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„Nanking 1937 – Tagebuch eines Massakers. Die Geschichte des Hamburgers John Rabe.“ Von Raymond Ley

Er galt als der Schindler von China. 1937 hat er in Nanjing durch sein couragiertes Auf-treten 250.000 Menschen das Leben gerettet. Diese Geschichte wurde im Fernsehfilm „John Rabe“ erzählt – übrigens mit wenig Erfolg an der Kinokasse. Über John Rabe gibt es aber auch einen Dokumentarfilm (mit inszenatorischen Elementen) von Raymond Ley. Jetzt ist er im WDR noch einmal zu sehen (WDR, Fr 26.06.2015, 00.00 Uhr)

Das Haus des Hamburger Kaufmanns John Rabe in Nanking steht noch. Auch der Garten, in dem er 1937 mehr als 600 chinesische Flüchtlinge untergebracht hatte, ist noch da. Das Anwesen wurde 2006 renoviert, die Universität von Nanking errichtete dort eine Ge-denkstätte und das „Rabe-Forschungszentrum für die Friedens- und Konfliktlösung“. In China ist John Rabe in Held. In Deutschland ist er weitgehend unbekannt. Man weiß erst etwas mehr, seit 1997 der Diplomat und Schriftteller Erwin Wickert Rabes Tagebücher herausgab.
„Nanking 1937 – Tagebuch eines Massakers“ ist der Titel des Dokumentarfilms, in dem Raymond Ley die grausamen Ereignisse von 1938 rekonstruiert. Die japanischen Besat-zungstruppen wüteten in der Stadt „wie die Tiere“, wie sich ein japanischer Soldat erin-nerte, 300.000 Menschen sind ihnen zum Opfer gefallen. Ausländische Geschäftsleute, Ärzte, Journalisten gründeten das „Internationales Komitee für die Sicherheit von Nanking“ und richteten eine vier Quadratkilometer große Schutzzone für Zivilisten ein – das hat 250.000 Menschen das Leben gerettet. John Rabe war Vorsitzender des Komitees. Er war NSDAP-Mitglied und da traute man ihm noch am ehesten zu, die japanische Terrorpolitik beeinflussen zu können. Rabe war Repräsentant von Siemens in Nanking und offenbar selbst der Auffassung, er könne Hitler persönlich dazu bewegen, das Massaker zu stoppen. In seinem Garten spannte er eine riesige Hakenkreuzfahne, um japanische Flieger vom Bombardement abzuhalten – es funktionierte. Die unter der Fahne schliefen, hatten den sichersten Platz. Als Rabe 1938 von Siemens nach Deutschland zurückgerufen wurde, hielt er Vorträge, das brachte ihm aber gleich Gestapo-Verhöre ein. Er durfte nicht über seine Erfahrungen in Nanking sprechen. Nach dem Krieg verarmte Rabe, Siemens beschäftigte ihn nicht mehr, China zahlte ihm eine kleine Rente.
Ein interessanter Stoff (der eben auch als Fernsehfilm mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle abgedreht wurde), und eine doppelte Rekonstruktion: der politischen Ereignisse wie der Biographie Rabes. Der Autor bewältigt diese Aufgabe glänzend. Er hat gutes dokumenta-risches Material zu Verfügung, Rabes penible Tagebücher natürlich, aber auch Schmalfilme eines amerikanischen Pastors und Arztes. Ley arbeitet mit einer kleinen Anzahl von Augenzeugen. Einige Überlebende aus Rabes Garten sprechen über ihr erschütterndes Schicksal, ihre Erinnerungen lassen die ungeheure Grausamkeit der japanischen Besatzer noch einmal sichtbar werden. Drei ehemalige japanische Soldaten schildern das Geschehen aus ihrer Sicht, zwischen beschämte Reue mischen sich aber auch noch Spuren dieses japanischen Herrenmenschentums und man merkt, die Geschichte dieses Vernich-tungsfeldzugs ist nicht aufgearbeitet, sondern weitgehend verschwiegen worden.
Raymond Ley hält sich präzise an die Fakten und an die Chronologie. Dabei ist sein Film ungewöhnlich gut erzählt. Der Autor arbeitet sparsam mit szenischer Rekonstruktion, kommt aber weitgehend ohne pseudodokumentarische Bilder aus. Das dokumentarische Material behält sein Eigenleben und wird nicht als Tapete unter einem dominierenden Kommentar versendet. Bilder aus dem heutigen Nanking, entlang der historischen Schauplätze, ziehen die Linie zur Gegenwart. Mit assoziativen Bildern schafft der Regisseur einen erzählerischen Raum, der diese Geschichte zugleich auch noch überhöht. Immer wieder schneidet er kurze Sequenzen mit chinesischen Kindern von heute dazwischen. Sie stehen geradeaus vor der Kamera, wie von August Sander fotografiert. Sie sind heute so alt wie die Überlebenden von damals und sie scheinen vorwurfsvoll die Fragen aus der Gegenwart an diese Historie zu richten.
All diese verschiedenen Erzählebenen führt Ley sehr konzentriert und elegant zusammen. Bei aller Rekonstruktion ist diese Erzählform dynamisch und auch spannend, ohne die Historie an den Effekt zu verraten. Wie gut er diese Erzähltechniken beherrscht, hatte Raymond Ley mit der Rekonstruktion des ICE-Unglücks von Eschede bewiesen. Auf dem Übergangsterrain zwischen Dokumentation und Fiktion, zwischen Dokudrama und doku-mentarischer Rekonstruktion ist er gegenwärtig der Regisseur, der die interessantesten Lösungen anzubieten hat.

„„Nanking 1937 – Tagebuch eines Massakers. Die Geschichte des Hamburgers John Ra-be.“ Von Raymond Ley. WDR, Fr 26.06.2015, 00.00 – 01.00 Uhr

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