größte Versicherungsmakler Deutschlands war, dann von den Finanzbehörden ins Visier genommen und sich mit massiven Schulden in Millionenhöhe vor dem Staatsanwalt in die Türkei in Sicherheit gebracht hat. Abgeschreckt hat ihn die drohende Verurteilung nicht und Klaus Stern hat nun mit „Versicherungsvertreter 2“ den Fall filmisch weitergeschrieben. WDR (25.06.2015, 22.30 Uhr) und SWR (01.07.2015, 20.15 Uhr; danach gleich noch „Versicherungsvertreter 1) zeigen davon nur eine verkürzte Version. Die lange Fassung kommt erst in die Kinos und erst im Herbst auf den Bildschirm. Barbara Sichtermann hat den Film in der langen Fassung gesehen und schreibt exklusiv für „wolfsiehtfern“. Hier die Kritik.

In den Wiederholungsschleifen der öffentlich-rechtlichen Sender liegen in dieser Woche eine ganze Reihe interessanter Arbeiten.

Fatih Akin dreht nicht nur Spielfilme, sondern auch Dokumentarfilme. „Müll im Garten Eden“ spielt in Camburnu, dem Heimatdorf der Großeltern des Filmemachers. Als er dort für seinen Spielfilm „Auf der anderen Seite“ drehte, erfuhr er auch von der Mülldeponie, die im dem Dorf am Schwarzen Meer angelegt wurde und sich zu einer Umweltkatastrophe auswuchs. David gegen Goliath – ein kleines Dorf kämpft gegen Bürokratie, Ignoranz, Korruption. Fatih Akin hat einen klassischen Dokumentarfilm gedreht, ohne Kommentar, mit Interviews und einem starken und in schwelgerischen Bildern zelebrierten Sinn für die Schönheit der Landschaft, die hier zugrundegerichtet wird. Aber auch mit einer parteilichen Kamera, mittendrin in den Konflikten, etwa in einer zentralen Szene, in der die Einwohner des Dorfes einige der Verantwortlichen stellen und in eine harte Auseinandersetzung zwingen – ein Film also auch über Zivilcourage und das diesmal nicht vom Tahsin, sondern aus der türkischen Provinz.(Eins Festival, Mi 24.06.20155, 20.15 – 21.50 Uhr)

ARD-Alpha macht noch einmal den ganzen Langzeitdokumentarfilm „Die Kinder von Golzow“ zugänglich, die den Alltag einer ganzen Generation von DDR-Bürgern erzählt, in insgesamt 19 Filmen – ein einzigartiges Filmprojekt. (ARD-Alpha.Sa 26.06.2015, 2015.-22.25 Uhr). In „Halbmondwahrheiten“ nähert sich Bettina Blümner den türkischen Vätern, von denen man sagt, sie würden selbst in Härtefallen den Mund nicht aufkriegen. Hier schon (BR, Di 23.06.2015, 23.15-00.45 Uhr). Und hier die Kritik dazu.

Sehr viele Dokumentarfilme befassen sich mit internationalen Themen. Wie etwa „Der Chefankläger“, in dem Marcus Vetter den ehemaligen Chef des Internationalen Strafgerichts porträtiert und wie in einem Courtroom-Drama präsentiert (HR 28.06.2015, 01.00 -02.45 Uhr). In „Kampf um Tibet“ führen Thomas Weidenbach und Shi Ming den chinesisch-tibetischen Konflikt auf seinen rationalen Kern, die Ökonomie, zurück. Leider bekommen wir im WDR auch wieder nur die kurze Version zu sehen. (WDR. Fr 26.06.2015, 23.10-00.00 Uhr). Hier die Kritik der Langfassung. Und die sechs israelischen Geheimdienstchefs sind in „Töte zuerst“ auch noch im Programm zu sehen, wenn auch jetzt schon in die Nacht verrutscht (Arte, Fr 26.06.2015, 02.05 – 03.40 Uhr) Hier die Kritik von Thomas Gehringer. Und einen Blick in die Geschichte wirft Raymond Ley in „Nanking 1937 – Tagebuch eines Massakers“. Der Film erzählt die Geschichte des Hamburgers Max Rabe, der als der chinesische Schindler bekannt geworden ist, weil er durch Zivilcourage und Menschlichkeit 250.000 Menschen das Leben rettete. (WDR, Fr 26.06.2015, 00.00 – 01.00 Uhr). Hier die Kritik

Redlich im Lande dagegen bleiben die Filme „Sauacker“ von Tobias Müller, der vom Generationenkonflikt auf einem schwäbischen Bauernhof erzählt (Eins Plus,So 28.12.2015, 20.15 – 21.35 Uhr. Hier die Kritik. EinsFestival hat nochmal die „Generation Waldsterben“ von Rein hard Kungel im Visier, hier die Kritik von Thomas Gehringer.

Und, last but noch least, erinnern wir an Klaus Wildenhahn, der am 19. Juni seinen 85. Geburtstag feierte, wünschen nochmal alles Gute und fordern auf, die beiden Filme anzuschauen,m „Ostende, 3 Uhr nachmittags“ von Quinka F.Stöhr über Klaus Wildenhahn und „Ein kleiner Film über Bonn“ von ihm. Beide stehen noch bei ZDF Kultur in der Mediathek. Hier und hier.

Und was hier noch fehlt, findet sich in der Rubrik „Was sonst noch läuft“. Diese Einstufung enthält keinerlei Wertung, sondern ist lediglich Ausdruck der knappen zeitlichen und finanziellen Ressourcen des kleinen Dokumentarfilmbauchladens von wolfsiehtfern.

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