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„Halbmondwahrheiten. Die erste türkische Vätergruppe“. Von Bettina Blümner.

Ein Film, der einen Perspektivwechsel vollzieht. Über türkischstämmige Männer wird meist geredet, aber nicht mit ihnen. Was geschieht mit ihren patriarchalischen Vorstellungen in der liberalen westliche Gesellschaft. Ein Film von Bettina Blümner. Noch in der Mediathek des BR

Du kriegst eine Stimme aus einem Stein, aber nicht aus einem türkischen Mann: Mit diesem Bild zitiert Kazim Erdogan eines der Klischees über türkischstämmige Männer in Deutschland. Er weiß, wovon er spricht. 2007 hat der Psychologe im Verein „Aufbruch Neukölln“ die erste türkische Vätergruppe gegründet. Jeden Montag abend treffen sich bei ihm jene Männer, aus denen man angeblich nichts herausbekommt und sie reden über ihre Probleme.

„Halbmondwahrheiten“ nennt Bettina Blümner („Prinzessinnenbad“) ihren Film über diese türkische Männergruppe und sie berührt damit ein Thema, das kaum einmal in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, eben weil da nur Klischees bestehen. Über türkischstämmige Männer wird geredet, aber nicht mit ihnen. Ihr Film vollzieht einen Perspektivwechsel. Normalerweise gelten die Männer als die Täter in einer patriarchalischen Gesellschaft. Die Zahlen hat der Film auch parat. 40 Prozent der Frauen werden von ihren Männern geschlagen. Jährlich werden in der Türkei 1500 Frauen getötet, weil sie ihre Männer verlassen und 3000 junge Frauen werden in den Selbstmord getrieben. Aber solche Verhältnisse treffen eben auch Männer, die an Traditionen zerbrechen, an ihren inneren Widersprüchen verzweifeln und die herausfinden wollen aus festgefahrenen Verhältnissen. Einige von ihnen gehören zum Verein „Aufbruch Neukölln“.

Kazim Erdogan ist der Protagonist des Films. Er arbeitet beim Psychosozialen Dienst in Neukölln und ist auch sonst multiaktiv. Er ist 1974 nach Deutschland gekommen und als Psychologe weiß er, dass auch Männer Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse sein können. 18 von 20 Männern aus dieser Gruppe haben selbst Gewalterfahrung, einige geben sie weiter an ihre Kinder. Sie besuchen eben diese Gruppe, um aus diesem Kreislauf heraus- und sich in der deutschen Gesellschaft zurecht zu finden. Und natürlich sind sie betroffen von Problemen wie Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsproblemen und Ausgrenzung.

Bettina Blümner erzählt in ihrem Film von einigen Einzelschicksalen. Von Männern, die nach einer Scheidung ihre Kinder nicht sehen dürfen wie der Sozialbetreuer Aydin Bilge. Von Männern, die unter Panikattacken leiden und unter dem Elend arrangierter Ehen. Die mit der Selbständigkeit deutscher Frauen nicht zurechtkommen. Deren Kinder sich weigern, überhaupt in die Türkei zurückzukehren. Die Regisseurin dreht auch einige Gespräche, in denen auch Sexualität zur Sprache kommt. Kazim Erdogan spricht Klartext über die herrschende Doppelmoral: türkische junge Männer dürften mit deutschen Frauen ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen, aber zur Heirat eolen sie sich ein türkisches Mädchen: „Wir müssen uns an die eigene Nase fassen: Das alles sind wir“.

Ein interessantes Thema also und auch ein interessanter Protagonist, der sichtlich stolz darauf ist, von Bundespräsident Gauck einen Verdienstorden zu bekommen. Und doch auch ein kreuzlangweiliger Film. Man kann sich die Schwierigkeiten gut vorstellen. Vermutlich besteht die größte Leistung schon darin, überhaupt eine Kamera und dazu noch eine Kamerafrau und eine Regisseurin zu Dreharbeiten zuzulassen und dann öffentlich über schwierige Themen zu sprechen – das mag für den einen oder anderen wie ein Tabubruch gewesen sein. Es gibt da wohl auch Vorarbeit: 2010 erschien ein Buch von Isabella Kroth, auch unter dem schönen Titel „Halbmondwahrheiten“, das zum ersten Mal diese Fragen aufwarf und 12 Männer türkischer Herkunft porträtierte. Dennoch: Lockerheit und Spontaneität sind da vor einer Kamera vermutlich schwer zu erreichen. Vielleicht war auch nicht genügend Zeit, ausreichend Vertrauen herzustellen. Aber man sieht und spürt es eben: die Szenen in der Gruppe, die Gespräche im Cafehaus, das alles ist sehr arrangiert und steif.

„Halbmondwahrheiten“. Von Bettina Blümner. BR, Di 23.06.2015, 23.15-00.45 Uhr

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