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„Generation Waldsterben“ von Reinhard Kungel

er Wald als Spielplatz, als Naturwunder und als Zeichen einer kommenden Katastrophe. In den 60er Jahren ging die Furcht vor dem Waldsterben um und Filmemacher Reinhard Kungel hat ihr gleich eine ganze Generation zugeordnet. Gastautor Thomas Gehringer über die „Generation Waldsterben“. (EinsFestival, Mi 24.06.2015, 18.30 Uhr )

Eine Kindheit in den 1960ern: Auf den Möbeln kleben Pril-Blumen, der Vater dreht Super-8-Filme vom Familien-Picknick und dem Singen unterm Weihnachtsbaum, die Cordhose ist braun, des Turnlehrers Gesinnung auch, und der Wald ist der schönste Spielplatz. Zumal es im Ort zwar immer mehr Kinder, aber keinen Spielplatz gibt. Reinhard Kungel hat einen Dokumentarfilm über sich und seinesgleichen gedreht. Mit der etwas verwegenen These, die Babyboomer seien die „Generation Waldsterben“.

Genauso gut könnte man von einer „Generation Atomenergie“ oder einer „Generation Wettrüsten“ sprechen, weil die Konflikte um diese großen Themen mindestens ebenso das Ende der Jugend markierten. Kungel, der im ländlichen Wernau in Baden-Württemberg aufgewachsen ist, schließt ein bisschen von sich auf andere, aber das konsequent. Der Wald ist ein durchgängiges Motiv in seinem Generationen-Porträt, mit schönen Natur-Aufnahmen und allerlei lustigen Quer-Verweisen, vom Waldläufer „Lederstrumpf“ bis zur ersten Trikotwerbung in der Fußball-Bundesliga, dem Jägermeister-Hirschen bei Eintracht Braunschweig.

Stimmig ist sein Film vor allem als persönliche Vater-Sohn-Geschichte. Mit gebührendem Abstand und liebevoll zugleich skizziert Kungel die Beziehung zum Vater, einem Möbelschreiner, der seinen Sohn gerne zu Spaziergängen in den Wald mitnahm und dessen Filmaufnahmen, ergänzt durch zeitgenössisches Archivmaterial, eine ergiebige Quelle sind. Das Vater-Wald-Motiv wird allerdings bis zum Überdruss bemüht: Mit der von Kungel häufig zitierten Frage des Vaters „Was lehrt uns der Baum?“ und mit der Musikauswahl am Ende, wenn Kungel zum Tod seines Vaters den unvermeidlichen Alexandra-Hit „Mein Freund, der Baum“ spielt.

Auch sonst ist der Film trotz flotter Splitscreen-Bildgestaltung und eines insgesamt hübschen Soundtracks (unter anderem Jethro Tull, Suzie Quatro und Rodgau Monotones) kein pures Vergnügen. Die Kommentare des Autors sind häufig betont naiv, was beinahe jede Ironie verschluckt, und die Überleitungen und schnellen Themenwechsel sind bisweilen haarsträubend. Da geht es vom Unfalltod der Sängerin Alexandra nahtlos weiter zum Thema wachsender Autoverkehr und weiter zum Thema Emanzipation. Illustriert mit einem alten Filmbeitrag, in dem Frauen beim Einparken Beulen verursachen. Dazu rät Sprecher-Legende Egon Hoegen generös: „Männer, lasst eure Frauen öfter ans Steuer, aber nicht zu Verkehrsspitzenzeiten.“ Eine etwas seltsame Art, das Thema abzuhandeln, immerhin dürfte der Zeitgeist mit dem Ausschnitt gut getroffen sein.

Natürlich wird, wer in den 1960ern und 1970ern aufgewachsen ist, manches wiedererkennen und Spaß dabei haben: Pelikan-Tinte und Sprachlabore in der Schule, Bonanza-Fahrräder und das erste Mofa. Als die Haare länger wurden, zupfte jeder Zweite auf Gitarren herum, man demonstrierte, verweigerte den Kriegsdienst und reiste per Interrail. „Wir waren die Guten“, resümiert Kungel – nun doch mit einem Hauch Selbstironie. Aber Kungel verteidigt seine Generation arg wehleidig. Die Babyboomer seien „im Vakuum zwischen 68 und 89 vergessen“ worden. „Und die wenigen Spuren, die wir hinterließen, wurden schließlich von der Generation Golf platt gemacht.“ Vielleicht lag’s an den wenigen Spuren?

Immerhin ist da doch die Umweltpolitik. Vom Waldsterben ist heute nicht mehr die Rede. Im Sommer 1983 herrschte deswegen Alarmstimmung. „War alles nur Einbildung?“, fragt Kungel rhetorisch, denn die Bilder von verkrüppelten Bäumen zeigt er natürlich auch. Zurecht weist er darauf hin, dass die Einführung etwa von bleifreiem Benzin, Katalysatoren und der Rauchgas-Entschwefelung Schlimmeres verhindert hätten. Aber: „Die Folgen des sauren Regens konnte man noch sehen“, sagt Kungel, die Folgen von Tschernobyl oder des Klimawandels nicht mehr.

 

„Generation Waldsterben“ von Reinhard Kungel, D 2014, EinsFestival, Mi 24.6.2015, 18.30 – 20.00  Uhr 

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