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„Countdown zu einem Tabubruch – ‚Mein Kampf’ erscheint“. Von Klaus Martens.

Ende 2015 läuft, nach 70 Jahren, das Urheberrecht von Adolf Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“ aus. Darüber verfügte bisher der Bayrische Freistaat und hat auf diesem Weg auch sicher gestellt, dass das Buch nicht vertrieben und verkauft werden durfte. Was werden die Folgen sein, das untersucht der Film „Mein Kampf erscheint“. Phoenix, Sa 20.06.2015, 12.15 Uhr, danach in der Mediathek von ARD und WDRMuss man jetzt damit rechnen, dass Hitlers „Mein Kampf“ ab dem 1. Januar 2016 in großen Stapeln in den Großbuchläden ausliegt? Im Film hat Klaus Martens das schon mal vorweggenommen. Der Autor hat ein paar Dummies aufeinandergelegt, ein Plakat dazu und geschaut, wie die Leute reagieren. Besonders aufregend ist das Experiment nicht verlaufen, vermutlich haben ja alle auch die Kamera gesehen, ein jubilierender Neonazi ist auch nicht vorbeigekommen und die Quersumme aus der Straßenbefragung lautet so ungefähr: Schon komisch.

Im Grunde erzählt der Autor mehrere Geschichten. Da ist einmal die bayrische Provinzposse. Der Bayrische Landtag hatte parteiübergreifend dafür plädiert, dass das Münchner Institut für Zeitgeschichte eine historisch-kritische Ausgabe herausbringt, um den zu erwartenden Nach-, Ab- und sonstigen Drucken den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dafür hat der bayerische Finanzminister Markus Söder sogar 500.000 Euro locker gemacht, aber nicht mit seinem Ministerpräsidenten gerechnet. Seehofer stimmte erst zu, zog dann die Zustimmung der Landesregierung wieder zurück und forderte das Forschungsinstitut auf, die Arbeit einzustellen. Das hielt sich nicht an den landesväterlichen Ukas und arbeitet weiter unter Hochdruck, auf eigene Verantwortung. Seehofer hat seine Warnung inzwischen klammheimlich wieder zurückgezogen und die 500.000 Euro sind offenbar auch nicht zurückgefordert worden. Was Seehofer zu diesem Hinundher bewog, weiß der Film auch nicht recht zu sagen.

Dann ist da die Geschichte der Historiker, die diese kritische Ausgabe vorantreiben. Ein solches Vorhaben ist für Wissenschaftlern natürlich logisch und erstrebenswert. Aber was soll denn diese kritische Ausgabe leisten? Niemand wird bestreiten, dass sie für wissenschaftliche Zwecke nötig ist. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Stapel in den Buchläden. Und dass sie, wie ein Forscher in die Kamera sagt, den Unfug, den Hitler verzapft hat zu korrigieren und die Tiraden einzuordnen – welches öffentliche Interesse soll da dahinterstehen? Das Ergebnis des Buches ist immerhin bekannt.

Dann ist da Klaus Martens Entdeckung, dass das verbotene Buch immer schon gekauft werden konnte und das gilt auch für die analoge Ära. Wer „Mein Kampf“ haben wollte, konnte es auch bisher bekommen. Für wohlhabende Alt-Nazis etwa die Gauleiter-Ausgabe für 15.000 Euro. 50 Exemplare davon soll es noch geben, sagt ein Hamburger Militariahändler und breitet seine Ausgabenschätze aus. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München ist erstaunt und entsetzt, dass man sich über Handy problemlos „Mein Kampf“ vorlesen lassen kann. Bei Bertelsmann möchten sie die historisch-kritische Ausgabe keinesfalls verlegen, vergessen aber zu erwähnen, dass der Konzern über den Tochterverlag Pimlico an der englischen Ausgabe mit verdient.

Also eine ziemlich undurchsichtige Gemengelage, der der Film als recht ausgewogenes Stück begegnet. Es gibt für alles diese Position und auch jene, die Meinungen gehen weit auseinander. Ein Israeli argumentiert, Deutschland habe 70 Jahre lang ganz gut ohne dieses Buch leben können. Ein Auschwitz-Überlebender wiederum findet, die Deutschen sollten ruhig mal nachlesen, wer ihre Großeltern zu Mördern gemacht hat. Zwei Neonazi-Aussteiger kommen zu Wort, der eine sieht keine große Gefahr bei der Veröffentlichung, weil die Neonazis mehr daran interessiert seien, sich zu besaufen als sich zu bilden. Der andere hält die rechte Szene für sehr differenziert und eine Veröffentlichung für gefährlich. Ab und zu fügt Klaus Martens etwas Dokumentarisches ein, vornehmlich auf der Tonspur, wo man Goebbels seifiges Geschwafel hören kann. Als eine Art Gegengewicht begleitet der Film noch ein kleines Stück weit eine kritische „Third Reich Tour“ durch München, auf Englisch, für Touristen.

Der beste Einfall des Films ist, Helmut Qualtinger (der mit „Herr Karl“ wahrscheinlich am tiefsten in die Seele des faschismusanfälligen Spießers hineingeschaut hat) mit seiner Lesung aus „Mein Kampf“ ausführlich quasi als Kommentar zu unterlegen. Qualtinger hat dieses Programm seinerzeit lange und auf langen Tourneen gespielt. Mit seiner unvergleichlichen Interpretationskunst bringt er diese ganze aufgeblähte Person Hitler in den Text, seine Aggressivität, die agitatorische Hysterie – und das ganz ohne jegliches imitatorisches Hitler-Schnarren. Qualtingers „Mein Kampf“ ist die wahre historisch-kritische Ausgabe für Nicht-Historiker.

Wie geht es weiter? Mit dieser Frage lässt der Film den Zuschauer im Stich. Warum ist „Mein Kampf“ nur wegen des Urheberrechts geblockt, aber nicht verboten? Warum kann das Buch nicht verboten werden, so wie Hitlergruß und Holocaust-Leugnung? Warum kann dann als Ausnahme für wissenschaftliche Zwecke nicht diese, die eine historisch-kritische Ausgabe als Zeitdokument aufgelegt werden? Denn wenn ab 2016 daneben auch noch dutzende Irgendwie-Ausgaben erscheinen, macht auch die historisch-kritische Ausgabe wenig Sinn – jedenfalls im Zeitalter der geteilten Publika und der Informationsblasen.

Ohnehin muss man fragen, warum dies Buch denn überhaupt noch seine Wirkung entfalten soll. Jeglicher moderner Faschismus, so denn einer drohte, würde zwar antisemitisch, antidemokratisch und antihuman sein, aber kaum als Hitler-Revival auftreten. Und er würde ganz andere gesellschaftliche Resonanzböden in Schwingung versetzen. Es ist kaum denkbar, dass „Mein Kampf“ heute noch größere Wirkung erzielt. In der Hauptsache geht es doch um die Frage, welches Bild ein Staat abgibt, der offiziell dieses Jahrhundert-Katastrophenbuch herausgibt. Es geht um Politik. Es geht um Image. Was ja heute häufig in eins fällt.

„Countdown zu einem Tabubruch – ‚Mein Kampf’ erscheint“. Von Klaus Martens. D 2015. Phoenix, Sa 20.06.2015, 12.15 – 13.00 Uhr

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