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Highlights: Tanz, gutes Leben und deutsche Zeitgeschichte

Gutes Leben – wer sucht nicht danach? Das könnte Denisa von sich sagen, die lieber nicht hören will, was die Welt ihr zu sagen hat. Und von gutem Leben können die kolumbianischen Bauern nur mit bitterem Unterton sprechen, denn ein Bergbauunternehmen und ein globaler Rohstoffmulti haben sie reingelegt – wieder mal eine Geschichte, wie der Kapitalismus alle Traditionen auflöst. Das sind zwei der interessanten Dokumentarfilme der kommenden Woche, keine reiche, aber eine interessante Auswahl.

„Buena Vida – Gutes Leben“ nennt Jens Schanze seinen neuen Film über kolumbianische Bauern, denen der Heimatboden im Wortsinn von einem Tagebau unter den Füssen weggefressen wird – ein nicht zu gewinnender Kampf, eine Tragödie, die im globalen Kapitalismus kaum noch jemand bemerkt. Jens Schanzes eindrucksvoller Film ist seit Donnerstag in den Kinos und man sollte ihn nicht versäumen. Hier die Kritik.

Auf ganz andere Weise eindrucksvoll ist „Königin der Stille“ von Agnieszka Zwiefka geraten, ein politisches Märchen über ein junges Roma-Mädchen in Polen, das sich der harten Realität des gesellschaftlichen Außenseitertums in den Tanz flüchtet, sich an Bollywoods Glamour begeistert. Ein Spiel mit Fiktion und Realität und ein Gesicht, das man so schnell nicht vergisst. Hier die Kritik. (Arte, Fr 22.05.2015, 22.40 Uhr)

Aus der Wiederholungsschleife des Fernsehprogramms lassen sich einige Filme herausfischen, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit deutscher Zeitgeschichte befassen. „Joschka und Herr Fischer“ ist ein Porträtfilm von Pepe Danquart, den Gastautor Thomas Gehringer sehr nah an der Selbstdarstellung angesiedelt sieht (SWR, 21.05.2015, 01.00 Uhr) Hier die Kritik. Und in „Die Anwälte“ porträtiert Birgit Schulz drei Juristen, die aus der bewegten 68er Zeit kamen und dann ganz verschiedene Wege gingen: Otto Schily, Horst Mahler und Hans-Christian Ströbele. Wie in einem Brennglas wirft dieser Film einen scharfen Blick auf die jüngere Geschichte der Bundesrepublik. Hier die Kritik. Und einen interessanten Griff ins Archiv hat der SWR getan mit der Platzierung von „Was war links?“ von Andreas Christoph Schmidt. Ein Film von 2003, der noch haltbar ist, seine Leitfrage ist nicht erledigt. Der SWR strahlt zunächst mal zwei Teile des Vierteilers aus und versteckt ihn auch sehr sorgfältig am Sonntagvormittag (SWR, 17.05.2015, 9:15 Uhr.) Hier die Kritik.

Aufmerksam zu machen wäre noch einige Musikfilme, in denen die Musik auch in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang gesehen wird: „Kinshasa Symphony“, der schon sehr erfolgreich in den Kinos und im Fernsehen gelaufen ist (RBB, 18.05.2015, 01.20 Uhr) . Mit dem merkwürdigen Titel „Platteln in Umtata“ kann man mit Biermösel Blosn und Gerhard Polt bei einer Crossover-Kulturreise nach Südafrika begleiten (RBB, 19.05.2015, 01.00 Uhr). „Woodstock in Timbuktu“ erzählt von einem Musikfestival in Mali und der Musikkultur der Tuareg (noch einmal RBB, Mi 20.05.2015, 00.20 Uhr) Und „Viramundo, eine musikalische Reise mit Gilberto Gil“ klingt sehr interessant weil Gilberto Gil an besondere Orte reist und es ihm nicht auf ein möglichst großes Publikum ankommt, sondern darauf, die musikalische Vielfalt in einer globalisierten Welt zu befördern (Arte, So 24.05.2015, 23.10 Uhr)

„24 h Jerusalem“ in der gestückelten Fassung, die ARD-alpha ausstrahlt, ist inzwischen in den Nachmittagsstunden angekommen. Auf ARD-alpha wochentags ausgestrahlt immer um 22.45 Uhr. Hier die Kritik.

