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„Der gefährlichste Mann in Amerika“ von Judith Ehrlich und Rick Goldsmith

Edward Snowdon ist nicht der erste Whistleblower. Unter ganz anderen Bedingungen hat auch Daniel Ellsberg in den Siebzigern Geheimmaterial der Regierung über die Vietnam-Politik zugespielt. Er war für die US-Regierung damals „Der gefährlichste Mann in Amerika“ . Eine Gastkritik von Thomas Gehringer. ZDF-Info, Do 14.05.2015, 17.15 Uhr Die Digitalisierung hat auch den Whistleblowern die Arbeit erleichtert. Früher ging das so: Papiere aus einem Safe nehmen, kopieren und an Journalisten verteilen. Der Amerikaner Daniel Ellsberg hatte im März 1971 der „New York Times“ eine streng geheime Regierungs-Studie über die Vietnam-Politik der USA zugespielt. Die 7000 Seiten umfassenden „Pentagon-Papiere“ belegten, dass gleich mehrere Präsidenten das Engagement der USA in Indochina vor der Öffentlichkeit heruntergespielt hatten, während längst Krieg und Bombardements geplant worden waren. „Wir standen nicht etwa auf der falschen Seite. Wir waren die falsche Seite“, sagt Ellsberg im Dokumentarfilm „Der gefährlichste Mann in Amerika“.
Gegen die Veröffentlichung der „Pentagon-Papiere“ mitten im Vietnam-Krieg ging die Regierung Nixon mit allen Mitteln vor. Das FBI fahndete nach Ellsberg und seiner Frau, die tagelang untertauchten und in dieser Zeit weitere Zeitungen mit Kopien versorgten. Als sich der ehemals hochrangige Pentagon-Mitarbeiter schließlich stellte, drohten ihm laut Anklage 115 Jahre Gefängnis, unter anderem wegen Spionage und Verschwörung. Der Prozess wurde allerdings eingestellt. Und die Veröffentlichungs-Verbote, die die Regierung gegen die US-Presse erwirkt hatte, wurden vom Obersten Gericht kassiert. So geriet die Affäre schließlich zu einem Meilenstein in Sachen Pressefreiheit.
Vor einigen Jahren wurde Ellsberg von James Spader im Spielfilm „The Pentagon Papers“ dargestellt, doch der im Jahr 2010 für den Oscar nominierte US-Dokumentarfilm erzählt die politisch brisante Geschichte nicht weniger packend. Im Mittelpunkt steht der mittlerweile ergraute Ellsberg, der im August 1964 als junger, talentierter Wissenschaftler und ehemaliger Analyst der Rand Corporation, einer Denkfabrik der US-Streitkräfte, zum Pentagon wechselte. Er arbeitete Verteidigungsminister Robert McNamara zu und sammelte zum Beispiel Berichte über Gräueltaten des Vietcong – als Argumentationshilfe für McNamara, der Präsident Lyndon B. Johnson zu systematischen Bombardierungen überreden wollte. Ellsberg war überzeugt von der Mission, Vietnam vor dem Kommunismus zu retten.
Der schon vielfach geschilderte Vietnamkrieg wird hier einmal anders in den Blick genommen: Als persönliche Entwicklungsgeschichte. Wie wird aus einem Falken ein Kriegsgegner? Und: Wie wird aus einem braven Ministeriums-Mitarbeiter, der Tag und Nacht für die Kriegsplanung schuftet, der laut Henry Kissinger „gefährlichste Mann in Amerika“, der für seine Überzeugung auch ins Gefängnis gehen würde? „Wir müssen diesen Hurensohn drankriegen“, fordert Präsident Richard Nixon auf den Tonband-Aufzeichnungen aus dem Weißen Haus, wobei hier leider die Originalstimmen wegen der überlagernden deutschen Übersetzung meist kaum zu hören sind. Wenigstens diese Passagen zu untertiteln, wäre angebracht gewesen.
Das Autoren-Duo Judith Ehrlich und Rick Goldsmith hat akribisch Bildmaterial und Zeitzeugen-Aussagen gesammelt und zu einem spannenden Polit-Thriller montiert. Ihr Film bietet nicht nur wegen der Tiraden Nixons („Ich schere mich um die Zivilisten einen Dreck“) ernüchternde Einblicke in die amerikanische Administration während des Vietnamkriegs. Parallelen zu heutigen Konflikten drängen sich förmlich auf, und es verwundert nicht, wenn am Ende ein weißhaariger Daniel Ellsberg bei einer Demonstration gegen den Irakkrieg zu sehen ist – und von der Polizei abgeführt wird.

„Der gefährlichste Mann in Amerika“. Von Judith Ehrlich und Rick Goldsmith. ZDF-Info, Do 14.05.2015, 17.15-18.45 Uhr

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