Permalink

0

„Herbstgold“. Von Jan Thenhaven

Alte Menschen haben nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Gegenwart. Manche laufen sogar noch auf Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Ein Dokumentarfilm erzählt davon: „Herbstgold“ Noch in der Mediathek des WDR

Alfred Proksch wird mit 100 Jahren nochmal Weltmeister im Diskuswerfen. Er wirft nicht mehr sehr weit und muss an den Wurfkreis mit dem Rollator heranfahren; er hat sich beim Training etwas verletzt. Es ist auch nicht schwer, Weltmeister zu werden, denn in seiner Altersklasse ist er der einzige. Was aber schwer ist und bewundernswert: da hat einer noch große Ziele und den Ehrgeiz und die Kraft, sie durchzusetzen.

„Herbstgold“ ist ein Film über Sportler jenseits der 80. Jan Thenhaven porträtiert fünf dieser ausdauernden Menschen. Ein 93-jähriger Sprinter aus Schweden ist dabei, eine 85-jährige Kugelstoßerin aus Kiel, ein 82-jähriger Hochspringer aus Tschechien und ein italienische Diskuswerferin, die ihr Alte nicht verraten will. Sie alle vereint ein Ziel: die Leichtathletik-WM im finnischen Lahti. Die meisten werden noch nie etwas von einer solchen WM für Greise gehört haben, Sport ist im öffentlichen Bewusstsein der Jugend reserviert. Sie findet alle zwei Jahre statt, hat 4000 Teilnehmer und ist damit größer als eine „normale“ WM.

Jan Thenhaven begleitet seine Protagonisten auf dem Weg zu dieser WM, er dreht ihr Training, er erlebt Verletzungen, Rückschläge und kleine Triumphe mit, er befragt sie nach ihrem Leben. „Herbstgold“ ist ein Sportfilm, aber er ist noch viel mehr: Ein Film über Leute, die sich nicht aufgeben. Über Leute, die nicht aufhören, ein Ziel zu verfolgen, nur weil sie alt sind. Lebensgeschichten stecken dahinter. Ilse Pleugner, die Kugelstoßerin, hat ihr Leben lang ihre Wünsche hinter die ihres Mannes zurückgesteckt. Seit dem Tod ihres Mannes erobert sie zaghaft neues Terrain. Alfred Proksch zeichnet immer noch Akte, mit zittrigen Händen entwirft er den makellosen Körper einer jungen Frau. Der Eros lebt noch in den Händen (inzwischen ist Alfred Proksch verstorben).

Am Ende läuft es aber auf die sportliche Auseinandersetzung hinaus. Der Regisseur arbeitet in den Momenten des Wettkampfs wie die Sportreporter auch mit Zeitlupe, so dass man noch einmal den Bewegungsablauf sieht. Man merkt auch, wie die Zeitlupe den emotionalen Gehalt des Moments heraustreibt. Der deutschstämmige Schwede im 100-Meter-Lauf gegen einen stärkeren italienischen Läufer: ein echtes Finale. Und weil man die Menschen im Film schon so gut kennen gelernt hat, ist das auch alles sehr ernst. Es ist überhaupt nicht komisch, sondern bewundernswert und fast ein bisschen traurig, dass der tschechische Hochspringer die angepeilte 1-Meter-Marke nicht schafft und nur Fünfter wird.

Ein wunderbarer Film über das Leben, über Lebensmut, über Ehrgeiz, über das am Lebenbleibenwollen und über Lebensfreude. Über Menschen, die viel Grund hätten zu jammern – die aber etwas tun.

„Herbstgold“. Von Jan Thenhaven. D 2010, „Herbstgold“ WDR, Mo 01.06.2015, 23.15 – 00.50 Uhr

Kommentare sind geschlossen.