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Highlights: Wildenhahn, Flüchtlinge, Atheisten

Klaus Wildenhahn hat Geburtstag und, siehe da, es gibt noch einen Sender, dem dazu was einfällt. Und immer häufiger kann man beobachten, dass jedenfalls die kleineren Sender so etwas wie Themenabende produzieren, in dieser Woche ZDF-Kultur, Phoenix, 3Sat. Und irgendwo am Rande auch Begegnungen mit drei Altvorderen: Wildenhahn, Fechner, Grabe. Klaus Wildenhahn wird 85, kaum zu glauben. Er ist bis zur Jahrtausendwende einer der einflussreichsten Dokumentaristen gewesen, streitbar und feinfühlig, ein origineller Denker, Optimist und Skeptiker in einem. Er hat das „direct cinema“ in die deutsche Filmkultur eingeführt. Heute würde man ihn im Mediengetümmel kaum noch hören, weil er als Filmemacher einer der Leisen war, einer der Nachdenklichen. Man würde ihn auch im Ich-Getümmel der Reporter auf dem Bildschirm kaum noch sehen, weil er, selbst wenn er Ich sagte, dabei bescheiden im Hintergrund blieb, nicht sich für das Wichtigste haltend, sondern den Gedanken und das Bild, das Offene und das Unfertige. Generationen von Dokumentaristen haben bei und an ihm gelernt und sei es im Widerspruch. Wenigstens (und man muss schon sagen: wenigstens, weil selbst das im geschichtsvergessenen Medium nicht mehr selbstverständlich ist), also wenigstens ZDF-Kultur brachte es zustande, ihn mit der Wiederaufführung zweier Filme zu ehren. Mit „Ein kleiner Film für Bonn“, seiner letzten Filmarbeit. Und einem sehr schönen Porträt „Ostende, 3 Uhr nachmittags“  von Quinka F. Stöhr. ZDF Kultur, Di 16.06. 20.15 und 21.15 Uhr. Hier und hier die Kritiken.

Auf „Leaving Greece“ sei hier noch einmal gesondert hingewiesen. Anna Brass erzählt die Geschichte von drei Flüchtlingen aus Afghanistan und ihrem langen, mühevollen und gefährlichen Weg nach Europa. Sie hat die drei Jungen über zwei Jahre lang begleitet. Hier die Kritik. Phoenix, Sa 20.06.2015, 22.30 Uhr. Phoenix macht daraus einen kleinen Themenabend, nach dem aktuellen Flüchtlingsdrama zeigt sie einen Film über ein historisches, „Wolfskinder“, einer der letzten Filme von Eberhard Fechner. 23.50 Uhr. Phoenix, für Samstag jedenfalls beides eine Alternative zum gewöhnlich öden Wochenendprogramm.

Leider nicht mehr für diese Woche geschafft, weder für Sichtung noch für Kritik: „Mission Control Texas“ von Ralf Bücheler. Der Film wird vom Sender annonciert als „tragikomische dokumentarische Diskurskomödie“, wobei der Film hoffentlich anschaulicher ist als der Begriff, den man sich von ihm machen soll. Es geht um eine Radiosendung in den USA, eine Talkshow, in der Atheisten mit Anrufern diskutieren und streiten. Der Film bekam auf dem Münchner Dokumentarfilmfestival 2015 den FFF Förderpreis, die Jury begründete: „Ralf Bücheler zeigt uns die Moderatoren der Sendung, die als Minderheit hartnäckig und verbissen gegen den religiösen amerikanischen Fanatismus angehen. Mit scheinbarer Beiläufigkeit wird uns dort im Bible Belt die beängstigende Dominanz des ultrakonservativen Christentums vor Augen geführt. Waffenlobby trifft auf Tea Party Anhänger und schlichten Patriotismus. Dem Regisseur gelingt ein nachhaltiger und beeindruckender Blick auf ein sich radikalisierendes Amerika, das uns Angst macht!“ Könnte spannend sein. 3Sat, So 14.06.2015, 21.45 – 23.10 Uhr

Dann gibt es noch einige interessante Ausgrabungen, etwa Uli Gauls sympathisierendes Doppelporträt „Wader Wecker Vater Land“, SWR, 17.06.2015, 01.00 Uhr. Hier die Kritik. Die „Generation Waldsterben“ hat Thomas Gehringer besichtigt (Einsfestival, 17.06.2015, 20.15 Uh) , ebenso wie „This ain’t California“, ein inszenierter Dokumentarfilm über DDR-Rollbrettfahrer samt dem sich beim Rollbrettfahren angeblich einstellenden Lebensgefühl (RBB, 16.06.2015, 22.15 Uhr. Hier und hier die Texte. Klaus Martens Dokumentation über das bevorstehende Ende des Verkaufsverbots für „Mein Kampf“,  hält sich noch im Programm, „Countdown zu einem Tabubruch“, hier die Kritik. ZDF-Kultur hat am Mittwoch eine Reihe von Filmen zum Thema 68er und RAF im Programm, unter anderem Hans-Dieter Grabes Porträt von Fritz Teufel. „Fassbinder“ ist endlich bei der ARD angekommen, ARD, Di 16.6.2015, 22.45 Uhr und tags darauf Mi 17.5.2015 um 23.30 beim SWR. Alles noch schnell um Fassbinders Todestag herum. Möglicherweise ist danach das Haltbarkeitsdatum des Films auch überschritten. „Krieg der Lügen“ mit Curveball steht noch in der Mediathek. Hier die Kritik. Und  „Beyond punishment“ von Hubertus Siegert ist noch in den Kinos. Hier die Kritik von Barbara Sichtermann.

Und last but not least ein Hinweis auf ein Programmexperiment im WDR: „#wowillstduhin“ startet am 20.06.2015. Abgesehen davon, dass der Hashtag momentan offenbar als der Hallo-Jugend-WinkmitdemZaunpfahl gilt. Die Idee klingt gut. Ein kleines zweiköpfiges Filmteam hält auf dem Kölner Hauptbahnhof Passagiere an und fragt nach dem wohin und warum – und fährt dann auch gleich mit. Das Projekt gibt es ab So 20.06.2015, 18.20 Uhr in vier dokumentarischen Teilen, ab dem 15.6. aber auch als Web-Doku. Wir kommen noch darauf zurück.

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