 

Noch in den Kinos

Noch im Kino laufen Filme, die in der Vorwoche angelaufen sind. Ein Film der leisen Töne und Nuancen ist: „Padurea e za muntele, vezi? Der Wald ist wie die Berge“. Didier Guillain und Christiane Schmidt erzählen von einer Roma-Familie in einem rumänischen Dorf. Es fahren noch Pferdekutschen umher und alte Traktoren. Es gibt nicht mehr viel Arbeit, zur Kartoffelernte werden die Dörfler als Tagelöhner engagiert. Kurz und schmerzlos verlässt einer der Männer das Dorf, vermutlich um Arbeit anderswo zu suchen. Die Nöte sind allgegenwärtig, aber Aron Lungurar ist auch enthusiastisch. Er ist Chef des Dorfes, organisiert für alle, was er nur organisieren kann und doch wird ihm das Chefsein allmählich auch schwer. Ein Bild einer besonderen Großfamilie und dann auch wieder die Blicke auf das Dorf von einem Hügel außerhalb, bei wechselnden Jahreszeiten und wechselnden Stimmungen. Die Zeit steht hier still und die Bilder sind von einer elegischen Schönheit. Der Film bekam auf dem Duisburger Dokumentarfilmfestival 2014 den Förderpreis der Stadt Duisburg.

In „Die Widerständigen“ erforschen Katrin Seybold und Ula Stöckl das Schicksal aller Beteiligten der Nazi-Widerstandsgruppe Weiße Rose. Jeder kennt die Namen von Hans und Sophie Scholl, die zusammen mit Christan Probst als Anführer der Widerstandsgruppe Weiße Rose 1943 im Nationalsozialismus nach einer Flugblatt-Aktion verhaftet und kurze Zeit später zum Tode verurteilt wurden. Der Film widmet sich jedoch nicht nur diesen berühmten Vertretern des Nazi-Widerstands, sondern richtet den Blick auch auf all die Menschen der Flugblattaktionen der Weißen Rose, die im Hintergrund geblieben sind. Mittels Interviews von beteiligten Zeitzeugen lassen sie die damaligen Geschehnisse – die andauernde Furcht, die Verhöre, die Inhaftierungen – wieder aufleben. Katrin Seybold ist vor zwei Jahren gestorben, Ulla Stöckel hat das Projekt zu Ende gebracht.

 Noch in den Mediatheken

In der WDR-Mediathek zu sichten ist noch „Sound of Heimat“ von Arne Birkenstock und Jan Tengeler, der seine Zuschauer auf ein von einem auswärtigen und deshalb unbefangenen Musiker geführtes Roadmovie von der Volks- zur Volxmusik mitnimmt. Hier die Kritik. Und „Der gefährlichste Mann in Amerika“ steht in der Mediathek des ZDF. Thomas Gehringer schreibt über den Film. Und in der 3Sat-Mediathek steht noch „Ein Lied für Agyris“.  In der Satiresendung „Die Anstalt“ haben viele Zuschauer vermutlich zum ersten Mal von seinem Schicksal gehört. Agyris Sfountouris überlebte als Vierjähriger ein Massaker der SS im griechischen Dorf Distimo. Er verliert seine Eltern und 30 weitere Angehörige. ER kommt dann in ein Waisenhaus in Athen, später ind Schweiz in ein Kinderdorf, studiert, wird Mathematiker und Astrophysiker. Und musste sich zeitlebens mit dem Traum seiner Kindererfahrung auseinandersetzen. In „Ein Lied für Agyris“ erzählt Stefan Haupt vom Leben dieses Mannes, ein bewegender Film. In „Die Anstalt“ hat Agyris Sfountouris auch davon gesprochen, dass er keinerlei Entschädigung erhalten hat und dass sich erst vor kurzem Bundespräsident Gauck als erster für diese Massaker entschuldigt hat. Ein notwendiger Beitrag zur Debatte um Reparationszahlungen, um die sich die deutsche Regierung so lange und so erfolgreich gedrückt hat. „Ein Lied für Agyris“, 3Sat

 

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