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„Ein kleiner Film für Bonn“. Von Klaus Wildenhahn

Lang ist’s her, dass die Regierung von Bonn nach Berlin zog, von der Provinz in die Hauptstadt. Damals hat der Dokumentarist Klaus Wildenhahn den Umzug beobachtet, der mehr war als ein Umzug, nämlich auch ein Abschied aus der Übersichtlichkeit. Es war Klaus Wildenhahns letzter Film. Noch in der ZDF-Mediathek
Einmal zitiert Klaus Wildenhahn das Diktum von Günter Gaus, die Deutschen hätten im Bundesdorf Bonn 50 Jahre Auszeit von der Weltgeschichte genommen: „Es ist der Welt nicht schlecht bekommen“. Das ist auch das politische Credo, das Wildenhahn seinem Film unterlegt. Aber er ist mehr als das, ein Streifzug nämlich durch die Eingeweide des Politikbetriebs und ein genauer Blick auf diejenigen, ohne die nichts gegangen wäre: Sekretärinnen, Boten, Kellner, Köche, Fahrer. Deren Leben änderte sich mit dem Umzug nach Berlin nicht weniger einschneidend.
„Ein kleiner Film für Bonn“ – der Titel ist typisch Wildenhahn’scher Minimalismus. Denn weder ist sein Film klein noch macht er sich klein. Sein Thema ist der Abschied von Bonn als Regierungssitz. Im Plenarsaal laufen die letzten Debatten, in den Büros wird gepackt und Wildenhahn flaniert dazwischen umher (Kamera: Gisela Tuchtenhagen und Rainer Komers). Manchmal hat dieses beiläufige Durchwandern etwas Verwirrendes und man fragt sich, was er jetzt grade mit der Sängerin von den CapVerden im Sinn hat.
Aber dann webt sich alles zu einem athmosphärisch dichten, stimmigen Bild dieser Tage und zeitigt unerwartet poetische und manchmal auch komische Momente. Wie etwa im Blick auf die beiden Chauffeure, denen das helle Entsetzen ins Gesicht geschrieben ist, weil man ihnen ihre Gefährte weggenommen hat und sie womöglich demnächst Fahrradbote spielen dürfen. Oder in der Aufmerksamkeit für die fünf silbrigweißen Fliegen, die Achim Glomb, der oberste Saaldiener im Bundestag, zum Frack trägt. Sorgfältig hat er sie in seinem Spind aufbewahrt auf fünf roten, selbst mitgebrachten Klebehaken. Später wird Achim Glomb viele Interviews geben müssen auf die immergleiche Journalistenfrage, wie er sich fühle nach der letzten Bundestagssitzung.
Wildenhahn ist ein Sammler von Beobachtungen, ein Liebhaber von Details, ein Bewahrer von Augenblicken – in diesem Film so gut wie in seinen früheren. Fünf Jahre lang hat er nach seinem Abschied vom NDR keinen Dokumentarfilm mehr gedreht. Gedichte schreiben wollte er statt dessen. Er hat es aber nicht ausgehalten ohne Kamera und Schneidetisch. So wurde sein kleiner Film aus Bonn nicht nur ein Film über den langen Abschied aus der politischen Übersichtlichkeit. Auch Wildenhahn selbst nahm hier offenbar auf eine sehr persönliche Weise einen Abschied und drückt es im Off-Kommentar so aus: „Noch einmal Augenzeuge sein, aber nicht notwendig Zusammenhänge verstehen. Noch einmal die schöne Neugier, zuhören, merkwürdig Vertrautes. Oberflächen. Die kleinen Zwischenräume. Dann vorbei.“

„Ein kleiner Film für Bonn“. Von Klaus Wildenhahn, D 2000, ZDF Kultur,

 

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