Permalink

0

Highlights: Curveball, Mörder und Opfer, Migration verkehrt

Die ARD traut sich mal wieder was: nämlich am Dienstag Abend einen politischen Dokumentarfilm in Erstausstrahlung zu halbwegs akzeptabler Sendezeit auszustrahlen. Im Kino startet am Donnerstag ein bemerkenswerter Film über Strafvollzug und über Täter und Opfer. Dazu auf dem Bildschirm noch einige interessante Wiederholungen. Ein Überblick.

„Krieg der Lügen“ ist ein Zeitdokument ersten Ranges. Protagonist des Films ist Rafed Ahmed Alwan, auch „Curveball“ genannt, der mit der Lügen von Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen den Irakkrieg 2003 mit herbeigeführt hat. Wer ist dieser Mann und was ist die Wahrheit? Ein Film über eine Lüge und viele Wahrheiten. „Zeit der Lügen“ von Matthias Bittner“, Di 09.06.2015, 22.45 – 00.15 Uhr. Hier die Kritik.

Ist es möglich, dass verurteilte Mörder, die im Gefängnis sitzen, mit ihren Opfern in Kontakt treten? Welche Bedingungen sind dafür nötig? In seinem Film „Beyond punishment“ erzählt Hubertus Siegert an drei Beispielen, was dabei vor sich geht. Der Film kommt am 11.6.2015 in die Kinos. Barbara Sichtermann hat ihn schon gesehen. Hier ihre Kritik.

Zwei politische Dokumentarfilme stehen in dieser Woche auf der Wiederholungsliste des Fernsehens, beide schon öfter gelaufen, aber vielleicht noch nicht bei allen angekommen. Beides herausragende Arbeiten. In „Töte zuerst“ des israelischen Regisseurs Dror Moreh erzählen sechs Chefs des israelischen Geheimdienstes Schin Bet aus ihrer Arbeit und halten mit ihrer Meinung über die gegenwärtige Politik der israelischen Regierung nicht hinterm Berg (Arte, Di 09.06.2015, 08.50 Uhr). Hier die Kritik von Thomas Gehringer

„Aghet“ erzählt die Geschichte des Genozids an den Armeniern, erst jüngst auch wieder ein Aufreger in der politischen Szene, weil die türkische Regierung den Völkermord immer noch leugnet. Eric Friedler hat für seinen Film eine ungewöhnliche Form der Rekonstruktion gefunden: ein hochrangiges Ensemble von Martina Gedeck bis Burkhart Klaußner ist beteiligt, die Schauspieler übernehmen in spartanischer Inszenierung Rollen von damaligen Zeitzeugen. Der Film ist mehrfach preisgekrönt, 3Sat zeigt ihn Di, den 09.06.205, um 22.25 Uhr. Hier die Kritik.

Noch in der Arte-Mediathek und am 16.6. dann auch in der ARD zu sehen ist „Fassbinder“ von Annekathrin Hendel, eine Hommage an den Regisseur, der in diesen 70 Jahre alt geworden wäre. Im Fernsehen kommt nun auch sehr rasch nach der Kinoaufführung „Fassbinder“ von Annekathrin Hendel, zum 40.Todestag. Ein Porträt des Filmemachers, der gewiss einer der produktivsten Autoren in der Filmgeschichte der Bundesrepublik war und nun, in gehörigem zeitlichem Abstand, fast mit einem Heiligenschein übergoldet wird. Wenngleich sie auch durchaus die dunklen Seiten in Fassbinders Schaffen, seine zerstörerische und selbstzerstörerische Arbeitsweise hervorhebt, so geht auch diese Hommage in Richtung Heiligsprechung.

Dabei wendet Annekathrin Hendel die Methode an, das Leben von Rainer Werner Fassbinder mit seinen Filmen in eins zu setzen. Das liegt einerseits nahe, weil der Autor tatsächlich in seinen Filmen fast immer auch seine eigenen Probleme erzählt hat. Das hätte anderseits aber die Regisseurin gerade davor abhalten müssen, auf diesen platten Mechanismus von Film = Leben zu setzen. So entsteht ein Bild von Rainer Werner Fassbinder über alle die Menschen die ihn umgeben haben, die mit ihm gearbeitet haben, ein wahres Spiegelbild also. Zugleich aber verschwindet die Zeit, in die seine Filme hineingewirkt haben, aus dem Fokus. Nicht einmal Rezeptionsgeschichtliches wird sichtbar. Da sollte man schon auch erfahren, dass Fassbinders Filme ja auch sehr umstritten, „Acht Stunden sind kein Tag“ im WDR heftig bekämpft, „Berlin Alexanderplatz“ wegen der Dunkelheit seiner Bilder heftig diskutiert. Und auch Fassbinders Ästhetik läßt sich keineswegs unhistorisch betrachten.
Viele Szenen wirken heute wie aus der Zeit gefallen, so weit entfernt von der Gegenwart ist diese Bundesrepublik der 70er Jahre,. Wir sehen eine künstlerische Handschrift, die unter heutigen medialen Bedingungen keine Chance mehr hätte, mit ihrer bewussten provokanten Künstlichkeit und ihrer künstlichen Provokation. Heute würde man sagen: an seinen Film ist nichts formatiert. Man kann heute noch sehen, dass sie damals in keine Schublade passte.

Schon länger nicht zu sehen war ein Film, der das Thema der Migration einmal umdreht und von anderer Seite betrachtet: In „Wir sitzen im Süden“ erzählt Martina Prießner von türkischen Migranten, die in die Türkei zurückgekehrt sind und daran denken, doch wieder nach Deutschland zu gehen, wenigstens einige von ihnen (ZDF Kultur, Fr 12.06.2015, 21.50 – 23.15 Uhr) Hier die Kritik.

Zwei der ambitioniertesten TV-Events des vergangenen Jahres sind auch wieder auf dem Bildschirm. „24 h Jerusalem“, ein Tag im Leben der Stadt, wird von ARD-alpha in täglichen Einstundenscheiben um 22.45 Uhr gezeigt, inzwischen ist die Dokumentation in der Nacht angekommen. Hier die Kritik. Und über „14 Tagebücher des Ersten Weltkriegs“, ein Hybrid zwischen Spielfilm und Dokumentation kann man geteilter Meinung sein, eine bemerkenswerte Anstrengung, Geschichte zu erzählen, bleibt es doch. Der NDR strahlt zwei Teile dieses Mehrteilers am 08.06.2015, ab 23.15 Uhr aus, allerdings aus der stark verkürzten ARD-Version, die die europäische Perspektive nach hinten und vor allem Geschichten aus Deutschland und Österreich nach vorne rückt. Hier die Kritik des Gesamtprojekts.

Fernsehdokumentationen klassischen Stils kommen hier nur selten vor, manchmal gibt es Ausnahmen, des Themas wegen. Dazu gehört auch „Countdown zu einem Tabubruch: ‚Mein Kampf‘ erscheint“ von Klaus Martens. (WDR, Mo 08.06.2015, 22.45 Uhr). Hier die Kritik.

Kommentare sind geschlossen.