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„Agfa 1939. Meine Reise in den Krieg“. Von Michal Wnuk

Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Geschichten über den Zweiten Weltkrieg und den Faschismus seien auserzählt. Jetzt finden die Enkel und Urenkel das Thema und sie haben ihre ganz eigenen Methoden, diese Geschichte zu erzählen (Phoenix, 05.07.2015). Auf der Jahrestagung von Netzwerk Recherche am 03.07.2015 wird der Film gezeigt, dazu gibt es eine Diskussion mit dem Autor.

Am Anfang war da eine kleine orangene Box. Mit 120 Fotos und zwei 16-mm-Filmen aus dem Zweiten Weltkrieg. Wem gehören die Fotos? Was zeigen sie? Wen zeigen sie? Ein deutsch-polnische Geschichte voller überraschender Wendungen.

Die 120 alten Fotos und die beiden Filme mit der Aufschrift „Agfa 1939“ sind für den polnischen Filmemacher Michal Wnuk Ausgangspunkt für eine Recherche, die zunächst lauter Irrtümern aufsitzt und ihn Stück für Stück nicht nur in seine eigene Familiengeschichte hineinführt, sondern in deutsch-polnische und polnisch-deutsche Geschichte. Der Warschauer Aufstand, der polnische Widerstand, die Aktivitäten des Polizeibataillons 310 aus Oranienburg, die Vertreibung der Schlesier, all das gehört in das Gesamtpaket dieser Recherche.

Die Fotos, von denen der Autor ursprünglich dachte, sie stammten von seinem Vater, einem polnischen Arzt, der in der deutschen Wehrmacht diente, waren eine Hinterlassenschaft seines Großonkels. Alle nannten ihn Elek, er war für den Autor ein „Widerstandskämpfer wie aus dem Bilderbuch“, „der Onkel mit der Knarre“. Stück für Stück kann Michal Wnuk die Herkunft der Fotos rekonstruieren. Seine Großtante lebt noch, sie kann erzählen, wie ihr Bruder sie als Kurier für den polnischen Widerstand einsetzte, während sie in der Gestapo-Kantine kellnerte; die Schürzen hat sie noch. Er findet den Enkel des Fotografen in Tschenstochowa, der zu erzählen weiß, der in der Stadt das größte Fotogeschäft hatte, bei ihm ließen auch die Deutschen ihre Filme entwickeln. Viele Fotos entwickelte er mehrfach, für die deutsche Kundschaft, für sich selbst und für den polnischen Widerstand – als Beweis für die Verbrechen der Wehrmacht.

Noch rätselhafter sind die beiden kurzen 16-mm-Filme. Sie zeigen Menschen vor einem Auto, einem Horch, offenbar auf einem Ausflug. Der Filmemacher kann herausfinden, wem das Auto gehörte. Kleine Detektivarbeit. Es gehörte einer deutschen Familie Schröter. Auch hier findet er Nachkommen und kann den Weg der Schröters rekonstruieren. Sie mussten wie viele Schlesier 1946 Polen verlassen, kamen als Flüchtlinge in den Westen, schafften den Aufstieg.

So können viele Personen, die mit diesen Fotos und den Filmen zusammenhängen einen kleinen Baustein zur individuellen wie politischen Geschichte beitragen. An ihrem Ende steht ein bitteres Fazit auch des Filmemachers. Die Schroeters mussten neu anfangen, aber sie haben überlebt: „In meiner Familie dagegen gibt es unzählige Tote“. Auch Elek gehört zu ihnen, er wurde 1945 als Antikommunist von der polnischen Staatspolizei erschossen. Sogar das Todesdatum auf dem Grab ist falsch und es ist auch leer.

„Agfa 1939“ ist eine private Recherche, die sich zu einem Geschichtspanorama weitet, ein Geschichtskrimi voller überraschender Wendungen und merkwürdiger Einzelheiten, in persönlichem und auch leichtem Ton gehalten, ein Beispiel für neuere TV-Geschichtsschreibung weit jenseits Historismus eines Guido Knopp.

„Agfa 1939. Meine Reise in den Krieg“. Film von Michael Wnuk.

Phoenix, 07.12.2014, 23.15 – 00.00 Uhr 

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